Erinnerungen von Klaus Bodin: Wiederaufbau und politische Arbeit

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Erinnerungen von Klaus Bodin: Wiederaufbau und politische Arbeit

Klaus Bodin, 85. Geburtstag.

Klaus Bodin, 85. Geburtstag.

 

Meine Mutter hat den politischen Erfolg ihrer Partei nicht mehr erlebt. Vielleicht hätte er ihre Widerstandskraft so weit gestärkt, daß sie die Zeit überstanden hätte, bis 1947 das Streptomycin zur Verfügung stand, das so viele Patienten gerettet hat. Auch die anderen Tbc.-Heilmittel standen dann bereit, INH und PAS. Tragisch, daß sie, die so nötig beim Aufbau nach dem Kriege gebraucht worden wäre, kurz vor Erreichung der Möglichkeit, wichtige Aufgaben zu übernehmen, dahingehen mußte! Sie hatte aber in der eigenen Partei nicht nur Freunde, und da sie, genau so, wie in der Weimarer Zeit Übelstände ohne Ansehen der Person angeprangert hatte, wieder einmal das Gebaren höherer Funktionäre in der Parteiöffentlichkeit zur Sprache gebracht hatte, war sie höheren Ortes unangenehm aufgefallen, und ein Parteiordnungsverfahren wurde ihr angedroht, da es sich um den hochgelobten Bürgermeister Münsinger handelte. Wahrscheinlich wäre es bei Gesundheit meiner Mutter sehr zu Ungunsten des hohen Herrn ausgegangen. So aber wurde alles unter den Teppich gekehrt. Mit der SPD hatte ich erstmals im Sommer 45 zu tun. Meine Mutter hatte mich zu einer der ersten Parteiversammlungen mitgenommen. Hier in einem Restaurant neben dem Bunker an der Falkenseer Chaussee gab es ein rührendes Wiedersehen der alten übriggebliebenen Genossen aus der Weimarer Zeit. Damals stand uns ja der Kampf mit den Kommunisten bevor, die glaubten, jetzt ihre Macht ausspielen zu können mit Hilfe der Besatzungsmacht. Aber da Berlin ja ab Juli 45 von den vier Mächten besetzt war, waren wir nicht so hilflos wie die Sozialdemokraten in der SBZ. Meine Schwester und ich wurden im Kreise der Parteifreunde gleich willkommen geheißen und mit dem Vertrauen, das ja meine Eltern in diesem Kreis genossen, in gleichem Maße ausgestattet, sodaß wir uns sofort wie lange zugehörig fühlten. Die Diskussion drehte sich gleich um das Verhältnis zur KPD, das ja schon vor 1933 für die SPD und die Arbeiterschaft eine so verhängnisvolle Rolle gespielt hatte.

Die Situation nach der bedingungslosen Kapitulation des Reiches war folgende: Die Besatzungszonen wurden von der jeweils zuständigen Macht beherrscht und Berlin von allen als Ganzes. In der ersten Zeit hatten wir in Berlin nur die Sowjetische Militär-Administration, und diese verfügte bald über ihre Macht dahingehend, daß sie überall mit ihren deutschen Vertrauensleuten das Geschehen in der Hand hatte, wenn es auch, wie Ulbricht im engen Kreise kundtat, demokratisch aussehen sollte. Er war ja mit den Ausgesuchten aus der SU sofort nach dem Aufhören der Kampfhandlungen darangegangen, eine Verwaltung in seinem Sinne aufzubauen. Die Sozialdemokraten dienten dabei als Feigenblatt, da sie bei der Bevölkerung nach den Erfahrungen beim Einmarsch der "Befreier" als einzige Vertreter der deutschen Interessen in dieser Situation galten, weil sie ja politisch nicht belastet waren. Als die Sozis die Frage der Einheit der Arbeiterklasse neu aufwarfen, da ja nun die Zeit dafür reif sei, wurde das entschieden von den,Kozis' abgelehnt, da sie hofften, auf Grund ihrer Machtverhältnisse und mit der Unterstützung der Besatzungsmacht für sich eine Monopolsituation zu haben! Welche völlige Verkennung der Sachlage! Aber in ihrem Machtbereich wurden die Verhältnisse der ideologischen Vorgabe angepaßt und nicht demokratisch von unten nach oben bestimmt. So war nach kurzer Euphorie bei der SPD die Meinung vorherrschend geworden, wir müßten unseren eigenen Weg gehen, um nicht korrumpiert zu werden für die Ziele der Kommunisten und der Russen. Im Krankenhaus Lynarstr., wo ich arbeitete, wurde dann von uns auch bald eine Betriebsgruppe gebildet, und wir traten auch in die für uns zuständige Einzelgewerkschaft des öff. Dienstes innerhalb der Einheitsgewerkschaft FDGB ein. Man hatte sich für eine Einheitsgewerkschaft an Stelle der Richtungsgewerkschaften der Weimarer Zeitentschieden, was wir auch begrüßten. Die KPD beherrschte den zunächst administrativ gebildeten Berliner Landesvorstand und die anderer Länder der SBZ auch, aber auch die Bezirksvorstände bis zu den Gewerkschaftswahlen. Es hieß immer, die verdienten antifaschistischen Kämpfer sollte man wählen, wobei das immer bedeutete, Kommunisten und ein paar Soz.-Dem. als Feigenblatt.

