Raed Saleh antwortet der AfB

Die AfB fragt - Raed Saleh antwortet

Raed Saleh
 

1. Was wirst du in den nächsten zwei Jahren im Bildungsbereich umsetzen, sodass die
SPD bei den nächsten Wahlen zum Abgeordnetenhaus konkrete positive
Entwicklungen im Bildungsbereich präsentieren kann?


Wir haben in den vergangenen drei Jahren bereits zahlreiche wichtige
bildungspolitische Entscheidungen auf meine Initiative bzw. die der Fraktion
getroffen, die uns eine gute Ausgangsvoraussetzung für die nächsten Wahlen
verschaffen. Daran will ich als Regierender Bürgermeister anknüpfen .
Durch das Brennpunktschulprogramm wird über 200 Schulen konkret und
wirkungsvoll geholfen, ihre pädagogisches Angebot zu verbessern und den
Herausforderungen gerade in den Kiezen gerecht zu werden, wo es viel Armut und
Familien in schwierigen Lagen gibt. Mir ist wichtig, dass die Schulen vor Ort selber
über die Verwendung der Mittel entscheiden können, da sie selbst am besten wissen,
welche Maßnahmen in der jeweiligen Situation den größten Nutzen bringt.
Wir haben die sogenannte Hortlücke geschlossen und können so endlich eine
Ganztagsbetreuung auch in den 5. und 6. Klassen der Grundschule sicherstellen.
Wir haben die Qualität des Mittagessens in den Schulen verbessert, geben als Land
mehr Geld für eine gute Verpflegung an den Schulen aus und haben gleichzeitig aber
auch die Eltern in die Verantwortung genommen.


Ab diesem Jahr gibt es die ersten Verwaltungsleiter an den Berliner Schulen, die die
Schulleitungen bei der Vielzahl der administrativen Aufgaben unterstützen. Ich will,
dass wir dieses Programm ausbauen und noch mehr Schulen mit Verwaltungsleitern
ausstatten.


Wir haben eine neue Konsequenz beim Umgang mit SchulschwänzerInnen
eingeführt. Es ist mir ein großes Anliegen, dass alle Kinder die Schule besuchen. Dort
wo Schuldistanz droht müssen wir helfen und die Eltern in die Pflicht nehmen.
Defizite, die durch Schulwänzen entstehen lassen sich in der weiteren
Bildungsbiographie oft kaum wieder ausgleichen.


Jenseits der bereits erfolgten Weichenstellungen gibt es weitere wichtige Vorhaben
für die kommenden Monate . Mir ist wichtig, dass wir bei der Inklusion endlich voran
kommen und den Einstieg schaffen, in ein tatsächlich inklusives Schulsystem. Wichtig
ist auch, die Grundschulen zu stärken, dafür zu sorgen, dass die Zahl der unbesetzten
SchulleiterInnenstellen deutlich reduziert wird und alles dafür getan wird, eine
ausreichende Zahl von Lehrerinnen und Lehrern einzustellen. Ich will, dass wir
gemeinsam beraten, wie wir den LehrerInnenberuf in Berlin attraktiver machen und
die LehrerInnen bei ihrer wichtigen Arbeit unterstützen können. Dies könnte zum
Beispiel durch die Beschäftigung zusätzlichen nicht-pädagogischen Personals
geschehen, das die LehrerInnen bei den vielen nicht-pädagogischen Aufgaben
entlastet.


Die Bildungspolitik wird ein wichtigen Schwerpunkt meiner Arbeit als Regierender
Bürgermeister bilden. Ich möchte, dass wir gemeinsam beweisen, dass ein Aufstieg
durch Bildung in Berlin möglich ist und zwar für möglichst alle junge Menschen.
Segregation/Inklusion


2. Schülerinnen und Schüler werden an Berliner Schulen getrennt unterrichtet,
abhängig vom sozialen Status ihrer Eltern. Dies hat einen Einfluss auf die Leistungen
der Schülerinnen und Schüler: insbesondere Kinder aus sozial schwachen Familien
leiden unter der derzeitigen Situation. Wie willst Du der Segregation an Berliner
Schulen entgegentreten
?


Ich bin stolz darauf, dass wir mit der Schulstrukturreform – an der ich in der letzten
Legislaturperiode als Mitglied des Bildungsausschusses aktiv beteiligt war – die
Voraussetzungen dafür geschafft haben, dass in Berlin alle Schulen einen regulären
Weg bis zum Abitur aufweisen. Gleichzeitig haben wir mit der ISS eine Schulform
eingeführt, die zu mehr Heterogenität in den Klassen führt. Dass es für Gymnasien
nicht mehr möglich ist Kinder abzuschulen und ein neu organisierter Übergang von
der Grundschule zum Gymnasium bzw. der ISS, tragen ebenfalls zu mehr
Heterogenität bei.


