Erinnerungen von Klaus Bodin: Arbeitsdienst, Ausbildung und Wehrpflicht

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Erinnerungen von Klaus Bodin: Arbeitsdienst, Ausbildung und Wehrpflicht

Unter den ehemaligen Sozialdemokraten (die Partei war ja schon verboten) musste man sich inzwischen auch neu orientieren; man konnte sich nicht mehr auf jeden, den man kannte, verlassen. Opportunismus, der viele in den zwanziger Jahren in die SPD gebracht hatte, wie wir es dann ja auch nach 1945 wieder erlebten, liess schon 1932 manche Morgenluft schnuppern, und nun beeilten sie sich, zur nationalen Erneuerung nicht zu spät zu kommen. Im großen und ganzen hatten wir aber einen festen Kreis von politischen Freunden; sie waren z.T. ihre Arbeitsstelle losgeworden, wie die Lehrer von den sogenannten freien Schulen, mußten sich neue Arbeit suchen, meist für sie berufsfremd; dann bewährte sich aber die Solidarität. Theo Hofschläger schlug sich als Eduscho-Vertreter durch und wurde unser Kaffee-Lieferant, andere gingen in den Einzelhandel. Georg Rückeis schien uns am meisten gefährdet als Vorsitzender der Abt.Wilhelmstadt und wohnte einige Tage bei uns, um einer eventuellen Festnahme zu entgehen. Aber die siegestrunkenen Nazis hatten soviel mit sich und der Vergabe neuer Posten zu tun, daß dabei manche der politisch Gefährlichen übersehen wurden. Die Entwicklung nahm ihren dramatischen Fortgang, als die Nazis, die ja nicht allein regieren konnten, im Reichstag das Ermächtigungsgesetz einbrachten, um damit freie Hand zu bekommen, von der "nationalen" zur "nat.-soz." Revolution überzugehen.

Im Reichstag glaubten die Vertreter der bürgerlichen Mitte, die Demokraten (Staatspartei) und die Deutsche Volkspartei, zustimmen zu können, um so das politische Abenteuer Hitler sich um so schneller entlarven und abservieren zu lassen. Sie hatten keine Ahnung von der Dynamik einer totalitären Bewegung, die sich selbst immer weiter vorantreibt und dabei über bürgerliche Wertvorstellungen hinwegrollt. Jedes Stehenbleiben bedeutet Rückschritt und somit letztlich das Ende. Wir sehen heute (Mitte der achtziger Jahre, die Red.) in Mitteldeutschland, wie die Bevölkerung daran gehindert wird, in Ruhe über ihre Situation nachzudenken, und wenn sie es tut, dann erleben wir die Massenflucht und den Aufstand der Massen. Viele standen damals dem Experiment Hitler gar nicht so ablehnend gegenüber, bis sie merkten, wohin die Reise ging. Damals hat sich die SPD durch die Rede von Otto Wels im Reichstag ein unvergängliches nationales Verdienst erworben, das eigentlich der Welt hätte die Augen öffnen können. Wenn schon nicht die Ausschaltung der freien Gewerkschaftsbewegung am 2.Mai 1933 nach einer gemeinsamen Kundgebung am Tag davor als das verstanden wurde, was es in Wirklichkeit war, so hätte doch die Vollmacht zum vierjährigen Regieren ohne parlamentarische Kontrolle alle Signallampen aufleuchten lassen müssen. In der Schule waren nun immer häufiger HJ-Uniformen anzutreffen, jüdische Schüler begannen, die Schule zu verlassen, und das für uns Bemerkenswerteste geschah eines Tages: Da der Stahlhelmführer Seldte seine Organisation im Zuge der Gleichschaltung der SA eingegliedert hatte, mußten sich alle Stahlhelmmitglieder in dieser für sie neuen Uniform zeigen. Das betraf auch einige unserer Lehrer, die wir überhaupt nicht in Uniform kannten. Zum Vergnügen der Schüler erschienen einige der seriösen streng konservativen Herren eines Tages in der so unschönen braunen Uniform der SA. Es war ihnen sichtlich peinlich, und es kam auch nie wieder vor.