In Spandau hatten wir ja unsere "Pappenheimer" erkannt und wählten zuverlässige Vertreter, die aus den verschiedenen demokratischen früheren Gewerkschaftsrichtungen stammten. Das bedeutete, daß in Spandau und einigen anderen westlich besetzten Bezirken die Leitungen völlig umgekrempelt wurden, und die Komm. praktisch einflußlos wurden, wenigstens auf Bezirksebene. Bei den Funktionärssitzungen, die bei der Zentrale in Ostberlin stattfanden, wurden wir als Verräter an der Geschlossenheit der Gewerkschaftsbewegung beschimpft. Und dabei hatte man uns bei den Delegiertenversammlungen so richtig vorbereitet mit einem für damalige Zeiten fürstlichen Mittagessen! Das war im Frühjahr 1946, und nun nahten ja auch die für Berlin und die Länder der SBZ vorgesehenen Gemeinde- und Landtagswahlen. Die politische Auseinandersetzung in der SPD begann im Herbst 1945, als die Komm. aus ihrem 7.Himmel fielen auf Grund der Wahlergebnisse in Österreich und Ungarn. Dort hatten die Komm. so jämmerlich abgeschnitten, daß die Frage der Selbständigkeit der Arbeiterparteien von einem Tage zum anderen von der Tagesordnung verschwand, und nun auf einmal die Einheitspartei der Arbeiterklasse propagiert wurde, um die SPD als Blutspender für die marode KPD zu gebrauchen. Wir hatten, wo wir frei reden konnten, für die selbständige SPD plädiert, und nur wo die Russen ihre deutschen Freunde mit massivem Druck unterstützten, wurde die SED als zukünftige Einheitspartei propagiert. Es wurden alle Mittel eingesetzt: Lebensmittelpakete, Freß= und Sauforgien, Drohungen, Inhaftierungen. Grotewohl, der Vorsitzende der Ost-SPD hatte bis zum Herbst 45 gedroht, die SPD auflösen zu wollen statt einer Zwangsvereinigung, bis er im November plötzlich "umfiel". Nun waren wir auf uns selbst angewiesen, und hatten nur Unterstützung durch die westdeutschen Genossen, allen voran Kurt Schumacher. Dieser Krüppel des ersten Weltkriegs, der einen Arm verloren hatte, der wegen seiner Attacken im Reichstag auf die Nazis, vor allem die Mißgeburt Goebbels, nach der Machtergreifung sofort ins KZ kam und dort zehn Jahre drangsaliert wurde, war nach dem zweiten Krieg in WestDeutschland zum Führer der neuen SPD aufgestiegen und nahm auch dort gegen die Besatzer kein Blatt vor den Mund, da er sich von einem verelendeten Deutschland nichts für die Zukunft eines demokratischen Europa versprach und sah, daß Stalin auf der Lauer lag, noch weiter nach Europa hineinzukommen, am besten bis zum Atlantik. Er erkannte die Situation in Berlin und die Einstellung der Berliner.