Wir haben also bereits einiges gegen Segregation getan und von eine getrennten
Unterrichtung in Abhängigkeit vom sozialen Status kann keine Rede sein. Dennoch
gibt es immer noch Segregationstendenzen, die mir Sorgen machen. Das beginnt
insbesondere schon in den Grundschulen Dort haben wir in vielen gemischten
Kiezen, in denen das gesellschaftliche Miteinander gut klappt stark entmischte
Schulen. Das liegt daran, dass die eher einkommensstarken und die
bildungsorientierten Eltern der Qualität der Kiezschulen nicht vertrauen. Da will ich
ansetzen. Ich will unsere Grundschulen so unterstützen, dass sie sich zu starken
Kiezschulen entwickeln, die für alle Kinder im Einzugsbereich ein attraktives Angebot
machen.


Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt können Bildungsverbünde sein, die zu einer
Stärkung der beteiligten Schulen und einer guten Einbindung in die Kieze beitragen.
Es gibt in Berlin sehr erfolgreiche Beispiele, von denen wir viel lernen können. Darum
möchte ich System entwickeln, mit dem wir die Kooperation von
Bildungseinrichtungen von der Kita über die Grundschulen bis zu den ISS und
Gymnasien verlässlich unterstützen.


Ein weiterer Aspekt, mit dem wir der Segregation entgegenwirken können, ist den
Schwerpunkt beim Probejahr am Gymnasium auf die Förderung und nicht die
Selektion zu legen. Wir müssen Anreize dafür schaffen, dass die Gymnasien die
SchülerInnen in der 7. Klasse vor allem unterstützen und stärken und nicht
versuchen, möglichst viele wieder loszuwerden. An vielen Gymnasien ist das bereits
Praxis. Daran will ich anknüpfen.


3. Derzeit beginnen viele Berliner Schüler nicht nur ihre Schulzeit mit starken
Sprachdefiziten. Viele verlassen die Schule ohne ausreichend Sprachkenntnisse, um
eine Berufsausbildung anfangen zu können. Wie willst du gewährleisten, dass sich
alle Berliner Kinder spätestens zum Ende der Grundschulzeit fließend und fehlerfrei
in Deutsch ausdrücken können?


Mein Anspruch ist, dass die Kinder bereits beim Eintritt in die Grundschule die
deutsche Sprache beherrschen. Dies gelingt, wenn die Kinder zuvor die Kita besuchen
und mögliche Sprachdefizit gezielt ausgeglichen werden. Aus diesem Grund haben
wir in diesem Jahr die Sprachstandsfeststellung von 5 Jahren auf 4 1/2 Jahre
vorverlegt und die verbindliche Sprachförderung für Nicht-Kita-Kinder mit
Sprachdefiziten deutlich ausgeweitet. Gleichzeitig haben wir mehr Verbindlichkeit bei
den Sprachtests und der Sprachförderung eingeführt.
Zur Verbesserung der Sprachförderung gibt es nach meiner Ansicht zwei zentrale
Ansatzpunkte. Zum einen will ich die Kitas weiter stärken und neben dem
quantitativen Ausbau (d.h. mehr Plätze) auch in die Qualität der Kitas investieren.
Zum anderen müssen wir auch die Grundschulen weiter stärken, um insbesondere in
der Schuleingangsphase die individuelle Förderung und Sprachförderung zu
verbessern.


4. Die Inklusion an Berliner Schulen steht nach wie vor als eine der großen, noch nicht
umgestezten Aufgaben im Berliner Schulsystem. Welche Ideen hast du, wie die
Berliner Schule zu einer inklusiven Schule umgestaltet werden kann und dieser Weg
von den Lehrkräften Eltern und den Schülern gemeinsam getragen wird?


Ich habe in den letzten Jahren gute Erfahrungen gemacht komplexe gesellschaftliche
Herausforderungen in einem breit angelegten Dialog zu diskutieren. Die Inklusion ist
eine solche große gesellschaftliche Herausforderung. Wir werden sie nur bewältigen
können, wenn wir sie im Dialog mit allen Betroffenen angehen. Im schulischen
Kontext sind neben den betroffenen Eltern und Kindern auch die Lehrerinnen und
Lehrer sowie die Eltern der Kinder, die eine Regelschule besuchen, einzubeziehen. Es
gibt auf allen Seiten zahlreiche Ängste und Befürchtungen, die man nur durch
Offenheit und Ehrlichkeit beseitigen kann.


