Grebing, Helga

Geschichte: Personen A-K

Helga Grebing

Helga Grebing. Foto: Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung
 

Geboren 27. Februar 1930 in Berlin-Pankow; gestorben 25. September 2017 in Berlin.

Als Historikerin hat sie einen Schwerpunkt bei der Geschichte der Arbeiterbewegung und der Zeit des Nationalsozialismus gesetzt. Sie war Mitglied der Historischen Kommission beim Parteivorstand der SPD. In einem Nachruf der Berliner SPD heißt es: „Wir trauern um eine engagierte und überzeugte Sozialdemokratin und Berlinerin. Helga Grebing hat mit ihrer „Geschichte der Arbeiterbewegung“ unglaublich viel für die Historie der Sozialdemokratie erarbeitet“, erklärt die SPD-Landesgeschäftsführerin Anett Seltz. Anett Seltz weiter: „Dem demokratischen Sozialismus immer verpflichtet, hat sie seit Gründung der Historischen Kommission über Jahrzehnte die Arbeit der Kommission entscheidend mitgetragen und geprägt.  Wir werden sie vermissen und fühlen uns ihrem Anliegen und Erbe verpflichtet!“


© Foto: BWBS, Sylvia Wilbrecht

 

 

Helga Grebings Vermächtnis für uns

Helga Grebing und Karl-Heinz Niedermeyer 2014. Foto: Johanna Gisela Bechen

Helga Grebing und Karl-Heinz Niedermeyer 2014. Foto: Johanna Gisela Bechen

 

Erinnerungen von Karl-Heinz Niedermeyer, Mitglied der Abteilung City in Tempelhof-Schöneberg und Sprecher des Fachausschusses für Internationale Politik, Frieden und Entwicklung der SPD Berlin

 

Einen Tag nach der Bundestagswahl, am 25. September 2017 ist Helga Grebing, von Klaus-Jürgen Scherer in seinem Nachruf im „Vorwärts“ insbesondere wegen ihres epochalen Werks „Die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ als „bedeutendste sozialdemokratische Historikerin“ charakterisiert, im Alter von 87 Jahren gestorben.

Sie konnte und musste den  sicher als Tiefpunkt der Geschichte der SPD zu sehenden Wahltag des 24. 9. 17 nicht mehr bewusst verarbeiten, ihre Schriften bieten aber viele Hinweise und Anknüpfungspunkte, um aus diesem Ereignis die richtigen Schlüsse für eine hoffnungsvollere Zukunft der SPD zu ziehen.

Helgas Tod ist ein großer Verlust für die Sozialdemokratie und die „Arbeiterbewegung“ bzw. die sich der Jahrhundertidee des Sozialismus weiter verpflichtet fühlenden Parteien, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen, sondern auch für unsere SPD-Abteilung City in Tempelhof-Schöneberg, der sie mit ihrem Wohnsitz im Tertianum in der Ansbacher Straße in ihren letzten Lebensjahren angehörte.

Helga hat in ihrer humorvollen und unprätentiösen Art mit den ihr verbliebenen Kräften am Abteilungsleben teilgenommen, so dass wir Abteilungsmitglieder uns wohl aus der nachträglichen Sicht zu wenig bewusst waren, welche prominente Genossin wir über Jahre in unseren Reihen hatten.

Immerhin hatte ich zusammen mit ihr und unserem damaligen Schriftführer Paul Sokol, auf dessen Initiative dies zustande kam, die  Gelegenheit,  eine von einem historischen Film unterstützte Abteilungsveranstaltung zum Streik der Hamburger Hafenarbeiter von 1896/97 zu gestalten. Zudem gehört ein von meiner Frau Johanna Gisela Bechen gemachtes Foto von Helga und mir von einer Gedenkfeier zum Beginn der Deportationen jüdischer Menschen aus Berlin vom Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald zu meinen wichtigsten Erinnerungsstücken.

Aber wichtiger als diese persönlichen Bezüge ist für mich das politische Vermächtnis von Helga Grebing für die SPD, die für sie nicht nur Forschungsgegenstand, sondern mit ihrem Herzblut mitgetragene Solidaritätsgemeinschaft war.