So wurden seine Kundgebungen und Versammlungen zum politischen Höhepunkt der ersten Nachkriegsjahre. Wir Berliner gingen immer getröstet und hoffnungsvoll nach Hause und verspürten das Elend des täglichen Lebens weniger. Von Berliner Seite bildete sich in der SPD ein Widerstand um die Leute wie Franz Neumann, Swolinsky, K: P. Schulz, Gerber, und als eine Schlüsselveranstaltung ist die Funktionärsversammlung im Admiralspalast am 1.3.46 anzusehen. Wir Spandauer hatten Jeanette Wolf zur Kreisfunktionärsversammlung eingeladen. In der Mädchen-Mittelschule fand sie statt; da meldete sich der kommunistische Volksbildungsstadtrat Lemmnitz, der später Minister in der DDR-Regierung wurde, und bat, zur Frage der Einheit der Arbeiterklasse vor uns sprechen zu dürfen. Da wir unsere Einstellung längst dazu gefunden hatten, wurde das abgelehnt. Am nächsten Morgen gingen wir bei Schneetreiben in größerer Gruppe zum Hauptbahnhof, da die Havelbrücke noch zerstört war. Mit Genehmigung des Amtsarztes blieb ich vom Dienst befreit und fuhr mit. Der Ablauf gestaltete sich zunächst so, wie die Grotewohl-Gruppe es sich vorgestellt hatte. Als Vorsitzender wurde für die Tagung Werner Rüdiger gewählt aus Prenzlauer Berg. Grotewohl zog sein Referat durch, bis er auf die geplante Vereinigung kam und das, was er vorher mit glänzender Argumentation immer bekämpft hatte, als die Lösung für alle Probleme bejahte. Da setzte von den westlichen Parteigruppierungen ein wüster Protest ein, daß Neumann ans Mikrofon ging und bat, Grotewohl, der hilflos daneben-stand, wenigstens ausreden zu lassen. Das geschah, und dann marschierte die Gilde der Befürworter auf, um mit Engelszungen uns von den Vorzügen der Einheitspartei zu überzeugen.

Die Führer unserer Oppositionsgruppe hielten dagegen, und schließlich kam es zur Abstimmung über die Frage, ob eine Urabstimmung entscheiden solle, ob die Mitglieder eine Vereinigung sofort wollten oder es zunächst bei einer Zusammenarbeit der beiden Parteien mit dem Ziel einer späteren Vereinigung belassen wollten. Unser Antrag fand dann die Mehrheit, die vom Vorsitzenden Rüdiger festgestellt wurde. Er hat dafür später schwer büßen müssen durch die Rache der Kommunisten. Wir gingen jedenfalls als Sieger vom Platz, und die anwesenden politischen Beobachter der Westalliierten waren über den Mut und die Kraft erstaunt, mit denen wir dem Druck der Kommunisten und damit der russischen Besatzungsmacht widerstanden hatten. Das war der Anfang, der die Entwicklung von der Besatzungs- zur Schutzmacht, wenigstens für uns im Westen, einleitete. Am 31.3.46 fand dann die Urabstimmung statt, aber nur in den West-Sektoren; die Russen hatten sie kurzfristig in ihrem Sektor verboten. Am 21.4.46 wurde dann im Admiralspalast die Vereinigung von SPD und KPD von Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl vollzogen. Diese SED wurde zunächst in den Westsektoren verboten; schließlich einigte man sich in der Kommandantur darauf, die SPD im Sowjetsektor und die SED in den Westsektoren zuzulassen. In der SBZ wurden mm die nicht linientreuen Sozialdemokraten verfolgt und von den Russen zu z.T. unmenschlichen Strafen wegen Sabotage oder antisowjetischer Aktivitäten verurteilt und nach Rußland zur Strafarbeit verschleppt.

Wir haben dann ja erlebt, wie alles ging. Erst wurden alle Positionen halbe-halbe besetzt; bei den Verwaltungen der Chef ein williger SPD-Mann, aber bei den wichtigen Posten wie Inneres, Polizei, Volksbildung immer ein KPD-Funktionär. Die unangenehmen Posten wie Soziales, Finanzen, Gesundheit durften dann wieder Sozis mit all ihren Schwierigkeiten in damaliger Zeit übernehmen. Man fand dann bald Gelegenheit, unliebsame Genossen abzuhalftern, und binnen weniger Jahre waren die ehemaligen Sozis nur noch mit wenigen Exemplaren vertreten, und die waren meist von richtigen Kommunisten nicht mehr zu unterscheiden Das war im Sommer 46 in den Westsektoren durch das Eingreifen der westlichen Besatzungsmächte nicht möglich. Alles wartete auf die ersten Wahlen im Oktober 46. Mit einer für damalige Zeiten unvorstellbaren Fülle an Propagandamaterial wurden vor allem die Westsektoren überschwemmt. Der Rundfunk war zwar in Charlottenburg angesiedelt, aber unterstand der Sowjet-Mil.-Regierung. So kam aus dem Lautsprecher auch nur Werbung für die SED. Das hatte zur Folge, daß nun von den Amerikanern ein Drahtfunk und dann ein Rundfunk eingerichtet wurde, der DIAS und dann der RIAS (Rundfunk im amerikan. Sektor) Er wurde neben den Zeitungen, die im Westen gedruckt wurdenlie einzige vernünftige Informationsquellel$ie Neue Zeitung, Der Tagesspiegel, Der Berliner. Die Parteizeitung der SPD, Das Volk, (Namen überprüfen!) war ganz im östlichen Sinne umgeschwenkt. So kam der 20.Okt.heran; inzwischen war meine Mutter gestorben, und man war teils von Trauer im Familiären als auch von Hoffnung im Politischen erfüllt. Und dann kam der Tag, der so vieles für die Berliner Nachkriegsgeschichte bedeuten sollte.

