Erinnerungen von Klaus Bodin: Krieg und Kriegsende

Geschichte: Personen A-K

Erinnerungen von Klaus Bodin: Krieg und Kriegsende

Am 1.3.40 zog ich bei Schneematsch in Kladow ein. Ich war einer Funkkompanie zugeteilt, in der die meisten anderen Rekruten auch Abiturienten oder Studenten waren. Die Unterführer waren auch Reservisten, nur der "Spieß" war ein Unteroffizier, etwas ungewöhnlich, da es sonst meist Hauptfeldwebel waren. Wir hörten, es handele sich um einen solchen, der degradiert worden war, dem man aber seine Funktion belassen hatte. Wir hatten gegenüber anderen Truppenteilen ein relativ angenehmes Leben, da man ja von uns Leistungen im Morsen und Hören erwartete und uns körperlich nicht so herannahm. Wir hatten einen Zugführer, der es verstand, unseren Ehrgeiz anzustacheln, da er mit guten Leistungen seiner Leute glänzen wollte, und so wurde wir von ihm durchaus väterlich behandelt. Der Erfolg stellte sich auch ein und hatte sogar Vorteile für mich. Tempo 100 hören war ein Traumziel, und als ich nach kurzer Zeit auf Tempo 120 kam, bekam ich als Rekrut 3 Tage Sonderurlaub nach Hause , und das wollte ja etwas heißen. Der Krach kam dann, als ich um meine Versetzung zur San.-Truppe einkam, um zum Weiterstudium beurlaubt zu werden. Da machte der Hauptmann mir schwere Vorwürfe, daß ich eine Karriere als Bordfunker im Offiziersrang ausschlüge; aber ich bestand auf der Versetzung, der auch stattgegeben wurde. So kam ich, als die ganze Ausbildungsabt. zur weiteren Ausbildung versetzt wurde irgendwo in die Provinz, nach Spandau in die Schönwalder Str. Die Behandlung dort war das gerade Gegenteil von Kladow. Hier wurden wir wie Infanteristen geschliffen. Die ehemaligen Sandhügel an der Kisselnallee (heute zum Friedhof gehörig) lernten wir aus nächster Bodenberührung kennen. Zum Schießen marschierten wir zu den Mäckeritzwiesen, ohne zu wissen, daß es das Gelände war, wo die ersten Versuche von Oberth, Alverdes und v.Braun mit Raketen für die Raumfahrt stattgefunden hatten. Hier in Spandau waren die Ausbilder im Gegensatz zu Kladow sehr primitiv, ähnlich wie im Arbeitsdienst. Sie reagierten ihre Minderwertigkeitskomplexe an do fl Herren Studenten" ab. Auch der Chef, ein Reservist, wollte, wenn er nicht "unter Strom stand", zackiger sein als die aktiven San.-Offiziere.

Ein aus dem Unteroffiziersstand hervorgegangener Oberleutnant erklärte uns, er heiße nicht nur Ruppig, er sei es auch. Na ja, er fühlte sich andererseits auch zu denen etwas zugehörig, die später auch Offiziere und vielleicht seine Vorgesetzten sein würden, und man muß sagen, er war streng, aber nicht gemein.

Nach unserer Prüfung wurden wir dann zu San.-Dienstgraden mit blauen Kragenspiegeln "umfunktioniert". Mein erster Einsatz auf dem Fliegerhorst Werder/Havel bedeutete, daß ich in eine Gemeinschaft kam, die ihre Position in der Heimat zu halten suchte und gegen Neuankömmlinge eingenommen war. Wir befanden uns in der Hochzeit nach dem Sieg über Frankreich und bekamen in jeder Wochenschau den Bombenkrieg auf England serviert als Vorbereitung auf die Invasion. Wir hatten Gelegenheit, die Obstweine auf Bismarck- und Friedrichshöhe zu genießen. Solange man saß, merkte man in der frischen Luft nichts Nachteiliges, aber wenn man sich erhob, um nach Hause zu gehen, kam die Wirkung ziemlich deutlich. Die Schilderungen von der Baumblüte waren uns verständlich: abends hatte die Bahn zum Potsdamer Bhf. Wagen der 4.Kl. ohne Bestuhlung angehängt. Dorthinein kamen die Opfer des Obstweines, die zunächst die Höhen herunterrollten, dann zum Bahnhof krochen und dort verladen wurden nach Berlin, wo sie ihre Angehörigen abholten.

Im Oktober 40 kam ich zu einer in Berlin im Einsatz befindlichen Flak-Einheit, Flak- Reg.11 Wolfenbüttel, mein erster "Fronteinsatz". Die schwere Flak war im Süden Berlins im freien Gelände eingegraben, die leichte Flak stand auf den Werktürmen von Mercedes-Benz und Fritz Werner. Ich kam in das Krankenrevier in Lankwitz, heute PH, das alte Luftschiffer-Batl. hatte dort gelegen. Dort war ich einem jungen Unterarzt und einem Feldwebel aus Sachsen unterstellt. Letzterer kümmerte sich hauptsächlich um die Berliner Mädchen. Die anderen San.-Dienstgrade waren unauffällig bis auf einen, der kundtat, er habe schon als Scharfrichter gearbeitet. In jener Zeit hatte man ja an solchen Leuten Bedarf, um die Kriegsgesetze durchzusetzen und jeden politischen Widerstand zu ersticken. Das Hören von "Feindsendern" und die Verbreitung des Gehörten waren schon ein todeswürdiges Verbrechen. In diesem Krankenrevier fand ich als Sanitäter auch einen Pfarrer vor, mit dem ich mich schnell anfreundete. Er gab zu, zunächst von Hitler begeistert gewesen zu sein (vor 33), aber kurz danach aus der NSDAP ausgetreten zu sein und sich als Pfarrer der Bekennenden Kirche angeschlossen zu haben. Da er jede Gelegenheit wahrnahm, in Berlin das kulturelle Leben zu genießen, das ja damals noch voll funktionierte, schloß ich mich an und kam zu vielen interessanten Abenden in den Theater-, Oper- und Konzertsälen.