Ihr Werdegang steht leitmotivisch für die sozialdemokratische Grundidee des Aufstiegs durch Bildung, nicht als individuelle Ausnahmeerscheinung, die Helga ja auch war, sondern in der solidarischen Gemeinschaftsanstrengung einer durch gemeinsame Lebensbedingungen und Erfahrungen und daraus erwachsenen gemeinsamen Ideen und Werten verbundenen Großgruppe, damals noch mit der Selbstbezeichnung „Arbeiterklasse“, mit der Helga Grebing im Konflikt mit der Herrschaft der SED und ihrer Interpretation von „Sozialismus“ bald ihre Schwierigkeiten hatte.

In den meisten, der schon jetzt zahlreichen Nachrufe -  so auch in dem in der taz vom 28.9., wird dieser Ausnahme-Werdegang gewürdigt: Herkunft aus proletarischen Verhältnissen, Vater Maurer, Mutter Verkäuferin,  Volksschule, Handelsschule mit dem Abschluss als geprüfte Kauffrau,  mit 17 Jahren Abitur an der Arbeiter- und Bauern-Fakultät der Berliner Humboldt-Universität, dann an dieser reguläres Studium der Fächer  Geschichte, Germanistik, Philosophie und Staatsrecht.  Die für ihre politische Haltung maßgeblichen Daten aus diese prägenden Lebensphase: 1948, also mit 18 Jahren, Eintritt in die SPD als bewusste Abgrenzung gegen das kommunistische Umfeld, 1949 Wechsel in den Westen und an die FU Berlin. 1952 Promotion bei dem eher konservativen Historiker Hans Herzfeld  mit einem ersten Aspekt ihres Lebensthemas Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung:   „Das Zentrum und die katholische Arbeiterschaft in der Weimarer Republik.“

Aus diesem Werdegang und der prägenden Auseinandersetzung mit dem verordneten „Klassenbewusstsein“ des Parteikommunismus ging auch ihre aus meiner Sicht immer noch Epoche machende Einordnung der SPD als – all zu lang ideologisch von ihrer Herkunft als Klassenpartei bestimmte - „schichtspezifische Integrationspartei“ hervor.  Gemeint ist eine Partei, deren Existenzberechtigung und Erfolgsbedingung in der Fähigkeit und tatsächlichen Leistung besteht, die Bedürfnisse, Interessen und Werte der als soziologische Gruppe zunehmend dahinschwindenden klassischen Arbeiterschaft zu verknüpfen mit denen der fortschrittlich eingestellten und für die Zukunft offenen Anteile der Mittelschichten wie Intellektuellen, Handwerkern, kleinen Gewerbetreibenden, Angestellten und Beamten. Der langfristige Erfolg der SPD hing für Helga Grebing allerdings an der Schichtspezifik, d.h. der auf die Herkunft als Klassenpartei zurück weisenden Einsicht, dass die SPD nur erfolgreich sein kann, wenn sie die Arbeiterschaft – übrigens unter sehr viel stärkerer Einbindung ihres weiblichen Anteils – mit Sprache und Inhalten ihrer Botschaften bei der Fahne hält, zugleich aber jederzeit offen bleibt für Menschen in Lebens- und Arbeitssituationen, die sich von denen der klassischen gewerkschaftlich organisierbaren Arbeitnehmerschaft unterscheiden.

An dieser für ihre Fortexistenz und Daseinsnotwendigkeit entscheidenden Integrationsleistung, die wesentlich darin besteht, gemeinsame Werte und Ziele für sehr unterschiedliche Zielgruppen zu verkörpern,  hat sich die SPD schon seit Beginn des letzten Jahrhunderts aufgerieben. Das Wahlergebnis vom 24.9.17 macht deutlich, in welchem Maße die SPD an dieser Integrationsaufgabe gescheitert ist und weiter zu scheitern droht. Dies liegt nicht einfach an den von Globalisierung und Digitalisierung angetriebenen grundlegenden Veränderungen der Arbeitswelt und daran, dass die Arbeitsbedingungen und Wertorientierungen der gut verdienenden, durch Tarifverträge und Gewerkschaftsbindung auch im Hinblick auf ihre Altersversorgung abgesicherten Facharbeiter bei VW und Daimler-Benz kaum noch auf eine Ebene zu bringen sind mit den Lebenslagen und Wertorientierungen von Solo-Selbständigen in der IT-Branche, der „Generation Praktikum“ an den Universitäten und in der Privatwirtschaft und den Millionen von prekär in Leiharbeit, Zeitarbeit und Minijobs Beschäftigten.

