Michael Müller AfB

Die AfB fragt - Michael Müller antwortet

Michael Müller im Abgeordnetenhaus
 

1. Was wirst du in den nächsten zwei Jahren im Bildungsbereich umsetzen, sodass die SPD bei den nächsten Wahlen zum Abgeordnetenhaus konkrete positive Entwicklungen im Bildungsbereich präsentieren kann?

Auch bei der nächsten Abgeordnetenhauswahl wird unsere bildungspolitische Bilanz eine bedeutende Rolle spielen. Nicht nur aus diesem Grund müssen wir dem Bildungsbereich einen entscheidenden Stellenwert beimessen. Gerade für Berlin ist gute Bildung die Zukunftsperspektive. Wir brauchen deshalb starke Kitas, Schulen und Hochschulen. In den nächsten beiden Jahren wird es aus meiner Sicht insbesondere auf folgende Punkte ankommen:
1. Als wachsende Stadt müssen wir die quantitativen Herausforderungen meistern. Wir brauchen noch mehr neue Kita- und Schulplätze. Das ist die Voraussetzung für alle anderen bildungspolitischen Maßnahmen. Zu diesem Ausbau gehört es auch, dass wir Beschulung von Flüchtlingskindern und ausreichend Willkommensklassen sichern.
2. Der bauliche Zustand vieler Schulen ist schlecht – trotz der Millionen Euro, die in den vergangenen Jahren in die Sanierung gegangen sind. Deshalb müssen wir hier eindeutig bei den Investitionen einen Schwerpunkt legen.
3. Wir müssen die nächsten Schritte bei qualitativen Verbesserungen gehen. Zum Beispiel bei der Unterstützung von Schulen und Kitas in sozial benachteiligten Kiezen und bei der Inklusion. Es war richtig, dass wir bereits in der letzten Legislaturperiode den Versuch gestoppt haben, Inklusion „kostenneutral“ umzusetzen. Eine gelungene Inklusion benötigt finanzielle Ressourcen.

Segregation/Inklusion
2. Schülerinnen und Schüler werden an Berliner Schulen getrennt unterrichtet, abhängig vom sozialen Status ihrer Eltern. Dies hat einen Einfluss auf die Leistungen der Schülerinnen und Schüler: insbesondere Kinder aus sozial schwachen Familien leiden unter der derzeitigen Situation. Wie willst Du der Segregation an Berliner Schulen entgegentreten?

Wir müssen die Schulen in sozialen Brennpunkten bzw. die benachteiligten Schülerinnen und Schüler stärken. Ein wichtiger Schritt war die Einführung des Bonus- bzw. Brennpunktschulprogramms über das rund 200 Schulen bis zu 100.000 Euro jährlich zusätzlich erhalten. Dieses Programm möchte ich in jeden Fall erhalten, nach Möglichkeit sogar ausbauen. Zum Beispiel auf berufliche Schulen. Aber auch bei anderen Entscheidungen muss die soziale Lage der Kinder und Familien in den jeweiligen Kiezen bzw. Einrichtungen Berücksichtigung finden. Ich denke hier zum Beispiel an den Kita-Ausbau oder die Personalausstattung. Auch der Ausbau der Ganztagseinrichtungen und der Hortbetreuung ist gerade für sozial Benachteiligte von großer Bedeutung. Nicht zu vergessen sind auch die Gemeinschaftsschulen, die fester Bestandteil des Berliner Bildungssystems sind.

3. Derzeit beginnen viele Berliner Schüler nicht nur ihre Schulzeit mit starken Sprachdefiziten. Viele verlassen die Schule ohne ausreichend Sprachkenntnisse, um eine Berufsausbildung anfangen zu können. Wie willst du gewährleisten, dass sich alle Berliner Kinder spätestens zum Ende der Grundschulzeit fließend und fehlerfrei in Deutsch ausdrücken können?
Sprachförderung muss bereits vor der Schule beginnen. Aus diesem Grund haben wir die Sprachförderung für die Kinder ausgeweitet, die vor der Einschulung Defizite haben. Sie bekommen jetzt 18 Monate vor der Schule eine Förderung, der Stundenumfang wurde ausgeweitet. Ein weiterer Baustein ist die bessere Zusammenarbeit zwischen Kita und Schule. Gut, dass jetzt leichter das Sprachlerntagebuch weitergegeben werden kann. In der Schule kommt es darauf an, dass wir die ausreichenden Ressourcen für eine gezielte Förderung zur Verfügung stellen. Aber auch die Lehrkräfte müssen in die Lage versetzt werden, dass sie die Schülerinnen und Schüler bestmöglich unterstützen können. Dazu zählt es, dass bereits in der Lehrkräftebildung die Fragen von Heterogenität und Sprachförderung eine größere Berücksichtigung finden.