Damals lernte ich auch die ersten deutschen Radargeräte kennen, die in der Nähe der schweren Flakbatterien, als Würzburggeräte bezeichnet, stationiert und von Offizieren bewacht wurden. Bis auf gelegentliche Luftalarme merkten wir kaum etwas vom Krieg. Wenn einzelne britische Flugzeuge bis nach Berlin durchkamen, wurden sie wie wild beschossen, meistens ohne Erfolg. Unsere Patienten, die eigentlich in die Schutzräume sollten, blieben meist oben in ihren Betten. Am nächsten Tag gab es für die "Verteidiger der Reichshauptstadt" dann eine Ration Rum und Zigaretten sowie Zusatzverpflegung. Unsere Flak hatte, soweit mir erinnerlich, nur einmal Erfolg. Die Flugzeuge kamen in hellen Mondnächten einzeln, dem blinkenden Band von Havel und Spree folgend, nach Berlin, und einmal erwischte das Scheinwerferbündel der Flak eine Maschine und brachte sie tatsächlich zum Absturz. Das Unheil war, daß sie auf ein Lager mit frisch eingetroffenen ausländischen Arbeitern stürzte, die aus Müdigkeit nicht Zuflucht in den Splittergräben gesucht hatten. Hier waren sehr viele Tote und Verletzte zu beklagen. Auch die Flieger waren unter den Toten, da sie nicht mehr hatten abspringen können. Wir mußten nun die Verletzten in die umliegenden Lazarette bringen (Standortlaz. Tempelhof, jetzt Wenckebach-Krh., St.Joseph, Kloster zum Guten Hirten) . Das war bei der Flak mein aufregendstes Ereignis und deutete an, daß der Krieg auch andere Seiten hat, die wir ja noch zur Genüge erleben sollten.

Die ersten angebombten Häuser sind mir noch in Erinnerung. Das eine am Bahnhof Charlottenburg, das andere am Obermeierweg in Spandau. Der Bombenschaden in Charlottenburg wurde sehr schnell repariert, da sich ja die S-Bahn-Fahrgäste diese Sensation ansehen wollten, zumal ja Göring sich "Meier" nennen lassen wollte, wenn je ein feindliches Flugzeug deutsches Gebiet erreiche und angriffe. Dieses Gelöbnis, dessen wahren Gehalt das deutsche Volk so schmerzlich erfahren sollte, wurde nie wiederholt. Im Frühjahr 1941 erfolgte meine Beförderung zum Gefreiten (San.-Gefr.!) Noch etwas ist über die Voralarme zu berichten, die mich erreichten: Da ich überall telefonisch in Berlin erreichbar sein mußte, bekam ich von einem Diensthabenden jedesmal bereits die Nachricht vom Voralarm, wenn ein Angriff auf Berlin wahrscheinlich wurde. Dadurch konnte ich unbesorgt nach Spandau zu den Eltern oder zu Freunden fahren. Wenn ich den Anruf hatte, fuhr ich mit der S-Bahn in die Kaserne zurück und kam rechtzeitig zum Voralarm an. So "genoß" ich die Zeit bei der Flak, und da ich mit dem Schriftlichen gut vertraut war, hatte ich eine gute Position und ein gutes Verhältnis zu den Vorgesetzten. Sie bedauerten es dann sehr, daß meine Abkommandierung zum Studium kam, auf die ich natürlich gewartet hatte. Meine Universität war Leipzig, obwohl ich lieber in Berlin geblieben wäre; aber das wurde von oben bestimmt. Ich wohnte privat und fand ein Zimmer in der Roßstr., ganz zentral gelegen. Ein Feldbett war in das Eßzimmer geschoben worden, und ich fühlte mich bei Friedricis ganz wohl. Der Chef der Schülerkompanie, beim Heer hieß sie Studentenkompanie, war Assistent von Prof. Clara, dem Anatomen. Ein Schulfreund, Günter Thiele, war auch in Leipzig zum Studium, aber 2 Semester weiter, da er ja 37-39 gleich gedient hatte. So war er schon Chargierter (Feldwebel) und mein Vorgesetzter, wenn wir wöchentlich einmal dem Reichsgericht gegenüber exerzieren mußten.

Sonst waren wir Studenten und fühlten uns durchaus frei, soweit man damals davon überhaupt sprechen konnte. In meinem Semester waren auch andere, die mit mir aus Berlin gekommen waren. Wir suchten möglichst Lokale aus, wo wir ohne Marken essen konnten, z.B. Muschelsülze im "Aquarium" oder ordentliche Getränke wie im "Ratsherrnstübl". Lebensmittelmäßig hatte ich insofern Glück, als ich bei einer pulmonalen Anschoppung bei einem Infekt durch den Truppenarzt als Tbc.-verdächtig mit einer Extra-Lebensmittelkarte versorgt wurde. Ein halbes Jahr ging es mir dadurch recht gut. Außerdem erfreuten wir uns an dem damals noch intakten Kulturleben. Eine Sonderheit Leipzigs ist mir auch noch in Erinnerung: In der Hauptpost am Augustusplatz gab es neben Berlin die erste Telefonzelle mit Gegenfernsehen. Aber der Partner hätte in Berlin eben in der entsprechenden Einrichtung sein müssen, damit es funktioniert. Wie weit man damals schon war! Ein Leipziger, Eigentümer einer Großparfümerie in der Petersstr., hatte Gefallen an uns Berlinern gefunden, die wir ihm wohl fern der Heimat leidtaten, und mit seiner Schwester führte er uns in feine Restaurants zum Abendessen; wir schnupperten so den Duft der großen weiten Welt. Einmal traf ich auch eine Tante aus Berlin auf Geschäftsreise in Leipzig mit ihrem Mann (Johanna Hoffmann, geb. Neuhofer). Inzwischen war ich Unteroffizier geworden und durfte mit ihnen meine Beförderung im "Astoria" feiern. Der Winter 41/42 brachte die Vorbereitung zum Physikum, und da hieß es, sich auf den Hosenboden setzen.