Ich verfolge das Ziel, dass wir allen Kindern – entsprechend der UNMenschenrechtskonvention
– eine inklusive Beschulung ermöglichen. Hierfür
benötigen wir zusätzliches Personal und erhebliche Mittel zur baulichen
Umgestaltung der Schulen. Wahrscheinlich ist eine Umsetzung dieser Schritte nur in
einem Stufenplan möglich.


Darüber hinaus werden wir den Eltern und Kindern weiter eine gewisse
Wahlmöglichkeit einräumen müssen. Der Wunsch von Eltern, Kind in einem
Förderzentrum zu beschulen, das auf die besondere Situation des Kindes spezialisiert
ist, müssen wir respektieren.


Ein weiterer Schwerpunkt hin zur Inklusion muss auf der Weiterbildung der
Lehrerinnen und Lehrer liegen. Wir dürfen die Lehrkräfte mit den zusätzlichen
Aufgaben und Herausforderungen nicht alleine lassen und müssen sie in die Lage
versetzen, die inklusive Schule zu gestalten.
Raumbedarf


5. Schulen in schwieriger Lage haben besonderen Raumbedarf für Förderung der
Schülerinnen und Schüler (Gruppenteilung, Förderung in kleinengruppen,
Einzelförderng...). Dieser Bedarf wird derzeit den Schulen nicht ausreichend
zuerkannt. Wirst du was dagegen tun?


In der wachsenden Stadt Berlin bekommen wir es mit einem sich bereits heute
abzeichnenden Mangel an Schulgebäuden zu tun. Wir werden erhebliche
Investitionen in den kommenden Jahren mobilisieren müssen, um dem Raumbedarf
Gerecht zu werden. Bei den Neubauten müssen wir selbstverständlich
Barrierefreiheit garantieren und eine räumliche Situation schaffen, die auch eine
besondere Förderung möglich macht.


Zur Ehrlichkeit gehört aber auch, dass wir bei bestehenden Schulgebäuden große
Schwierigkeiten haben werden eine neues Raumangebot zu schaffen. Die Priorität
wird in den nächsten Jahren auf dem Erhalt der Substanz und dem Ausbau der
Kapazitäten liegen müssen.


6. In Berlin haben wir eine Milliarde Euro Sanierungsstau. Wie willst du diesem
Missstand begegnen?


Ich habe gemeinsam mit den Finanzpolitikern den Vorschlag gemacht, künftig jeweils
die Hälfte der jährlichen Haushaltsüberschüsse für einen Investitionsfonds zu
verwenden. Mit Hilfe dieses Fonds, aus dem zum Beispiel auch der Neubau und die
Sanierung von Schulen und Hochschulen erfolgen sollen, wollen wir dem
Investitionsstau begegnen. Die frei werdenden BaföG-Mittel sollen hier ebenfalls
genutzt werden.

An der von mir bereits durchgesetzten Verdopplung des Schul- und Sportanlagen-
Sanierungsprogramms kann man ermessen, dass mir die Sanierung der
Bildungsinfrastruktur besonders am Herzen liegt.


7. Qualität der Lehramtsausbildung in Berlin entspricht nicht den Ansprüchen des
Alltags an Berliner Schulen. Damit bleibt der Lehrberuf unattraktiv und Berlin kämpft
mit einem eklatanten Lehrermangel. Was willst Du tun, um dem Lehrermangel sowie
der unzureichenden Qualität der Lehramtsausbildung zu begegnen?


Wir haben erst vor einigen Monaten die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer neu
geregelt. Das neue Lehrkräftebildungsgesetz stellt sicher, dass die künftigen Lehrer
auf hohem Niveau ausgebildet werden und in die Lage versetzt werden, den hohen
Anforderungen an der LehrerInnenberuf in Berlin gerecht zu werden.


Ich bin sehr stolz, dass es uns gelungen ist, durch die Einstellung von weit über 2000
LehrerInnen in diesem Jahr einen LehrerInnenmangel in Berlin zu vermeiden. Auch in
den nächsten Jahren besteht ein großer Ersatzbedarf. Um sicherzustellen, dass wir
weiter alle freien LehrerInnenstellen besetzen können, müssen wir neben den
Laufbahnbewerbern, die wir in Berlin ausgebildet haben, auch weiter um
LehrerInnen aus anderen Bundesländern werben. Die Erfahrungen des jüngst
begonnen Schuljahrs zeigen, dass Berlin für viele Leherinnen und Lehrer aus andeen
Bundesländern eine große Attraktivität besitzt. Entsprechend konnten wir eine große
Zahl an BewerberInnen aus anderen Bundesländern für Berlin gewinnen