Carl Herz war "Onkel Carl"

An diese Zeit des nationalen Überschwanges mit ach so schwerwiegenden Folgen werde ich erinnert, wenn ich daran denke, dass ich im Dez.85 eingeladen war zu einer Feierstunde im Rathaus Kreuzberg. Damals wurde eine Porträtstele des ehemaligen Bürgermeisters Dr.Carl Herz, der wie schon erwähnt, 1933 in übler Weise aus dem Amt entfernt wurde, aufgestellt. Zu dieser Feier kam seine Tochter Hilde aus Haifa mit ihrer Tochter, und es war für mich außerordentlich bewegend, sie nach über fünfzig Jahren wiederzusehen. Seine Frau und meine Mutter waren in der Sozialarbeit eng miteinander verbunden, und ich vermute, dass diese Beziehung auch dazu führte, daß meine Mutter 1929 der SPD beitrat. Frau Else Herz war sehr fortschrittlich eingestellt und beeindruckte meine Mutter, was moderne Erziehung (Montessori, Individualpsychologie nach Alfred Adler) und Ernährung (Mazdaznan, Bircher-Benner, Reformkost, Vollkornbrot usw.) betraf. Mit Frau Herz und Frau Ruth Otto, der Frau unseres Hausarztes, hatte sie den 1. Verein Spandauer Kindergärten und Horte gegründet, und als Räumlichkeiten alte Offizierskasinos am Lindenufer und im Alten Schützenhaus angemietet.

Nach der Machtergreifung Hitlers schied meine Mutter natürlich aus dieser dann gleichgeschalteten Organisation aus. Frau Herz war ebenfalls ausgeschieden, und Frau Otto wurde von ihrem Mann auf die nationale Linie eingeschwenkt und machte im Verein weiter mit. Meine Erinnerung hatte mich nun getrogen, als ich glaubte, Dr.Herz und seine Familie seien gleich ausgewandert. In Wahrheit hatten sie sehr bald ihre Kinder nach Israel auswandern lassen und selbst bis 1939 kümmerlich in Berlin gelebt, bis sie 1939 Deutschland Richtung England verliessen, wo Dr.Herz bald mit kommunalpolitischen Problemen betraut wurde, vor allem in Hinblick auf die Zeit nach dem Kriege. Dann siedelten sie allerdings nach Israel zu ihren Kindern über, wo sie bis zu ihrem Tode lebten. Ich hatte in Erinnerung, daß wir Ansichtskarten von "Tante Else" und "Onkel Carl", an mich adressiert, erhielten, auf denen wir aus dem Bild sahen, wo sie sich gerade befanden auf dem Wege in die neue Heimat. Aus ihrer Bücherei konnten wir einiges sicherstellen und einige Möbelstücke retten als Andenken, die sie nicht den Nazis in die Hände fallen lassen wollten. In der Wohnung meiner Eltern überdauerte alles glücklich die Nazizeit, und bei der Wohnungsauflösung habe ich alles zu mir genommen, wo es einen Ehrenplatz erhielt. So bin an das "Kapital" gekommen. "Mein Kampf" kam erst nach dem Krieg zu uns, als mein Vater seine Schule, die als Polizeikaserne gedient hatte, von allen NS-Resten befreite.

Zurück zu mir: In der Schule setzte nun langsam ein Druck auf die Schüler ein, sich der HJ anzuschliessen, wobei auch Lehrer eine Rolle spielten, die es eigentlich nicht nötig gehabt hätten.