Mit den anderen meiner Gruppe ging alles glatt, und es wurde gefeiert. Dabei muß ich im "Erdener Treppchen" meine Papiere verloren haben. Soldbuch und Portemonnaie fehlten. Wie die Sache geregelt wurde, weiß ich nicht mehr; aber ich muß wohl zumindest das Soldbuch wiederbekommen haben, sonst hätte es wohl Ärger mit dem Militär gegeben. Nach dem Physikum war ein halbes Jahr Truppeneinsatz Pflicht. Inzwischen war Hitler ja über seinen "Freund" und Spießgesellen Stalin hergefallen. Soweit mir erinnerlich, sah Hitler die Notwendigkeit dazu als gegeben an, als im November 40 Molotow von ihm weitere Zugeständnisse in Bezug auf Einflußgebiete wie zum Beispiel Bessarabien haben wollte. Da Rußland sowieso das Fernziel war und er sich jetzt stark genug fühlte zu einer Lösung dieses Problems, war von da an der Rußlandkrieg beschlossene Sache. Und am Morgen des 22.6.41 hörte ich im Bett durch die Flügeltür hindurch im Radio die geifernde Stimme von Goebbels in demselben Ton, den wir in Hinblick auf die Bolschewisten bis zum August 39 gewohnt waren. Damit war natürlich aus meiner Sicht jede Aussicht auf ein einigermaßen glimpfliches Ende des Krieges dahin. Dazu fehlte dann nur noch, daß der "Führer" nach den Anfangserfolgen in der Sowjetunion und bei der vielfach so freundlichen Aufnahme des Vormarsches durch die dortige Bevölkerung, in grenzenloser Selbstüberschätzung und Verblendung ohne Not "dem amerikanischen Botschafter die Pässe zugehen ließ", d.h. er schloß sich der Kriegserklärung Japans an, als diese Pearl Harbor angriffen. Keine Woche später blieb der Vormarsch vor Moskau in Eis und Schnee stecken. Und nun hatten wir nicht nur einen Zweifronten-, sondern sogar einen Dreifrontenkrieg, vor dem unsere Helden alle so große Angst gehabt hatten, weil das für uns das Ende bedeuten mußte. Die Rußlandfanfare aus "Les Preludes"von Liszt hatte den Vormarsch begleitet, und nun kamen erstmals die Rückschläge. Die Truppen waren nicht auf den Winter vorbereitet, wie er in Rußland ja schon anderen zum Verhängnis geworden war. Es wurden Winter- und Skisachen gesammelt. Nachdem der Winter ohne Geländeverlust überstanden worden war, ging es im Frühling wieder vorwärts. Und nun sollte alles nachgeholt werden, was im alten Jahr nicht geklappt hatte. Es kam ja noch ein großer Landgewinn zustande; aber wir verlängerten die Front immer mehr, und als die Bevölkerung merkte, daß sie von den Übermenschen Hitlers nicht mehr zu erwarten hatten als sie von ihren Politfunktionären gewohnt war, da fühlten sie sich als Kämpfer im "Großen Vaterländischen Krieg" gegen die Invasoren. Und damit begann der so verlustreiche Partisanenkrieg.

Wir wurden also nach dem Physikum zunächst zur San: Schule Dresden-Nickern gesammelt, und von dort erfolgte der Einsatz nach Rußland. In Dresden verlebten wir noch friedliche Tage: für mich machte ich noch das Sportabzeichen. Den Grundschein der DLRG habe ich nicht geschafft. Es fehlte die Zeit zur letzten Übung. Der Transport führte uns über Warschau nach Wilna; dort konnte ich noch eine nette Opernaufführung sehen. Dann kamen Brest-Litowsk, Minsk, Smolensk. Diese Stadt war furchtbar zerstört, nur die Kathedrale stand unversehrt. Ein deutscher Fachmann, der dort diente, führte uns da durch. Von Smolensk ging es zurück nach Minsk und dann südlich über Orscha nach Gomel in ein Luftwaffen-Laz. Diese Stadt hat in der Presse eine Rolle gespielt nach Tschernobyl, in deren Nähe sie liegt, da sie geräumt werden mußte. Damals wußten wir nichts davon, was sich hier einmal abspielen würde. Ich arbeitete auf der Augen-Abt. und hatte einen sehr netten ruhigen Stabsarzt, Dr.Theobald. Wir wohnten in kleinen Holzhäusern, die durch einen Zaun in das Laz.-Gelände einbezogen worden waren. Neben der Behandlung unser Patienten hielten wir auch Sprechstunden für die russische Bevölkerung ab, in denen wir uns das Vertrauen der Leute erwarben, und sie brachten uns dann auch Lebensmittel oder wir tauschten für Zigaretten ein, was wir brauchten. Angst vor Partisanen hatten wir nicht, obwohl nicht weit von uns ein gefährliches Gebiet lag. Einen Überfall auf das Laz. hat es, soweit ich weiß, nicht gegeben.

Als eines Tages der Inspekteur der Luftwaffe, Gen.-Oberstabsarzt Dr.Hippke, unangemeldet erschien, war er pikiert, daß er nicht gebührend empfangen worden war. Aber was wollte er bei einer Einheit im Einsatz verlangen, wenn er nicht angemeldet war! Die Hauptsache war doch, daß alles klappte. So hatten wir dann auch erstmals Zugang zu gutem französischen Kognak und anderen besonderen Spirituosen, und wir vertrieben uns die Zeit einigermaßen in Ruhe. Der Herbst nahte, und wir sollten wieder zurück zum Studium. Über Königsberg ging es nach Leipzig. Hier erfuhr ich, daß für mein Weiterstudium Halle/Saale vorgesehen war. Die Trennung von den Kollegen, mit denen ich die Zeit zusammengewesen war, Achim Vibrans (später Amtsarzt in Gladbeck) und Helmut Baark (später Leitender Arzt der Lufthansa) fiel mir nicht leicht; aber in Halle fand ich auch Bekannte aus Berlin vor und lernte andere kennen, wie Werner Pruggmayr aus Dresden, der beim Heer diente (später Augenarzt in Peine) . Halle war schließlich gemütlicher als Leipzig und hatte eine viel schönere Umgebung. Bald fand ich eine Gruppe, die bei Rot-Weiß Halle Tennis spielte, und der schloß ich mich an. Das nächste Ereignis, das die schicksalhafte Entwicklung vorzeichnete, war Stalingrad. Unter den Kollegen fand ich solche, zu denen man offen sprechen konnte, darunter der spätere SPD-Bundestagsabgeordnete Dr.Siegfried Bärsch. So spielte auch bei uns der Slogan eine Rolle : Genießt den Krieg, der Frieden wird fürchterlich! Wir hatten auch bald eine Stelle, wo wir Radio London hören konnten.

