Breitscheid, Tony

Geschichte: Personen A-K

Tony Breitscheid

geb. Drevermann, Feministin, 1908 Heirat mit Rudolf Breitscheid

Zum Schicksal von Tony Breitscheid nach dem Ende des Krieges und zum Umgang mit Rudolf Breitscheids Grab

Die Ehefrau von Rudolf Breitscheid, Tony Breitscheid, geborene Drevermann, war mit ihrem Mann von der französischen Polizei Ende 1941 an die Nazis ausgeliefert worden. Sie kam mit ihm Anfang 1942 in das Konzentrationslager Sachsenhausen und von dort im September 1943 in das KZ Buchenwald. Sie und ihr Mann wurden dort in einer Sonderbaracke für sogenannte prominente Häftlinge untergebracht. Am 24.August 1944 wurde auch sie bei dem Luftangriff auf die Hallen des Gustloff-Rüstungswerkes verschüttet, aber anders als ihr Mann schwerverletzt gerettet. Rudolf Breitscheid kam durch den Luftangriff ums Leben oder wurde verletzt von den Wachen ermordet. Die Urne mit seiner Asche wurde im Januar 1945 auf dem Waldfriedhof Stahnsdorf bei Berlin (Südwestfriedhof der Berliner Stadtsynode, Abt. Lietzensee) begraben. Das Grab ist heute ein Ehrengrab des Landes Berlin. Um das Grab hat sich zunächst die in Berlin gebliebene Hausgehilfin der Familie Breitscheid, Emmy Förster, gekümmert. Sie sucht im Frühjahr 1948 den in Berlin wieder politisch tätigen ehemaligen Reichstagspräsidenten Paul Löbe auf und bittet um Hilfe bei der Sorge um den Zustand des Grabes. Durch Emmy Förster erfährt Löbe den Aufenthaltsort von Tony Breitscheid. Sie lebt bei ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter in Kopenhagen-Charlottenlund. Löbe schreibt ihr und sie antwortet, leider ist nur einer ihrer Antwortbriefe im Nachlaß Löbe im Archiv der sozialen Demokratie in Bonn erhalten.
Löbe teilt Tony Breitscheid am 4.März 1948 mit, daß er ihren von Emmy Förster überbrachten Brief erhalten hat, in dem sie ausführlich über ihr Schicksal nach dem Bombenangriff und nach der Befreiung berichtet. Er schreibt, daß er schon einiges aus einem von ihr geschriebenen Artikel in der Züricher Zeitung erfahren habe, vorher aber über Rudolf Breitscheids und ihr Schicksal nur wenig wußte. Aus dem Brief Löbes geht freilich nicht hervor, ob er sich ganz darüber im klaren war, daß sie im KZ eingesperrt waren. Er schreibt, er hätte gerüchteweise von der Verhaftung Breitscheids in Frankreich erfahren und (Zitat) "von der Mühe, die Sie sich gegeben haben, ihn zu begleiten". Später habe er die Nachricht erhalten, (Zitat) "dass Sie sich beide im benachbarten Sachsenhausen befanden, aber sie mussten es damals vermeiden, eine Berührung mit uns aufzunehmen. Deshalb erfuhren wir auch nicht von der Versetzung[!] nach Buchenwald..." Was Löbe mit einer "Versetzung" meinte, bleibt unerfindlich. Er berichtet danach kurz über seine Erlebnisse nach 1945 und informiert über das Schicksal von gemeinsamen Bekannten, so u.a. über Carl Severing in Bielefeld, Wilhelm Keil in Stuttgart und Rudolf Wissell in Berlin. Tony Breitscheid hat offenbar schon bald den Brief beantwortet und Löbe schreibt ihr erneut am 27. April 1948. Als große Neuigkeit kann er ihr mitteilen, daß wenige Tage zuvor der Auguste-Viktoria-Platz in Breitscheidplatz umgetauft worden sei. Zugleich kündigt er ihr an, daß sie ab sofort den erbetenen "Telegraf", dessen Lizenzträger Löbe ist, über Hannover zugesandt erhält. In ihrem Brief hat Tony Breitscheid Löbe mitgeteilt, daß sie "nichts nach Deutschland zurückzieht". Löbe hat Verständnis dafür, da sie ja "in diesem Lande soviel Bitterkeit erfahren" habe und er fährt fort: "Wir, die wir hier bleiben mussten, fangen nun die alte politische Arbeit von neuem an. Es ist noch schwerer geworden als es früher war. Nicht nur die Städte, sondern auch die Geister sind verwüstet und erst in kleinen Zirkeln lässt sich eine Heilung versuchen. Sie wird sehr lange Zeit in Anspruch nehmen......"
In einem Brief Löbes vom 3. Mai 1948 schildert er Tony Breitscheid ausführlicher, wie sie sich gemeinsam, Familie Löbe, die Hausgehilfin Emmy Förster und einige andere SPD-Genossen - um das Grab in Stahnsdorf kümmern. Die Sorge sei notwendig, da das Grab ja "in der russischen Zone liegt, wohin der Verkehr nicht immer ganz einfach ist". Immerhin ist der Zugang, anders als später, noch möglich. Sie haben gemeinsam vereinbart, die Grabstelle etwas zu heben, da sie schon eingesunken sei, "dass wir links und rechts vom Stein eine kleine Tanne pflanzen und dahinter vielleicht noch einen Fliederbaum." Frau Förster wird sich darum kümmern, während Löbe mit Hilfe der Partei die notwendigen Gelder aufbringen wird. Er berichtet Tony Breitscheid auch, daß sich nicht weit vom Grabe ihres Mannes auch das Grab von Emst Heilmann befinde, um das sich dessen Angehörige kümmerten.
Am 4. Juni 1948 antwortet Tony Breitscheid mit einem Brief an Löbe, der als einziger erhalten ist. Sie ist völlig mit den getroffenen Regelungen für das Grab einverstanden und sorgt sich um Emmy Förster, die in großer Not in Berlin lebt. In dem Zusammenhang bittet sie Löbe in ihrer Entschädigungssache um Hilfe. Sie hatte noch in Weimar einen Antrag auf Entschädigung gestellt, der in einer Höhe von 4000 Mark anerkannt worden war. Sie hat davon schon 600 Mark erhalten. Sie bittet Löbe, sich als Ansprechpartner für das Entschädigungsamt zur Verfügung zu stellen und bei einer eventuellen Zahlung das Geld, das ja nicht ins Ausland überwiesen werden kann, an notleidende Personen in Berlin weiterzugehen. Sie dachte wohl in erster Linie an Emmy Förster. Sie bittet um Entschuldigung für diese Bitte, aber sie habe in Deutschland nur ihn als möglichen Helfer.
Das ist alles, was der Briefwechsel Löbe-Breitscheid uns sagt: Frau Breitscheid lebte weiter bei ihrem Sohn in Dänemark und zeigte wenig Neigung nach Deutschland zurückzukehren, Emmy Förster und Löbe haben sich um das Grab von Breitscheid gekümmert und alle zusammen, die in der Weimarer Republik politisch aktiv waren und Emigration und Widerstand überlebt hatten, waren nicht mehr viele.
Siegfried Heimann, November 1999