Wir hatten die Mutter einäschern lassen. Dabei ereignete sich noch ein Einbruchsversuch, als wir vom Krematorium heimkamen. Aber das Sicherheitsschloß hatte standgehalten. Sonst hätten wir vielleicht noch eine verwüstete und ausgeplünderte Wohnung vorgefunden. Der 20.Oktober war ein schöner Herbsttag, und die Berliner strömten zur Wahl wie überall in der SBZ. Am Abend kam dann die Sensation, eine Freude und Hoffnung für uns, ein Schock für die Russen und ihre SED. Diese Partei war in Berlin auf dem dritten Platz gelandet hinter der SPD mit fast 49% und der CDU mit 20. In der Zone war das Ergebnis natürlich günstiger, da es keine SPD gab. Die Folgen zeigten sich schon am nächsten Tage. Die Russen hatten alle Wissenschaftler in ihrem Bereich, deren sie habhaft werden konnten, mit Familien nach Rußland verschleppt. Nach Jahren erst kamen sie zurück und gingen dann meist schleunigst in den Westen, um sich einem erneuten Zugriff zu entziehen.

Die Alliierten sahen uns plötzlich mit ganz anderen Augen an, und die SPD besetzte in Berlin alle führenden Positionen. Koalitionen gab es ja nicht, und so arbeiteten die Kommunisten im Verhältnis ihrer Stimmenzahl überall mit, wenn sie nicht auf höheren Befehl blockierten wie in den Bezirken des Ostsektors. Die Russen machten immer die SPD-Bürgermeister für Schwierigkeiten verantwortlich und enthoben sie dann ihres Postens, um einem ihnen genehmeren Platz zu schaffen. Der gewählte Oberbürgermeister Ostrowski seinerseits wurde von der SPD zurückgepfiffen, weil er der SPD zu willfährig gegenüber den Russen erschien. Sie wollten dann Ernst Reuter wählen; aber der war den Russen so zuwider, daß sie ihn in der Kommandantur nicht bestätigten, und dann mußte Louise Schroeder amtieren, bis nach der Spaltung 1948 die Russen im Westen nicht mehr mitbestimmen konnten. Inzwischen wurde in der Zone gründlich umgebaut: wer nicht im Sinne der Russen arbeitete, flog raus und mußte um Leib und Leben fürchten. Wer sich ihnen beugte, der wurde mit allem verwöhnt, was damals das Leben schön machte. Viele aufrechte Demokraten, die die Nazizeit im Widerstand überstanden hatten, wurden jetzt ein Opfer des neues Gewaltregimes. Diese Leute verstehen heute nicht, wenn Menschen bis an die 50, die den Ton angeben, von diesen Geschehnissen nichts mehr wissen wollen und nicht einsehen, daß sich in der östlichen Methodik manches gewandelt hat, aber das Ziel stets dasselbe geblieben ist, die Vernichtung der SPD als der einzigen verläßlichen Sachwalterin der abhängigen Arbeitnehmerschaft. In der heutigen Verfassung hat die SPD diese ihre Stärke eingebüßt durch das Liebäugeln mit denen, für die sie Todfeinde waren und immer noch sind. Ebenso geht es den freien Gewerkschaften, die z.Zt. stark von Kommunisten und ähnlichen "Friedensfreunden" unterwandert sind. Diese anderen Gruppen sind der Vorhang, hinter dem sich die Politik der Kommunisten vollzieht. Und mir, der ich alles in der deutschen Geschichte zumindest seit 1929 bewußt miterlebt habe, macht das nach fast 40 Jahren große Sorge. Meine Schwester war damals als Studentin im SSB dank ihrer mutigen Rede gegen Grotewohl, die so große Wirkung gehabt hatte, in den ersten Provisorischen Vorstand für Berlin gewählt worden und kam nun mit aller Prominenz zusammen, auch mit den Russen, die wohl ihren Mut anerkannten, und das hat ihnen immer imponiert, wenn man sich nichts gefallen ließ und alles an die große Glocke brachte.