Zunächst war ich in Halle bei zwei Lehrerinnen einquartiert worden. Diese waren davon nicht begeistert und überließen mir ein Zimmer mit Bett, Tisch, Stuhl und Waschtisch. Mein Leipziger Kollege Vibrans hatte in Leipzig eine Apothekertochter als Freundin, und die tat sich um und fand bei einer Schulfreundin ein nettes Zimmer für mich, bei Familie Eggert, die mich für zwei Jahre nett aufnahmen. Sie wohnten am Krokusweg 27 nahe den Siebel-Flugzeugwerken. Die einzige Tochter hatte gerade das Abitur gemacht und ging nach Wien zum Studium. So wurde ihr Zimmer für mich frei. Der Vater, ein Handelsvertreter, war als Hauptmann der Res. beim örtlichen Luftverteidigungskommando in der Nähe von Leipzig. Im Sommer '43 erfolgte der Großangriff auf Hamburg; ich hatte eigentlich meine Eltern im Urlaubsort Klixbüll besuchen wollen; dann wäre ich wahrscheinlich auf der Anreise mitten in den Hamburger Schlamassel hineingekommen. Meine Eltern hatten schon Schlimmes befürchtet. Statt dessenmir ich in Änderung meiner Pläne nach der Famulaturzeit in Saalfeld meinen Freund Werner Groß in Graz besucht, der dort famulierte, und besuchte dann noch für eine Woche Wien. Inzwischen hatten die Allierten die dritte Front mit Großangriffen aus der Luft eröffnet, in Berlin auf Steglitz und den Südwesten allgemein; so habe ich zahlreiche Blitzgespräche nach Berlin geführt, um mich zu vergewissern, daß in Spandau noch alles in Ordnung ist. Normal konnte man garnicht mehr telefonieren. ( Hier fällt mir ein, daß ich noch zu berichten habe über meine erste Famulatur in Nauen, Ostern 43, dann Frühjahr 44 in der 1.Med.Klinik Halle mit anschließender Doktorarbeit. Sommerurlaub statt in Ostpreußen auf der Kurischen Nehrung als Famulatur in Prag, Herbst 44 Gyn. Famulatur in Spandau, dann Abberufung und Überstellung zum Heer)

Nach der Landung der Allierten in der Normandie war die Lage nun ganz schlimm geworden, zumal die Russen nach Stalingrad immer stärker zum Angriff übergingen , und unsere Truppen sich zurückzogen, meist unter großen Verlusten, da Hitler ja den Kampf bis zum letzten Mann befohlen hatte. Kurz bevor fremde Truppen deutsches Gebiet erreichten, erfolgte der verzweifelte Versuch, durch das Attentat auf Hitler noch eine erträgliche Beendigung des Krieges unter Ausschaltung Hitlers und seiner Spießgesellen zu erreichen. Da dieser Versuch scheiterte, hatte das Regime die Möglichkeit, seine Strafgewalt voll auszuspielen. Freisler tobte sich aus; wir mußten als Dank für die "Rettung des Führers" künftig den "Deutschen Gruß" statt des gewohnten militärischen anwenden. Nun hatte ich den Eindruck, man solle sich näher an die Heimat heranmachen, wo man mehr Beziehungen hatte, den Endsieg mitzuerleben. Da war Dr.Thiemann für mich der geeignete Mann. Er saß im Büro des Reichsärzteführers, war aber ein so entschiedener Gegner des NS-Systems, daß ich ihm riet, vorsichtig zu sein, da er bei guter Tarnung besser in seinem Sinne arbeiten könne, als wenn er entdeckt würde. Inzwischen hatte ich meine Famulatur in der gynäkol. Abt. in Spandau angetreten und den schweren Luftangriff miterlebt, bei dem die Nikolaikirche schwer beschädigt wurde. Da erreichte mich der Rückruf nach Halle, da wir alle von der Luftwaffe zum Heer überstellt wurden. Kurz wurde ich noch kaserniert, dann hatte mein Bekannter einen Tauschpartner für mich gefunden, und so wechselte ich nach Berlin. Hier konnte ich wieder privat, d.h. bei den Eltern wohnen. Hier erlebte man nun die täglichen Luftangriffe, meist zweimal, morgens und in der Nacht. Ich war aber mit der Familie zusammen und teilte ihr Schicksal. Nur der Heilige Abend und der erste Feiertag waren ohne Angriffe, sonst ging die Zerstörung Berlins weiter mit der Präzision eines Uhrwerks. Als die Russen dann zum Angriff über die Oder auf Berlin antraten, wurde ich nachts alarmiert und mußte einen Kollegen aus Lichterfelde-Ost heranholen, der telefonisch nicht erreichbar war. Wir wurden nun doch geschlossen untergebracht und wohnten in den jeweiligen Kliniken. Ich war im Res.-Laz.101, dem Krh.Westend, jetzt Klinikum Charlottenburg. Nun ergab sich für mich die Frage, was ich aus der verbleibenden Zeit bis zur sich anbahnenden Eroberung Berlins durch die Russen für mich am besten herausholen sollte. Wir waren ja als 9.u.10. Semester weiter im Studium, während alle anderen Studenten zur Truppe eingezogen worden waren. Inzwischen hatte sich die Tragödie von Dresden ereignet, und ein Kollege von uns, der dorthin abgeordnet worden war, kam völlig erschüttert wieder. Durch meine Voraussicht hatte ich ja bereits alle Vorlesungen und Kurse, die Pflicht waren, erledigt. Da kam mir der Gedanke, dadurch schon ins Examen steigen zu können, daß ich mir das Rußlandsemester anerkennen ließ. So geschah es, und am 10.März stieg ich mit Pathologie ein. Es war natürlich schlimm, bei den dauernden Angriffen sich zur Prüfung vorbereiten zu müssen; aber es war die einzige Möglichkeit, für die Zukunft, so ungewiß sie auch war, vorzusorgen.

