Erfahrungsaustausch

Netzwerken für eine positive Aufnahme von Flüchtlingen in Berlin

Gesprächskreis Flüchtlingspolitik
 
Es vergeht kaum eine Abendnachrichtensendung, ohne dass über aktuelle Entwicklungen von Kriegen und Krisen in Syrien, Afrika oder anderswo berichtet wird. In der Folge sind Millionen Menschen in der ganzen Welt auf der Flucht – sie fürchten um ihr Leben, geben ihre gesamte Existenz auf und verlassen ihre Heimat. Sie werden wahrscheinlich nie zurückkehren können. Aber sie leben. In ganz Europa, in Deutschland und damit auch in Berlin suchen Menschen Zuflucht vor den Krisen und Kriegen oder vor anderer Verfolgung in ihrer Heimat. Berlin hat das bereits seit spätestens 2012 zu spüren bekommen, als die Flüchtlingszahlen in der Hauptstadt deutlich anstiegen. Inzwischen ist die Dynamik der Zahl geflüchteter Menschen noch stärker geworden.


Verschweigen sollte man dabei nicht, dass bei Berlinerinnen und Berlinern auch Ängste aufkommen: Steigt die Kriminalität? Kann ich mein Kind gefahrlos auf den Schulweg schicken? Die Erfahrung aus der Umgebung von Flüchtlingseinrichtungen in den letzten 20 Jahren zeigt: die Sorgen sind sämtlich unberechtigt. Flüchtlinge, häufig von den Krisen- und Kriegserlebnissen traumatisiert, wollen in Ruhe das Asylbewerbungsverfahren abschließen.

Die Schaffung von Unterkunftsplätzen für Flüchtlinge ist Landesaufgabe, die vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) wahrgenommen wird. Die Bezirke sind in der gesamtstädtischen Verantwortung in der Pflicht, dies zu unterstützen. Dies ist eine Herausforderung für die Kommunalpolitik, die uns noch eine Weile begleiten wird. Die SGK Berlin hat deshalb zu einem Erfahrungsaustausch mit und für Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitikern eingeladen, um die damit zusammenhängenden Fragen gemeinsam zu diskutieren und Lösungsstrategien auszutauschen.

Nach einer Einführung über die Öffentlichkeitsarbeit bei Neueröffnung von Gemeinschaftsunterkünften für Flüchtlingen am Beispiel des Allende-Hauses in Treptow-Köpenick kamen Erfahrungen aus mehreren anderen Bezirken zur Sprache. So berichtete Günter Schulze aus Steglitz-Zehlendorf über das Netzwerk Migration, das die Flüchtlingsarbeit organisiert – aber auch darüber, dass nicht bei jedem Träger einer Flüchtlingsunterkunft ehrenamtliches Engagement gern gesehen wird und sogar untersagt wurde. Der Umgang von und mit Trägern von Einrichtungen wird noch vertieft werden müssen, da sich dies als Problem in mehreren Bezirken herausstellte. Gelungen ist in Steglitz-Zehlendorf das „Willkommensbündnis“. In ihm sind auch mehrere Prominente aus dem Bezirk vertreten, die ihm ein Gesicht geben. Insgesamt umfasst es 400 Unterstützerinnen und Unterstützer, von denen sich ein großer Teil auch praktisch für die Flüchtlinge engagieren wollen – wenn sie denn gelassen werden.

Aus Mitte berichtete Clarissa de Sielvie, dass die Bürgerinitiativen anfangs noch euphorisch waren und sich engagieren wollten. Später waren sie frustriert. Die schlechte Kommunikation mit dem LaGeSo und mangelnde Unterstützung für Projekte mit Flüchtlingen verleideten viele ein größeres Engagement. Ein Problem sind die oft eingerichteten Notunterkünfte. Wie der Name „Notunterkunft“ schon vermuten lässt, sind sie auch baulich selten auf dem besten Stand. Sie sind häufig ungeeignet und sollten nur eine begrenzte Zeit existieren. In der Realität ist das kaum möglich, weil es keinen Ersatz gibt und die Menschen nun einmal untergebracht werden müssen.

Einen Beitrag aus Sicht eines Trägers konnte Andreas Pape für die Arbeiterwohlfahrt leisten, die mehrere Gemeinschaftsunterkünfte in Berlin betreibt – zum Teil seit vielen Jahren. So betreibt die AWO Mitte in Treptow-Köpenick bereits seit Anfang der 2000er Jahre eine Gemeinschaftsunterkunft und zeigt sich immer offen für Interessierte an der Arbeit und Schicksalen von und mit Flüchtlingen. In Reinickendorf hat die AWO selbst die Informationsveranstaltungen zur Gemeinschaftsunterkunft organisiert und bot einen wöchentlichen Stammtisch an. Die AWO hat auch nach Unterstützern gesucht und gefunden. Der Unterstützerkreis hat sich inzwischen etabliert.

Die Teilnehmer des Erfahrungsaustausches waren sich einig, dass es nicht beim ersten und einzigen bleiben sollte. Deshalb wird die SGK Berlin den Erfahrungsaustausch fortsetzen. Noch viele Themen bleiben zu besprechen: angefangen von der Beschulung der Flüchtlingskinder, der Qualität der Träger bis hin zum Thema Wachschutz an und in den Einrichtungen steht noch einiges auf der Agenda. Und es werden neue Fragen hinzutreten, auf die die SGK eingehen würde. Für Anfang 2015 ist deshalb eine Fortsetzung geplant, zu der alle Interessierten, ob SGK-Mitglied oder nicht und aus allen Bezirken eingeladen werden.

Oliver Igel