Ute hatte inzwischen das aus bestimmten Gründen begonnene Pharmaziestudium auf gegeben und dafür mit Germanistik und Philosophie begonnen. Ich arbeitete im Beruf weiter und kam bald in den Betriebsrat. Vater hatte mit seinen beiden Schulen viel zu tun. Seine rechte Hand, Lissy Forner, war für ihn eine unersetzliche Hilfe, und er fand in der Arbeit sicher Ablenkung und Trost nach dem Tode seiner Frau. So war er bis zum 72. Geburtstag im Amt. Seine letzten Jahre waren überschattet von einem Prozeß, der ihm durch einen Kollegen und ehemaligen Genossen `angehängt worden war. Angeblich habe er sich mit einer ihm untergebenen Lehrerin eingelassen. Heute wäre das sicher kein Problem mehr. Er aber bekam danach eine Gelbsucht. Er lag sie zu Hause aus und hat sich dann wieder recht gut erholt. Seine ehrpusselige Art hat ihn in die fatale Situation gebracht, wo er sich durch das Gefühl, was man ihm in seinem Alter noch zutraue, beinahe geschmeichelt gefühlt haben muß. Sonst hätte er sich nicht so dumm vor Gericht benommen. Nach Mutters Tod mußten wir ja eine Betreuung für ihn haben, und so kam Lottchen Dühl ins Haus. Keine direkte Verwandte, aber über meine Patentante so gut wie. Meine Schwester kam mit ihr leider nicht gut aus. Sie zeigte erste Zeichen ihrer Suchtkrankheit. Wir waren alle froh, als sie in Göttingen weiterstudierte. Auf Grund des Prozesses gegen meinen Vater fand sie es plötzlich, auf Jura umzusatteln. Durch die Amnestie zu Adenauers Wahl sieg fiel mein Vater unter die Amnestie, sodaß die Bewährungsstrafe nicht mehr über ihm hing. Der Kollege war eifersüchtig geworden, weil man ihn nicht zum Schulleiter gemacht hatte. Seinen Haushalt machte mein Vater selbständig mit Lottchens Hilfe und hatte für alle Probleme technischer Art einen Herrn Bonin. Wie ich später mit meiner Frau rekonstruierte, war Lottchen Dühl zu uns gekommen, da sie sich, die ehemalige Chefsekretärin von dem Sauerbruchschüler Prof. Bremer, nach dessen Tode im Elisabeth-Krh. nicht mehr wohlfühlte.

Als wir nach der Währungsreform wieder wertvolles Geld in Händen hatten, verließ sie uns aber, da mein Vater kein ordentliches Dienstverhältnis mit ihr begründen konnte. Er hatte ja seinen Beamtenstatus zurückerhalten. Das kam erst 1952. Dann ging es ihm recht gut, da er neben seiner Pension als Schulleiter noch die inzwischen verdiente BfA-Rente bekam. Lottchen ging dann in einen anderen Haushalt. Wir blieben mit ihr in Kontakt, vor allem als sie bei mir auf der Station als Typhusausscheider aus der Gallenblase entdeckt wurde. Sie hatte auch eine Leberschädigung, der sie ein paar Jahre später erlag. Ihre Schwester Dora Jacken war aus der Zone, wo sie nach dem Krieg bei Verwandten in Hakenberg untergekommen war, nach Berlin gekommen, als sie dort wieder die Pension für ihren kurz vor Kriegsende gefallenen Mann erhielt, der die Filiale der Ritterschaftsbank in Frankfurt/0 geleitet hatte. Genau wie Vater stand sie sich nun wieder recht gut.

Was uns zunehmend Sorge machte, war meine Schwester. Sie hatte nach dem mehrfachen Fachwechsel im Studium nun gemeint, sie könne in Berlin, wo sie für ihre Familie, das heißt, den Vater, soviele Opfer gebracht habe, daß sie sich dem Studium nicht genügend widmen könne.