Am 10.3.45 stieg ich also in die Pathologie als erstes Prüfungsfach ein. Man hatte gehört, daß ein gutes Ergebnis bei Rößle für den weiteren Verlauf der Prüfungen günstig sei. Es klappte, und dann nahm ich jeden möglichen Termin wahr, um mit den großen Fächern fertig zu werden. So saß ich eines Tages Professor Gohrband in der weißen goldstrotzenden Uniform eines LW.-Generalarztes gegenüber. Er war allerdings sehr nett und kein bißchen militärisch zu mir, dem kleinen Feldwebel. Und da ich mich wie immer im Langenbeck-Virchow-Haus aus der Kartei, in die alle Studenten ihre Erfahrungen mit den einzelnen Prüfern einbrachten, gut informiert hatte, konnte ich die von ihm gewünschte Definition von Schock und Kollaps vortragen und bestand dann auch. Bei Koch (1 .Inn.) drängte ich mich auf den ersten Platz in der Reihe der Prüflinge, da man wußte, daß die ersten Fragen grundsätzlicher Natur sind und er dann immer mehr ins Spezielle geht, wie wir es auch beim Multiple-Choice-System erfahren haben: die ersten Prüfungen danach waren normal; aber dann wollte man immer neue Fragen bringen, und so wurden die Fragen immer mehr zu Kombinationsproblemen, wo man mehr und mehr um die Ecke denken mußte, um sie zu lösen. Mein jüngerer Sohn hatte sich daraus auch schon eine Methode zur Erfassung des Gewünschten gemacht, sodaß er Antworten aus der Fragestellung heraus schon beantworten konnte, wo ich Schwierigkeiten hatte, die Frage überhaupt zu verstehen.

 In Pharmakologie blieb mir Heubner erspart; man wußte nie, welchen Eindruck er von einem hatte. Die erste Frage konnte darüber entscheiden, ob er sich leutselig oder als unangenehmen Zyniker gab. Diese Erfahrung hat damals auch zur Einführung des Multiple-Choice-Systems geführt. Man wollte die Subjektivität des Prüfers ausschalten und so Chancengleichheit erzielen. So kämpfte ich mich erfolgreich von Fach zu Fach. In der Kinderklinik prüfte Cammann, der Oberarzt von Bessau und dessen Nachfolger Kleinschmidt, der als Emeritus nach Bessaus Tod reaktiviert worden war. Die Prüfung verlief angenehm, und wir waren dann später erschüttert, als wir hörten, daß er von einem Russen erschossen worden war, weil er dem nicht seine Langschäfter, auf die die Russen immer scharf waren, überlassen wollte. Sauerbruch bleib mir auch erspart, dafür hatte ich den Oberarzt vom Oskar-Helene-Heim, Pitzen. Als letztes Fach ließ ich mir die Rassenkunde, da ich annahm, daß dieses NS-Fach, wenn die Russen eher in Berlin sein würden, sicher für die Prüfung nicht mehr gebrauchtinter Kanonendonner vom Ostrand Berlins bekniete mich der Prüfer (Kolle oder Koller), ihm zu helfen durch einige vernünftige Antworten, damit er mir nicht das Ges.-Resultat des Examens, für das Rassenkunde wichtig war, verderben müsse. Er gab mir dann eine Zwei, und ich dachte bei mir, was Du heute von mir wissen wolltest, getraust Du Dich in einigen Tagen oder Wochen nicht mehr laut zu sagen.

Am 12.4.45 hatte ich es geschafft, und fuhr am nächsten Tag zum Innenministerium, mir meine Approbation abzuholen. Dann stellte ich mich beim Standortarzt Berlin im Krh. Britz vor, um den Einsatzstandort zu erfahren. Dabei sah ich am Teltowkanal Flakhelfer eine große Kanone für den Erdkampf einbuddeln. Wieviele von diesen armen Jungen mögen den Endkampf überlebt haben?! Mit Prädikatsexamen konnte ich mir die Dienststelle wählen, und ich entschied mich für Westend, das ich ja kannte. Und es stellte sich heraus, daß dieses Hauptlaz. eine gute Wahl war. Andere hatten sich Spandau (Res.-Laz.108) gewählt, mit dem sie dann später nach Osten verlegt wurden und erst durch Gerda Goldmann mit ihren Beziehungen zur russischen Generalität aus Frankfurt/0 vor dem Abtranspost nach Rußland zurückgeholt wurden nach Berlin. Die zur Entsetzung Berlins erwartete Armee Wenck, die dann von Berlin aus unter dem Befehl des "Führers" die Sowjets vernichtend schlagen und das Kriegsglück an unsere Fahnen heften sollte, kam nicht mehr über das südöstliche Vorfeld von Berlin hinaus und mußte sich zurückziehen. Da wurde eines Tages gefragt, wer sich am großen Ausbruch nach Westen beteiligen wolle, ehe sich der Ring um Berlin schlösse. SS-Verbände sollten die Speerspitze bilden.