4. Die Inklusion an Berliner Schulen steht nach wie vor als eine der großen, noch nicht umgesetzten Aufgaben im Berliner Schulsystem. Welche Ideen hast du, wie die Berliner Schule zu einer inklusiven Schule umgestaltet werden kann und dieser Weg von den Lehrkräften Eltern und den Schülern gemeinsam getragen wird?
Inklusion kann nicht ohne Mehrausgaben umgesetzt werden. Neben der Bereitstellung finanzieller Mittel wird es darauf ankommen, dass wir die Lehrkräfte ausreichend auf diese Aufgabe vorbereiten. Auch dies muss für die zukünftigen Lehrkräfte bereits im Studium erfolgen, für die jetzigen Lehrkräfte brauchen wir ausreichend Fortbildungsangebote. Und schließlich muss es uns gelingen, eine ausreichend Akzeptanz zu schaffen: Deshalb war es notwendig, dass die Bildungsverwaltung für diesen Prozess einen Beirat eingerichtet hat. Daran müssen sich ein breiter Dialog und eine umfassende Information über die Inklusive Schule anschließen. Mein Ziel ist es, dass Eltern für ihr Kind frei entscheiden können, ob ihr Kind an einer Regelschule lernen soll und dabei die Gewissheit haben, dass es dort die bestmögliche Unterstützung bekommt.

Raumbedarf
5. Schulen in schwieriger Lage haben besonderen Raumbedarf für Förderung der Schülerinnen und Schüler (Gruppenteilung, Förderung in Kleingruppen, Einzelförderung...). Dieser Bedarf wird derzeit den Schulen nicht ausreichend zuerkannt. Wirst du was dagegen tun?

Wir sollten hier auf die Pädagoginnen und Pädagogen hören, die uns sagen, dass der Raum der dritte Pädagoge ist. Und wir haben in Berlin leider zunehmend eine Raumknappheit. Insbesondere Schulen in schwieriger Lage brauchen Räume z.B. für eine besondere Förderung. Aber auch für die Inklusive Schule brauchen wir natürlich bauliche Voraussetzungen. Letztendlich müssen wir also mehrere Maßnahmen ergreifen bzw. fortführen: neue Schulgebäude bzw. Räume errichten, Schulschließungen vermeiden, bauliche Maßnahmen für Inklusion und Ganztagsbetrieb fortführen, das Musterraumprogramm hinsichtlich der neuen Herausforderungen überprüfen und die Bezirke beim Vorhalten von ausreichend Flächen unterstützen.

6. In Berlin haben wir eine Milliarde Euro Sanierungsstau. Wie willst du diesem Missstand begegnen?

Es ist absolut notwendig, dass wir in starkem Umfang investieren. Zusammen mit den Maßnahmen für die wachsende Stadt deutlich über das bisherige Maß hinaus. Eine Option ist es, dass wir uns politisch verpflichten, neue Spielräume zum Beispiel von Haushaltsüberschüssen oder durch die Übernahme der BAföG-Gelder durch den Bund speziell in diesen Bereich der baulichen Maßnahmen zu investieren.

Lehramtsausbildung/Lehrerarbeitszeit
7. Qualität der Lehramtsausbildung in Berlin entspricht nicht den Ansprüchen des Alltags an Berliner Schulen. Damit bleibt der Lehrberuf unattraktiv und Berlin kämpft mit einem eklatanten Lehrermangel. Was willst Du tun, um dem Lehrermangel sowie der unzureichenden Qualität der Lehramtsausbildung zu begegnen?

Das neue Lehrkräftebildungsgesetz ist ein wichtiger Schritt. Dazu waren harte Auseinandersetzungen mit der CDU notwendig. Ich halte das für eine der wichtigsten bildungspolitischen Reformen in dieser Legislaturperiode. Vor allem – und das ist mir besonders wichtig – schaffen wir damit eine Gleichwertigkeit aller Lehrämter. Und wir haben damit die Möglichkeit, die Lehrkräfte besser auf die Herausforderungen wie Heterogenität in den Schulen sowie die Inklusive Schule von Beginn an vorzubereiten. In den Phasen der Lehrkräfteausbildung wird es darauf ankommen, dass wir diesen Anspruch umsetzen.
Außerdem müssen wir uns um die rechtzeitige Einstellung von Lehrkräften und frühe Zusagen genauso kümmern wie um ein gutes Gesundheitsmanagement, die Unterstützung bei Aufstiegen, Schulleiterqualifizierungen und eine bessere Bezahlung von Funktionsstellen.