Sie ging also nach Göttingen und fing mit Jura an. Durch den Prozess meines Vaters sah sie hier für sich ein neues Lebensziel, um dem Recht zum Sieg zu verhelfen. In Göttingen kam ihre Krankheit immer deutlicher zum Vorschein und machte sie dort wohl unmöglich. So wechselte sie nach Erlangen und erlitt dort einen Verkehrsunfall mit Schädelbruch, woran sie durch ihren Zustand noch eine Mitschuld bekam. Das Studium konnte sie nun nicht fortsetzen und kehrte nach Berlin zurück, wo sie ihre Unfallfolgen, Gang- und Sprachstörung, in der Klinik Nußbaumallee behandeln ließ. Als wir dort mit dem Arzt ihre Vorgeschichte besprechen wollten, zeigte sich dieser, Dr.Lürssen, in ihrem Auftrag unzugänglich, und so hielten wir uns aus der ganzen Sache heraus, da wir auch feststellten, daß mein Vater sie in jeder Weise abdeckte, und wir so eine sinnvolle Hilfe nicht leisten konnten. Das hielt sie aber nicht davon ab, zu anderer Zeit uns unterlassene Hilfeleistung vorzuwerfen. Sie kam dann mit einer freiwilligen Pflegschaft zur Unterbringung im Haus "Phoenix", von dort wurde sie auch zur Arbeitstherapie in einer Elektrofirma als Montiererin vermittelt. Mir lag daran, daß sie überhaupt eine Tätigkeit ausübte, die Sozialleistungen erwirkte. Wenn ich daran denke, welche Unsummen mein Vater in ihr Studium gesteckt hatte! Dafür hätte er ihr eine gute Alterssicherung aufbauen können.

Mein familiäre Entwicklung hatte zur Heirat 1954 mit einer Ärztin geführt, mit der ich seit 1948 zusammengelebt habe. Sie hatte sich strikt geweigert zu heiraten, um nicht ihre persönliche Freiheit und die Möglichkeit zur Fortsetzung ihrer Berufstätigkeit zu verlieren. Als ich mich dann auch um andere kümmerte, traf es sie doch so stark, daß sie eine Tbc. bekam auf der Station, wo sie arbeitete. Und aus der Sicht der Erkrankung mit dem Aufeinanderangewiesensein ergab sich dann die vernünftige Lösung, die uns alle Optionen, wie man heute sagt, offenließ und die wir auch durchgehalten haben, als ich weitere Aufgaben in der Politik und sie die Leitung ihrer Abteilung übernahm. Wir haben unsere Kinder gemeinsam gewartet und erzogen und konnten uns dabei auf unsere Wirtschafterin und meinen Vater in Spandau und meine Schwiegermutter in Forst verlassen. Es gab nur einmal eine kritische Situation, als nach Auflösung der Tbc.-Abt. Lynarstr. meine Frau nach Hohengatow versetzt wurde, wo sie plötzlich wieder Nachtdienst zu leisten hatte und das bei einem Chef Dr.Weck, der sich um die Abt. überhaupt nicht kümmerte. Da meldete sie sich zur Fachausbildung auf der Rö.-Abt. Lynarstr., wo sie zwar nur als Assistenzärztin diente, aber wieder mehr Zeit für die Familie und keinen Nachtdienst hatte. Ich hatte ja seit 1952 im Ambu auch Nachtdienst und war durch meine Tätigkeit als MdA sehr stark beansprucht.

So lebten wir mit den Söhnen Stefan (1954) und Christof (1956) unser Leben, das im wesentlichen von meiner ehrenamtlichen Tätigkeit mitgeprägt war, und machten schöne Reisen mit den Söhnen, wobei ich als Strahlenschutz-beauftragter des DGB-Berlin 1957 die Gelegenheit hatte, eine sechswöchige Studienreise nach den USA mitzumachen. Auf Grund dieses überwältigenden Erlebnisses schwärmte ich immer davon, mit der ganzen Familie einmal dorthin zu fahren, wenn auch meine Frau lieber die kulturelle Welt Asiens kennengelernt hätte. Inzwischen war ich 1958 am Meniskus operiert worden und nach der Tätigkeit als Deputierter für das Ges.-Wesen in Spandau 1950-54 und als Bez.-Verordneter 1954-58 Ende 58 in das Berliner Abgeordnetenhaus gewählt worden für den Wahlkreis Spandau 1. Die Zeit wurde dramatisch überschattet durch das Chruschtschow-Ultimatum, und viele setzten sich aus Berlin nach Westen ab. Da ich keinen Grund hatte, am Beistand der Alliierten zu zweifeln, benutzte ich die Gelegenheit, mit wenig Geld in der Tasche auf Suche nach einem Eigenheim zu gehen. Mein Schwiegervater als Baufachmann half mir dabei, und schließlich wurde mir mein jetziges Heim, das dem Chefpiloten der Heinkel-Werke gehörte, angeboten, da seine Mutter, die es bewohnt hatte, verstorben war. Er lebte schon seit Kriegsende in Hamburg als Autohändler und war am Haus nicht interessiert, zumal unter diesen politische Umständen. So kamen wir sehr günstig zu dem Besitz, der seit über 30 Jahren unsere Bleibe ist und den wir so hergerichtet haben, daß wir ihn auch als alte Menschen noch lange bewohnen und bewirtschaften können.