Solidarität innerhalb der die sozialdemokratische Bewegung tragenden Schichten  baute  lange darauf auf, dass sich Wähler/Innen und Gewählte, VertreterInnen in Gewerkschaften, Betriebsräten und ihre Auftraggeber/Innen durch die Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen Milieu mit einer gemeinsamen Sprache verbunden fühlten. Dieser Aspekt von Solidarität innerhalb der sozialdemokratischen Bewegung  hatte zwei Seiten: erstens die  Bereitschaft der von der Mitgliedschaft und Wählerschaft mit Führungsaufgaben Betrauten, sich jederzeit als Beauftragte ihrer Auftraggeber/Innen zu fühlen und auch so zu handeln, zweitens  die Bereitschaft dieser Auftraggeber/Innen ihren gewählten Vertreter/Innen Vertrauen zu schenken und ihnen im Interesse   der Verwirklichung der gemeinsamen Ziele auch ohne die heute so massiven Neidgefühle  die Mittel und die gesellschaftliche Stellung zuzugestehen, die mit ihrer Funktion verbunden sind. Diese wechselseitige Solidarität hat sich  aber mit dem weitgehend verloren gegangenen gemeinsamen  schichtspezifischen Zugehörigkeitsgefühl  gerade im ehemaligen sozialdemokratischen Wählermilieu so stark verflüchtigt, dass  hier die Politikverdrossenheit bis zum Hass auf die gesamte als unterschiedslos „volksfeindlich“ empfundene „politische Klasse“ am stärksten zu sein scheint.

Der beschriebene Prozess trifft inzwischen beide ehemalige „Volksparteien“ in vergleichbarer Weise. Es ist kein Zufall, dass die SPD ihre beste Zeit in den letzten hundert Jahren, die Helga Grebing in ihren Schriften ja immer wieder in den Blick genommen hat, in der Ära Brandt und Schmidt hatte, einer Zeit des Wirtschaftswachstums und der Vollbeschäftigung, in der sich charismatische SPD-Kanzler um den Frieden in der Welt, innere Sicherheit und Bildungsreformen kümmerten, während ehemalige Gewerkschaftsführer wie Georg Leber und Walter Arendt mit zählbaren Ergebnissen und nicht allein mit allgemeinen Parolen für soziale Gerechtigkeit sorgten.

Es war auch die Zeit, in der bei einer Wahlbeteiligung von über 90 Prozent, 90 % der Wählerschaft für die beiden großen Parteien votierten, auch eine Zeit, in der es gelang, mit Visionen von einer Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern im Osten und mit einer Wirtschaftspolitik, die wachsenden Wohlstand mit einer als weitgehend gerecht empfundenen Verteilung der gemeinsam erarbeiteten Zuwächse verband, fast die Hälfte der Wählerschaft an die Sozialdemokratie zu binden und Mitgliederzahlen zu erreichen, von denen wir heute nur noch träumen können. 

Was lehrt uns die historische Analyse von Helga Grebing? Die SPD muss ein neues Zugehörigkeitsgefühl zwischen Menschen und Gruppen mit unterschiedlicher Herkunft, Lebens- und Arbeitssituationen und Lebenszielen schaffen. Helga Grebing hat auf einer menschliche Ebene vorgelebt, wie dies wieder möglich werden kann, als einfaches, vielfach nicht besonders beachtetes Parteimitglied, das sich aber die kritische Sicht  auf die Realität bewahrt  und mit wissenschaftlich geschultem Blick den Kern der Probleme erfasst hat. Sie wird uns ebenso  mit ihrer Klugheit und Weitsicht wie mit ihrer mit Berliner Urwüchsigkeit gewürzten schlichten Menschlichkeit in Erinnerung bleiben, aber auch sehr fehlen. 

 

 

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