1932-02-23 Reichstagsrede Schumachers

23. Februar 1932 - Reichstagsrede Schumachers

Goebbels hält eine seiner demagogischen Reden, wirft dem Reichspräsidenten von Hindenburg vor, sich auf die Seite der Sozialdemokratie gestellt zu haben und sagt: „Gelobt von der Berliner Asphaltpresse, gelobt von der Partei der Deserteure.“ Ein ungeheurer Tumult entsteht. Die NS-Abgeordneten klatschen stürmischen Beifall, es hagelt erregte Zurufe von den Sozialdemokraten. Präsident Löbe (SPD) versucht vergeblich, Ruhe herzustellen und Goebbels zur Zurücknahme der Beleidigung zu bringen. Der Kriegsinvalide Kurt Schumacher ruft Goebbels zu: „Sie waren keinen Tag an der Front!“
Der Präsident mahnt ihn zur Ruhe. Goebbels redet weiter, während Schumacher und Mierendorff zur Rednertribüne vordringen, und provoziert: „Die Juden der Berliner Asphaltpresse heben heute den Feldmarschall auf den Schild. Es sind dieselben Juden und Sozialdemokraten -“ Wieder Tumult, Unterbrechung des Plenums, Sitzung des Ältestenrates und Ausschluß Dr. Goebbels von dieser Sitzung.
Die Debatte wird fortgesetzt. Schumacher spricht: „Es hat keinen Zweck, gegen die Ungeheuerlichkeiten, die aus dem Munde der Herren Goebbels und Strasser kamen, mit einem formalen Protest anzugehen. Diese Dinge sind ja nur Teile eines ganzen Systems der Agitation. Wir wenden uns dagegen, auf diesem Niveau moralischer und intellektueller Verlumpung und Verlausung zu kämpfen.“ Präsident Löbe ruft ihn zur Ordnung. Die NSDAP-Fraktion macht Krach, aber Schumacher übertönt den Lärm der hundert Nazis: „Das deutsche Volk wird Jahrzehnte brauchen, um wieder moralisch und intellektuell von den Wunden zu gesunden, die ihm diese Art von Agitation geschlagen hat! ... Eine Auseinandersetzung ist schon darum nicht möglich, weil wir in den Nationalsozialisten nicht das gleiche Niveau achten können ... die Herren bringen auch keinerlei Voraussetzungen mit, um ein kritisches Urteil über uns abgeben zu können. Die ganze nationalsozialistische Agitation ist ein dauernder Appell an den inneren Schweinehund im Menschen.“
Dieser Satz ist zu einem geflügelten Wort in der Politik geworden, tausendmal zitiert und unvergessen bei Freund und Feind. Die volle Wucht und die schneidend-kalte Schärfe wird freilich erst dann – körperlich fühlbar – deutlich, wenn man die über NS-Zeit und Kriegswirren hinweg erhalten gebliebene Tonaufnahme dieser Rede hört. Schumacher wird an dieser Stelle erneut vom Präsidenten wegen der nicht parlamentarischen Formulierung ermahnt. Er läßt sich weder dadurch, noch durch den tosenden Lärm der Gegner beirren:
„Wenn wir irgend etwas beim Nationalsozialismus anerkennen, dann ist es die Tatsache, daß ihm zum erstenmal in der Politik die restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit gelungen ist.“
Er untermauert seine Rede durch immer präsente Fakten, nennt Namen von NS-Größen, die wegen Spionage, wegen Feigheit vor dem Feinde oder wegen Verleumdungen Schumachers verurteilt wurden, glossiert Goebbels, den Verursacher dieser tumultgeladenen Plenarsitzung: er habe sich wie ein großer Leitartikel gebärdet und sei doch nur ein kleines, mißratenes Feuilleton. Und er schließt, zu den Nazis gewendet: „Sie können tun und lassen was Sie wollen, an den Grad unserer Verachtung werden Sie nie heranreichen!“
(aus: Friedrich Heine: Kurt Schumacher, ein demokratischer Sozialist europäischer Prägung. Göttingen u.a. 1969)

 

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