Buße, Willy

Geschichte: Personen A-K

Willy Buße

Braun raus, Rot rein
Willy Buße: Der Neuanfang in Tempelhof

„Wir waren ja das, was man einfache Genossen nennt“, sagt Willy Buße. „Am 17. Juni, da hatten meine Frau und ich zu den bereits aktiven Tempelhofer Genossen noch gar keine Verbindung.“ Von der Gründungsversammlung der SPD im „Deutschen Hof“ hören Charlotte und Willy Buße deshalb erst mit Verspätung – so wie viele Sozialdemokraten im zerstörten Berlin.
Eingetreten sind sie dann nur vier Tage später, am 21. Juni 45. „ Da hatten Tempelhofer Sozialdemokraten in einem leerstehenden Laden ein kleines Büro eingerichtet“, erinnert sich Willy Buße. „Wir sind dort natürlich gleich hingegangen.“
Der Laden hatte bis dahin bei ihnen immer als der „braune Laden“ gegolten. Hier hausten bis zum Einmarsch der Sowjets die Nazis. Für die verlassenen Räume, so Willy Buße, hatten die Tempelhofer Sozialdemokraten immerhin schon die nötigsten Büromöbel organisiert, um mit der Arbeit beginnen zu können.
Schon im Mai hatten sich Tempelhofer Genossen, getroffen. Einer von ihnen, Fritz Neubecker, gehörte zu den Mitgliedern des ersten Zentralausschusses der SPD, der sich am 1. Juni 45 konstituierte. Bei ihm in seiner Wohnung im Kleineweg trafen sich schon am 21. Mai –noch illegal- die SPD-Kreisvorsitzenden aus der Zeit vor 33, die noch erreichbar waren.
Allzu lange dauerte es nicht, dieses erste Treffen. Im Nebenhaus von Fritz Neubecker saß die russische Geheimpolizei, der kein Grund zum Eingreifen geliefert werden sollte. Erst nach der Genehmigung antifaschistischer deutscher Parteien am 10. Juni konnten solche Treffen legal stattfinden.
Otto Burgemeister, von 1947 bis 1951 Tempelhofer Bürgermeister, gehörte zu den Teilnehmern dieser ersten Zusammenarbeit. Er wohnte während der Nazi-Zeit in der Kaiser-Willhelm-Straße, der heute nach ihm benannten Burgemeisterstraße, schräg gegenüber von der Wohnung von Willy und Charlotte Buße.
„Auch während des Krieges sah man sich und grüßte sich auf der Straße“, sagt Willy Buße. „Aber politische Gespräche, die gab es nicht.“ 1933, beim Verbot der SPD, war Willy Buße gerade 25 Jahre, Gruppenkassierer in seiner Neuköllner Abteilung und Mitglied im Reichsbanner. Erst seit der Jahreswende 34/35 wohnte er wieder in Tempelhof, dem Heimatbezirk seiner Frau Charlotte, die er in der Sozialistischen Arbeiterjugend kennen gelernt hatte. Jetzt noch Kontakte zu den führenden Tempelhofer Sozialdemokraten zu knüpfen, war fast unmöglich.
„Die Partei wurde 1945 so wieder gegründet“, erinnert sich Willy Buße, „wie sie vor 33 war. Da gab es die Abteilungen Neu-Tempelhof, Tempelhof, Mariendorf, Marienfelde und Lichtenrade. Unsere Abteilung Tempelhof reichte vom Kanal bis zur S-Bahn. Sie wurde später dann geteilt.“
Am 24. Juni traf sich die Abteilung Tempelhof zum ersten Mal, nur etwas mehr als eine Woche später, am 2. Juli 45, stellte Otto Brugemeister den Antrag auf Registrierung der Tempelhofer SPD. „Abteilungsversammlungen“, sagt Willy Buße, „fanden zumeist in der Luise-Henriette-Schule statt, Gruppentreffen, die so genannten Zahlabende, waren in Lokalen.“ Vor dem Tempelhofer Rathaus trafen sich zu dieser Zeit jeden Morgen die Arbeitslosen, zu denen auch Willy Buße gehörte, um von dort in Krankenhäuser oder Betriebe vermittelt zu werden. Im Herbst fand Willy Buße eine feste Stellung in der Schöneberger Schlüter-Brotfabrik. „Auch in den Betrieben“, erinnert er sich, „wurden noch im Herbst 45 die ersten SPD-Betriebsgruppen aktiv.“
Jeden Morgen verkaufte er vor dem Fabriktor die SPD-Zeitung „Das Volk“. Sonntags vormittags trafen sich die Mitglieder SPD-Betriebsgruppe in einem Schöneberger Lokal. „15 bis 20 waren wir eigentlich immer. In erster Linie haben wir dort unsere Haltung gegenüber der KPD festgelegt, die ebenfalls eine starke Betriebsgruppe hatte und den Betriebsratsvorsitzenden stellte.“
Schon bei den nächsten Betriebsratswahlen allerdings errangen die Sozialdemokraten die Mehrheit, Willy Buße wurde Betriebsratsvorsitzender. „Curt Swolinzky war damals unser Tempelhofer SPD-Kreisvorsitzender. Er hatte hier am Tempelhofer Damm ein Textiliengeschäft“, erinnert sich Willy Buße. Im Hinterzimmer dieses Geschäftes wurde im Frühjahr 1946 auch ein Stück SPD-Geschichte geschrieben. Hier tragen sich die Gegner der Vereinigung von KPD und SPD, um ihre Taktik abzusprechen.
Als Swolinzky zusammen mit Germer und K.P. Schulz beauftragt wurde, den Aktionsausschuss zur Durchführung einer Urabstimmung unter den Berliner Sozialdemokraten zu leiten, schloss ihn der Zentralausschuss der SPD unter Grotewohl wegen „parteischädigenden Verhaltens“ aus. Nach der Urabstimmung gehörte Swolinzky dann zur Berliner Parteiführung um Franz Neumann.

Ulrich Horb

aus: Berliner Stimme, Juni 1985