Nun wollte ich, da ich bisher heilgeblieben war und ja auch nicht von der Heimat und dem Elternhaus weg wollte, ein solches Unternehmen, das ich für aussichtslos hielt, nicht mitmachen. Es stellte sich später heraus, daß die Kolonne von Militärs und Zivilistenwestlich von Berlin von den Russen sowohl vom Norden wie vom Süden in die Zange genommen worden und praktisch aufgerieben worden war. Wir merkten nach Tagen, an denen wir schon verwundete Hitlerjungen bekamen, daß sich der Ring um unser Lazarel t geschlossen hatte. Unsere Vorräte gingen zur Neige, auch Medikamente, und schließlich mußten wir im Bunker mit dem hauseigenen Aggregat operieren, bis auch das ausfiel, und eine von einem Kraftwagen mit laufendem Motor gespeiste Lampe das Op.-Feld erleuchtete. Dieselbe Klinik, in der später die Anwendung eines Kunstherzens, erst am Tier, dann auch am Menschen erprobt wurde, befand sich in unglaublichem Zustand und das Personal versuchte, mit der Situation so gut es ging, fertigzuwerden. Schließlich hieß es, in Buch sind schon die Russen, und telefonisch (!) bekamen wir die Auskunft, daß sie bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Verbandmaterial halfen und auch ganz freundlich seien. Endlich waren auch wir isoliert auf dem Spandauer Berg, da hieß es, den Alkohol der Apotheke in die Gullys schütten und die Pistolen abgeben.

Eines Morgens war es dann soweit: Wir standen ängstlich im Bunker; vom Chefarzt geführt, kamen ein junger Leutnant, mit einer Pistole in jeder Hand, und einem kleinen Soldaten mit MPi dahinter durch die Kellerräume in den Bunker. Die Russen hatten wohl vor uns genau so viel Angst wie wir vor ihnen. Sie gaben uns den Befehl, weiterzumachen. Nun waren wir also "befreit". Die NS-Embleme wurden von den Uniformen abgetrennt, und wir taten sonst weiter unseren Dienst für die verwundeten Soldaten. Die Versorgung durch die Rote Armee klappte, solange die Vorräte aus deutschen Versorgungslagern, wie wir aus den Aufschriften entnahmen, zur Verfügung standen. Dann bekamen wir einmal Kommißbrot russischer Herkunft, das schwer und klitschig war. Die bedingungslose Kapitulation war vollzogen, und wir beiden Spandauer, Peter K. und ich, bekamen Besuch von den Familien an einem Sonntag. Dabei wurde uns ein Rucksack mit Zivilkleidung mitgebracht, den wir noch gut gebrauchen sollten. Außerdem bekamen wir "Marschbefehle" vom Spandauer Amtsarzt, der als unbelastet in seinem Amt gleichzeitig als "Rayonarzt der Roten Armee" bestätigt worden war. Wir sollten uns zum Dienstantritt im Krankenhaus Spandau melden. Sicherheitshalber ließen wir uns diese Papiere ins Russische übersetzen. Gegenüber dem Krankenhaus in einer Seitenallee waren inzwischen kluge Leute aus unserem Hause in einem dort entdeckten Entlassungsbüro für Soldaten der Wehrmacht gewesen, hatten sich den russischen Stempel für das Soldbuch geholt und verschwanden in Richtung Heimat. Die älteren San.-Offz. wollten uns Jüngere auf ein Ausharren im Hause vergattern; aber wir lehnten dankend ab, da wir ja an der Misere nach unserem Alter gar nicht schuld sein konnten und somit für unser Leben andere Perspektiven sahen, als uns für die älteren Herren, die alle Vorzüge dieses Systems mitgenossen und damit auch die schlimmen Folgen zu verantworten hatten, als Opfer zur Verfügung zu stellen.

So verabredete ich mit Peter K. den Abgang zum nächstmöglichen Zeitpunkt, da sich die Anzeichen häuften, daß die Zahl der Ärzte immer mehr abnahm, was für die verbleibenden zusätzliche Arbeit bedeutete. Aber es wurde auch offenbar, daß das Lazarett im ganzen verlegt würde in Richtung Osten. Mein Stations-Feldw. schickte mich auf mein Zimmer, um mich unsichtbar zu machen und bei Nachfrage sagen zu können, ich sei schon abgewandert. Ich meinerseits stellte für alle Gehfähigen Entlassungspapiere aus und stufte sie im Rang zurück, damit sie nun nicht mehr als Offiziere sich besser zusammen mit den anderen Soldaten nach West- oder Süddeutschland durchschlagen könnten. Wie ich später hörte, sind sie alle beim Übergang über die Elbe als Demarkationslinie gefaßt und gefangengenommen worden. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt geworden. Am 16.5. war es dann soweit. Mit der Verladung wurde begonnen. Am Abend verzogen wir beiden Spandauer uns zu einer med.techn. Assistentin, die östlich Berlins wohnte und den Umzug mitmachen wollte, weil sie hoffte, von Lichtenberg, wohin es zunächst ging, sich besser absetzen zu können. Am nächsten Morgen um 5 Uhr schlichen wir uns zu einer großen Mauerlücke am Fürstenbrunner Weg und von dort in das Laubengelände am Spreeufer. Es war ja noch nächtliches Ausgehverbot bis 6 Uhr. Dann machten wir uns auf den Weg Richtung Spandau. An der Charlottenburger Chaussee herrschte Leere und Totenstille Wir sahen immer nach hinten Richtung Charlottenburg, ob man unser Fehlen schon bemerkt habe und uns verfolge. Wir waren mit der russischen Mentalität noch nicht vertraut, daß etwaige Fehlbestände einfach durch Aufgreifen des nächst Erreichbaren aufgefüllt wurden. So ist mancher, der in Pantoffeln zum Einkaufen ging, gegriffen und in eine Kolonne gesteckt worden, wo einer fehlte. Mancher kam, wenn überhaupt, erst nach 10 Jahren vom Einholen zurück. 