Wir hatten damals auch daran gedacht, eines Tages die Schwiegereltern oder den überlebenden Teil bei uns aufzunehmen; aber dann kam die Mauer und damit die Unmöglichkeit zu weiteren Besuchen. Am 2.5.62 starb Vater Plume an Lungenkrebs, und Mutter war allein. Da wurde im Sommer 62, als sie eine Reise nach Bulgarien machte und Vera mit den Söhnen über Franfurt/M auch dorthin reiste und sie dort traf. Wir fuhren dann 63 noch einmal dorthin alle zusammen, um mal ein Ostblockland kennenzulernen. Da machten wir die Bekanntschaft von zwei Ostberliner Studenten, die sich sehr für unsere West-Zeitschriften interessierten. Mit einem von ihnen, der inzwischen wohlbestallter promovierter Physiker am Krh. Buch ist, haben wir immer noch Kontakt, schriftlich und telefonisch, ihn aber und seine Familie persönlich bisher nicht wiedergesehen.
Inzwischen hatte ich im politischen Bereich weitere Erfahrungen gesammelt, vor allem im Ges.-Ausschuß des Abg.-Hauses. Wir hatten den Besuch von J.F.Kennedy erlebt und mußten dann im November seinen zu frühen Tod fassungslos zur Kenntnis nehmen.

Im Wahlkampf 63 hatte die CDU in Berlin durch eine unkluge Entscheidung über die Zustimmung zu einem Besuch Willy Brandts bei Chruschtschow in Ostberlin ihre Chancen soweit reduziert, daß die SPD einen absoluten Wahlsieg errang. Damit wurde die politische Verantwortung im Ges.-Wesen für mich noch größer, da der Senator von der FDP, dem Koalitionspartner, gestellt wurde. Meine ärztliche Tätigkeit war immer umfangreicher geworden im Ambu der AOK, und ich mußte an die Familie und die weitere berufliche Zukunft denken, um mich nicht vorzeitig aufzureiben zwischen Beruf und Politik.

Da kam im Jahre 64, als ich meine Absicht kundgab, meine politische Laufbahn zu beenden und mich mehr dem Beruf zuzuwenden, die Bitte meiner politischen Freunde an mich heran, für die Bürgermeisterwahl in Spandau zu kandidieren. Damit war natürlich eine Beendigung der ärztlichen Tätigkeit verbunden, was mich zunächst zögern ließ. Dann entschloß ich mich aber doch, dem Wunsch zu entsprechen, und mit einer Kampfabstimmung wurde ich als Kandidat präsentiert. Mich überraschte das große Echo und die Zustimmung in der Bevölkerung allgemein, und ich hatte meinen Entschluß nicht zu bereuen. Nach zwei Jahren hatte ich den "Laden" soweit im Griff, daß ich mich auf eine ganze Reihe von Jahren als Chef der Spandauer Verwaltung und "Landesvater" einrichten konnte. Da kam auf Senatsebene eirntwicklung auf, die meine Zukunft stark beeinflussen sollte. Nach der Bildung der Großen Koalition in Bonn mit Willy Brandt als Außenminister und Klaus Schütz als Staatssekretär wurde Heinrich Albertz Reg.Bgm. in Berlin. Die Wahlen 1967 fielen wieder gut aus, und die neue Regierung hätte erfolgreich an die Arbeit gehen können. Aber schon bei der Regierungsbildung hatte Albertz Schwierigkeiten. Er bekam nicht den von ihm gewünschten Bürgermeister und nahm dann Striek. Neubauer, der Innnensenator werden wollte, bekam zunächst eine Großverwaltung: Jugend, Gesundheit, Familie und Soziales. )

