8. März - auch ein Tag der Frauen mit Behinderung

8. März - auch ein Tag der Frauen mit Behinderung

Die UN-Behindertenrechtskonvention erhebt nicht nur grundsätzliche Forderungen für die
gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen als verbindliches Menschenrecht. Der Artikel 6 verpflichtet die Vertragsstaaten auch ausdrücklich, alle Maßnahmen zum Schutz von Frauen und Mädchen mit Behinderungen gegen Diskriminierung zu ergreifen. Die Staaten müssen „.. garantieren, dass sie die in diesem Übereinkommen genannten Menschenrechte und Grundfreiheiten ausüben und genießen können.“ In der Praxis sieht das aber leider oft anders aus.
Frauen mit Behinderungen werden doppelt diskriminiert – aufgrund ihres Geschlechts und zusätzlich aufgrund der Behinderung. Sie sind stärker von Gewalt - körperlicher, psychischer, sexueller und „struktureller“ - betroffen als Frauen des Bevölkerungsdurchschnitts. Gewalt wirkt grundsätzlich stärker, da die leidtragenden Frauen aufgrund ihrer speziellen Situation z.B. wesentlich sensibler und verwundbarer sind.
In einer nationalen Studie* wurden Diskriminierungen und Gewalterfahrungen bei Frauen mit Lerneinschränkung und psychischen Erkrankungen sowie körperbehinderten Frauen untersucht. Die Befragten lebten entweder in Privathaushalten oder in Einrichtungen. Oft litten sie zusätzlich noch unter psychischen Problemen.
Frauen in Einrichtungen haben es besonders schwer. Nicht nur, daß der Alltag festgelegt ist; sie bevormundet und sozial ausgegrenzt werden; in ihrer Freiheit und Selbstbestimmung eingeschränkt sind – sie sind noch stärker von der Gewalt durch BewohnerInnen und Personal betroffen. In diesem Fall sind sie wenig geschützt; Privatsphäre fehlt weitgehend.
Generell müssen Frauen mit Behinderungen – besonders psychischer Art - während ihrer Kindheit und Jugend wesentlich häufiger Gewalt erleben als Frauen des Bevölkerungsdurchschnitts. Die Gewalt setzt sich oft im weiteren Leben fort. Sie wird als auch schwerer und gefährlicher eingestuft und drückt sich z.B. in Beleidigungen, Demütigungen, Unterdrückung und Drohungen aus; sodass sich letztlich ein Minderwertigkeitsgefühl entwickelt. Frauen in Privathaushalten leiden besonders häufig unter psychischer Gewalt durch Personen in Behörden und Institutionen. Man kann das als strukturelle Gewalt bezeichnen, die sich in den vielfältigsten Diskriminierungen äußert: z.B. in ungerechter Behandlung, Bevormundung, Angestarrt- und einfach Geduztwerden. Viele Frauen (über 50 % in Haushalten!) haben große Angst vor finanziellen Problemen und Existenzverlust.
Frauen in Paarbeziehungen (oder bei den Eltern) sind noch häufiger von Gewalt, welche z.B. oft durch Überforderung verursacht wird, betroffen. Die Abhängigkeit verstärkt die Schutzlosigkeit. Eine Trennung ist deshalb mit noch größeren Schwierigkeiten verbunden als bei weibliche Personen im Durchschnitt. Ihr Zugang zu Beratungsstellen und Frauenhäusern ist auch schwieriger. Gerade hier besteht Handlungsbedarf für die Länder und Kommunen. Es gibt viel zu wenig barrierefreie und niedrigschwellige Hilfsangebote und Zufluchtsmöglichkeiten. Auch müssten die in den Beratungsstellen Tätigen stärker für die besonderen Probleme von Frauen und Mädchen mit Behinderungen sensibilisiert werden und sich die entsprechenden Kenntnisse aneignen.
Antje Szardning, Mitglied des Vorstandes der AG Selbst Aktiv – Menschen mit Behinderungen in der SPD Berlin

* „Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland“ - Untersuchung der Universität Bielefeld im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. 2012.