An der S-Bahn-Brücke hielt ein kleiner blutjunger Russe mit MPi Wache und wollte unsere Papiere sehen. Wir gaben ihm die russische Übersetzung zu unserem Marschbefehl, er akzeptierte sie und ließ uns passieren. Vorher hatte er aber noch beiläufig nach der Uhrzeit gefragt. Wir waren aus der Erfahrung aber gewitzt und antworteten: "Nix Uhri, Uhri Kamerad!" Sonst wären wir sie hier losgeworden. Wir hatten sie aber sicherheitshalber um den Oberarm gebunden. Er ließ uns dann gehen, und ich sagte zu meinem Kameraden, wir wollten nun nur ja langsam schlendern und nicht etwa losjagen, damit es nicht wie Flucht aussah und er mißtrauisch würde. Auf der Charlottenbrücke, die noch zuletzt stark umkämpft worden war, wobei die neuen Häuser auf beiden Ufern der Havel zerstört worden waren, kam uns eine Kolonne entgegen, in deren Mitte ich den Vater eines Schulfreundes erkannte, der von Beauftragten der Besatzer zu den Deutschen Werken geführt wurde, wo er kaufmännischer Direktor war und die Demontage leiten sollte. Als er seine Aufgabe erfüllt hatte, wurde er als Wirtschaftsführer verschleppt und ist nicht wiedergekommen. Am Stresowplatz, wo mein Freund zu Hause war, trennten wir uns, und ich wanderte ungehindert weiter. Um 7 Uhr traf ich zu Hause bei der überraschten und glücklichen Familie ein.

Sie freuten sich, daß ich heil und gesund aus dem Krieg zurückgekommen war, und wir setzten uns zunächst an das karge Frühstück, wobei ich nun erstmal über die Geschehnisse der letzten Tage, seit wir nichts voneinander gehört hatten. Dann erklärte ich, daß ich mich nun auf den Weg machen wolle, um mich beim Bezirksamt und der russischen Kommandantur zurückzumelden. Meine Mutter begleitete mich zum damaligen Verwaltungszentrum in den heutigen Alexander Barracks am Askanierring, das an Stelle des ausgebrannten Rathauses der Bezirksverwaltung als Ersatz diente. Dort hatte meine Mutter schon Fühlung aufgenommen mit den neuen Amtsträgern, die ihr aus der Vornazizeit meist gut bekannt waren. Der zuständige Bezirksrat für das Personalwesen war Herr Lösche. Wie üblich, war dieser Posten, der Personal und Polizei unter sich hatte, ein KPD-Mitglied.

Der erste Mann, der Bürgermeister, war entweder ein unbelasteter Bürgerlicher oder ein Sozialdemokrat. So hatten die Russen und ihre deutschen Vertrauensleute immer die Schlüsselfunktion in ihrer Hand. Hier muß eingefügt werden, daß es sich damals um von der Besatzungsmacht eingesetzte Personen handelte und die Parteizugehörigkeit nach der Vornazizeit gewertet wurde. Politische Parteien wurden ja erst im Juni/Juli 45 zugelassen. Meine Mutter kannte Herrn Lösche aus der Weimarer Republik schon als Stadtverordneten. Er war immer sehr sachlich, und sie schätzte ihn, auch in der Nazizeit hatte sie guten Kontakt zu ihm, da er nicht dogmatisch verbohrt war. So gab er sich auch freundlich, als er mich begrüßte und mir gratulierte, daß ich alles gut überstanden hatte. Meine Bitte, mich bei der russischen Kommandantur anzumelden, beantwortete er mit dem Satz: "Gehen Sie man ins Krankenhaus, da wird jede Hand gebraucht; ich melde Sie der Kommandantur als Rückkehrer". Erst später wurde mir klar, daß er seine "Pappenheimer" in der Kommandantur kannte und mich nicht denen ausliefern wollte. Man hat ja später dann auch seine Erfahrungen auf diesem Gebiet gemacht, wenn plötzlich Leute verschwanden. So meldete ich mich dann in der Lynarstr. beim Verw.-Dir. Marczinski, den wir noch aus der Nazizeit kannten. Er war alter Beamter, wohl "Zwölfender", und natürlich in der NSDAP gewesen. Er empfing mich sehr höflich, und ich landete auf der Station 15/1I. Es gab im ganzen Haus nur Verwundete und Infektionskranke. Die Bezeichnung der Fach-Abt. war zunächst nur theoretisch. So vollzog sich meine Rückkehr ins Zivilleben eigentlich reibungslos, und ich konnte kaum fassen, was sich in den letzten drei bis vier Wochen abgespielt und was für ein Glück ich dabei gehabt hatte. Mit Dietrich Hochfeld, der schon im Krankenhaus Dienst tat, bezog ich ein Zimmer.

Wir hatten jede zweite oder dritte Nacht Dienst; so wurde man praktisch jede Nacht vom Telefon geweckt, ob man Dienst hatte oder nicht. An ein Durchschlafen war nicht zu denken; aber wir waren jung und freuten uns, unserem Zivilberuf nachgehen zu können, wenn auch die Umstände schwer waren. Andererseits kamen wir an Aufgaben heran, die sonst für uns "Greenhorns" noch tabu gewesen wären; aber es wurde wirklich jede Hand gebraucht. Im Juni bekamen wir auch erstmals "Löhnung", 245 RM. Wir hatten Frau Dr.Hellmich als schon erfahrene Ärztin zur Seite, wenn wir Probleme hatten, und als Facharzt Dr.Lebbin. Der Oberarzt Dr.Baukhage war ein guter Lehrer für junge Ärzte und hatte dazu eine glückliche Hand. Er vertrat Prof.Felix, den Chefchirurgen von Spandau, der noch nicht vom Kriegsdienst heimgekehrt war. Als er dann eines Tages im Juni zurückkehrte in einer bayrischen Tracht mit Seppl-Hosen, muß er den ihm Begegnenden in der Lynarstr. wie ein Mann vom anderen Stern vorgekommen sein wie übrigens auch den früheren Mitarbeitern im Krankenhaus, die ihn so nicht kannten. Er nahm dann sofort die Zügel fest in die Hand und stürzte sich in die Arbeit. Sein Operieren, das er forciert betrieb, stand nicht unter einem glücklichen Stern; häufig "verbutterten" seine Mägen. Als er dann alle im Op.-Saal Tätigen mit Abstrichen von den Händen durch Dr.Pieper, der damals das Med.-Untersuch.-Amt provisorisch in der Pathologie betrieb, untersuchen ließ, stellte sich heraus, daß er als einziger pathogene Bakterien an den Händen hatte. Da er im Bauch mit bloßen Händen zu operieren pflegte, was er wohl bei seinem Lehrer Sauerbruch gelernt hatte, war der Infektionsweg klar. Nachdem er wenigstens Zwirnhandschuhe überstreifte, wurden die Ergebnisse sofort deutlich besser.