Inneres bekam Wolfgang Büsch. Dann überstürzten sich die Ereignisse, als beim Schahbesuch, während wir alle in der Oper saßen, der demonstrierende Student Benno Ohnesorg bei der Bedrohung eines Polizeibeamten von diesem in Notwehr angeschossen wurde und der Verletzung erlag. Von da ab war die Hölle los in Berlin. Alles wurde dem Senat in die Schuhe geschoben, und Albertz trat schließlich zurück. Nun wurde von Brandt versucht, in Berlin dadurch Ordnung und Ruhe wiederherzustellen, daß er Klaus Schütz als Nachfolger zur Bildung einer neuen Regierung schickte. Dabei ereilte mich das Los, da Neubauer nun endlich die von ihm angestrebte Innenverwaltung bekam, zusammen mit Horst Korber seine Großverwaltung zu übernehmen. Korber erhielt Jugend und Sport, mir wurde der "Rest" Arbeit, Gesundheit und Soziales übertragen. Ich hatte keine Lust, meine schöne und unbestrittene Aufgabe in Spandau aufzugeben. Aber da Albertz Spandauer Abgeordneter war und ich "beim Portepee" gefaßt wurde, konnte ich mich nicht der Aufgabe entziehen, zumal es dringlich war, daß Berlin so schnell wie möglich eine funktionsfähige Regierung bekam. Hier war es sehr schwierig, mit dem vorhandenen Personal gerade in der Ges: Verwaltung eine vernünftige Linie zu gewinnen.

Die Zeit war wirtschaftlich günstig, und man hätte mit Vernunft auf allen Seiten viel auf den Weg bringen können. Doch die Voraussicht, daß das Ges.-Wesen, vor allem, was die Krankenhäuser betraf, immer aufwendiger wurde und deshalb die Bettenplanung bei höchster Qualität zu stärkerer Rationalisierung führen mußte, wurde von den Trägern und den Bezirken nicht mitgetragen. Reiner Partikularismus setzte sich durch. Jeder war im Prinzip dafür, doch nicht bei ihm!! Jetzt haben wir die vorausgesehene Situation, daß das Ges.-Wesen nicht mehr zu bezahlen ist, auch wenn man die Notwendigkeit zu Sparsamkeit immer glaubte, nicht auf die Bevölkerung abschieben zu dürfen. Jedenfalls wurde aus persönlichen Rücksichten auf den eigenen Wahlkreis und sein Prestige manche hohe Investition wie das Krh. Kreuzberg in einem bevölkerungsmäßig schrumpfenden Bezirk getätigt und zusätzlich die Krh.Reinickendorf und Neukölln gebaut, was an sich richtig war, was aber den Etat auch mit den Folgekosten enorm belastet hat. Die Bürokraten machten mir Schwierigkeiten, während ich mit den Ärzten und dem Fachpersonal auf allen Ebenen gut auskam. Aber bei den eigenen Anliegen waren auch sie von Egoismus und Engstirnigkeit nicht frei. Heute jammern sie den schönen Zeiten nach, wo sie einen Kollegen an der Spitze der Verwaltung hatten, der für sie ein offenes Ohr hatte, wenn er auch das Gesamtinteresse mit den Einzelwünschen nicht immer in Einklang bringen konnte.

In den Bereichen Arbeit und Soziales hatte ich keine Schwierigkeiten und kam auch mit den Verwaltungsleuten gut hin. Allerdings hatte ich Schwierigkeiten im personellen Bereich, wenn ich Parteiwünsche oder solche vom Reg.Bgm. aus meiner verantwortlichen Sicht nicht erfüllen konnte, da ich sie für unverantwortlich hielt. Nach meinem Ausscheiden hat sich ja dann auch einiges abgespielt, was letztlich zum Scheitern der Senate Schütz und Stobbe führen mußte. Aber Politik wurde nun mehr und mehr zum Tummelfeld von Nur-Politikern, bei denen Opportunismus die feste Stellungnahme ersetzte. Das bedeutete nicht, daß diese Politiker etwa gescheitert wären. Manch einer fiel sogar die Treppe hinauf, wenn man ihn loswerden wollte. Insofern habe ich nach der Aufteilung meiner Verwaltung, um zwei Leute zu befriedigen, das Ausscheiden nicht bereut. Ich kann mich heute überall sehen lassen, wo ich tätig gewesen bin, und das gilt für mein gesamtes berufliches und politisches Tun, und ich konnte mein Leben unabhängiger gestalten.