Der Pathologe Prof.Froboese war in der ersten Zeit nach der Besetzung stets mit rotem Schlips, roter Armbinde oder sogar roter Fahne durch das Gelände gelaufen, um seine positive Einstellung zu den neuen Verhältnissen unter Beweis zu stellen. Ihm passierte aber, als er einmal die Schönwalder Str. entlangging und neugierig näherkam, als er sah, daß da auf dem Hof Leute auf Holzfässern herumtraten, daß er von einem russischen Soldaten, der das Ganze beaufsichtigte, angerufen wurde: "Nix rumstehen und kucken, mitmachen!" So mußte Herr Professor, obwohl er auf seine Stellung im Krankenhaus hinwies, einen Vormittag über Sauerkohl stampfen helfen, bis er in der Mittagspause dann entweichen konnte. Etwas Entsprechendes passierte dem uns vertrauten Amtsarzt Dr.Franzmeyer, dem ich ja die Entlassungspapiere für Westend zu verdanken hatte. Er wohnte eigentlich im Bezirk Prenzlauer Berg und war dort ausgebombt worden. Dann hatte er mit seiner Frau sich notdürftig in seinen Amtsräumen im Rathaus eingerichtet und war ausgeräuchert worden, als die Russen die SS, die sich dort verschanzt hatte, mit Flammenwerfern vertrieben. Nun wohnte er bei einem Bekannten in der Dyrotzer Str. Als er von dort eines Morgens zum Dienst ging, sah er Leute auf dem Bahndamm arbeiten und ging neugierig näher. Da wurde er auch von einem Russen angehalten, und obwohl er auf seinen Rang als Rayonarzt der Roten Armee hinwies, für einen halben Tag zur Arbeit mit den anderen gezwungen, die Schienen zur Verladung demontierten.

Erst als einem eine Schiene auf den Fuß fiel, durfte er als Arzt ihn ins Krankenhaus begleiten und kam so von der Zwangsarbeit frei. Im Krankenhaus wurde im Bunker weiter so gearbeitet wie in der Kriegszeit, da der Trakt mit Operationssälen und Röntgen zerstört war. Im Bunker wurde auch weiter unter den beengten Umständen geröntgt. Auf uns lastete die Arbeit, die im wesentlichen chirurgische Fälle umfaßte, und bei der schlechten Ernährung und dem praktisch durchgehenden Dienst war man ziemlich erschöpft. Da ich ja nicht vorhatte, mich zum Chirurgen ausbilden zu lassen, machte ich das auch mal am Op.-Tisch deutlich, was Prof.Felix überhaupt nicht verstand. Nach den Bestimmungen der Ges.-Verwaltung hatte ich außer Chirurgie noch Pflichtzeiten in der Inneren Medizin und in Gynäkologie und Geburtshilfe zu absolvieren, um die Vollapprobation zu erreichen. So ging ich im Herbst 45 auf die Dermatologie, wo ja mit den Ungeziefer- und den Geschlechtskrh. auch viel zu tun war. Bei Prof .Rost konnte ich mir schnell eine Vertrauensstellung erwerben, da ich jeden Morgen sehr früh im Hause war, um das Penicillin, das wir von den Engländern bekamen, vorzubereiten für die Frauen, die täglich aus dem ganzen britischen Sektor herantransportiert wurden, um ihre fünf Injektionen zu erhalten, die sie heilten von ihrer Gonorrhoe. Der Chef kam aus Schönwalde und war auf die Mitfahrt bei einem russischen Offizier angewiesen, die nicht immer ganz pünktlich erfolgte. Der "Laden" mußte aber zeitlich klappen wegen der Engländer. Das Penicillin damals war Calcium-Penicillin in harten Tabletten, die mühsam gelöst werden mußten. Prof. Rost hätte es wohl gern gesehen, wenn ich bei seinem Fach geblieben wäre, aber ich mußte ja zur gyn.Abt., als dort eine Stelle frei war; inzwischen waren durch die Rückwanderung nach Berlin oder durch Übersiedlungen aus der Umgebung oder Ausweisung aus den Ostgebieten viele Kollegen bei uns aufgekreuzt, so daß die Stellen langsam knapp wurden.

Am 1.7.46 kam ich zum Dienst auf der Frauen-Abt. Man hatte viel Dienst, und das Fach machte mir nicht sehr viel Spaß. Dabei hatte ich eine nette Oberärztin Dr.Lehne und einen Kollegen, den ich schon über meine Eltern kannte, dann aus der Schule und dem Studium. Er war begeistert für dieses Fach und hat mir vieles beigebracht, da er sich bei dem netten Chefarzt Dr.Abernethy, der aus Ostpreußen gekommen und an Stelle des politisch belasteten und wohl nicht zurückgekommenen Prof.Sippel eingestellt worden war, als gute Kraft erwiesen hatte. In diese Zeit fällt auch das letzte Krankenlager meiner Mutter: Sie hatte im Winter 45/46 eine Reaktivierung ihrer Lungentbe. erlitten und war nach Behandlung auf der Inneren Abteilung dann von ihrem guten alten Lungenarzt Dr.Ballin, der inzwischen die Tbc.-Abt. in der Lynarstr. leitete, weiterbetreut worden. Am 23.8. nach einem Blutsturz wurde sie bei Dr.Ballin wieder stabilisiert, und es ging zu Hause langsam besser. Ab Mitte September trat zunehmende Atemnot ein, sie kam wieder ins Krh., auf die Inn.Abt., es stellte sich eine miliare Streuung der Tbc. ein, an der sie am 16.10.46 starb. Alles spielte sich im Vorfeld der Wahlen in der Sowjetzone und Berlin ab, die für die weitere Entwicklung so große Bedeutung haben sollten.