Viele davon waren-keine echten Nazis aus Überzeugung, sondern wollten nur ihren guten Willen zur neuen Ideologie darlegen, um ungestört zu bleiben und sich Aufstiegschancen nicht zu verbauen. So war einer von ihnen, der sich mit seinen politischen Reden besonders hervortat, wie sich nach dem Kriege herausstellte, gar nicht Mitglied der Partei gewesen. Aber wir hatten den Eindruck, das ist ein 100%iger Nazi. Eine erste Entscheidung, die sich für mich nach der Machtergreifung ergab, war die Anmeldung zur Konfirmation bei Superintendent Martin Albertz. Er hatte gleich seine Ablehnung des nat.-soz. Regimes deutlich gemacht und war Mitglied der Bekennenden Kirche. Er wurde daraufhin mit der Zwangspensionierung zu Ostern 1934 bedacht. So gehörte ich zum letzten Jahrgang, 'der bei ihm eingesegnet wurde. Über die ganze Nazizeit bestand eine enge persönliche Verbundenheit mit ihm und seiner Frau, wenn er auch davon eine Menge Zeit mit seinen Strafen wegen Staatsheimtücke im Gefängnis verbrachte. Ende April 45 wurde er aus der Lehrter Str. entlassen, glücklicherweise nicht wie so viele andere noch exekutiert. Die Freundschaft dauerte weiter bis zum zu frühen Tode meiner Mutter.

"Man müßte Euch in die HJ hineinprügeln!"

Eine Mitgliedschaft, wie sie viele Mitschüler erwarben, in der HJ kam für mich verständlicherweise nicht in Frage. Erst das Verhalten eines Lehrers, der wegen seiner körperlichen Kürze "Pippin" genannt wurde, führte zu einer veränderten Situation. Er war ein hervorragender Lehrer in Deutsch und Geschichte; aber er fühlte sich wohl zu kurz gekommen und dachte, unter den Nazis eine Beförderung zum Schulleiter zu erreichen. Das wurde er zwar nicht, sondern nur Oberstudienrat; aber er teilte jedesmal nach den Ferien bei der Flaggenparade die Schüler in solche ein, die in der HJ waren und die anderen, die natürlich immer weniger wurden. Dabei ließ er sich zu der Äußerung hinreißen: "Man müßte Euch in die HJ hineinprügeln!" Er war sicher durch eine Schädelverletzung im Kriege (Frontalhirn) emotional nicht stabil. Seine politische Aktivität hat er nach dem Krieg auch mit Haft und Tod bezahlt.

Zwei Jahre später hatte ich noch eine unerfreuliche Begegnung mit ihm in der Schul-Ruderriege. Er war der Obmann und, obwohl ich als Steuermann die Vorbereitungen für die Herbstregatta mitgemacht hatte, wurde ich am Tage der Rennen nicht vom Unterricht befreit, um Zeit für die Vorbereitung zu haben. Da ich nicht schmollen wollte, besuchte ich die Regatta in Tegelort, allerdings ohne Sportkleidung. Als nun, wie es ja kommen mußte, wenn man nicht genug Steuerleute bereit hat, einer fehlte, sollte ich doch einspringen. Das lehnte ich ab, und prompt kam ein Boot zu spät zum Start. Am nächsten Montag in der Schulandacht wurden wir, ich, der "aus kleinlicher Rachsucht" die Notlage des Lehrers ausgenutzt habe und andere, die statt ihr Boot nach Spandau zurückzurudern, sich auch beim Ball amüsieren wollten, vor der Schulöffentlichkeit heruntergeputzt, daß es eine Art hatte. Danach ließ ich mich gleich beurlauben, um meine Eltern über den Vorfall zu unterrichten. Meine Eltern waren empört, liessen sich gleich beim Direktor melden, es war damals der "Türkenschmidt", ein hochgeschätzter Pädagoge, der unter Atatürk in der Türkei das Schulwesen im Auftrag des Preußischen Staates neu organisiert hatte und von den Nazis als nicht genehm aus dem Provinzial-Schulkollegium zum Schulleiter degradiert worden war; er wurde kreidebleich, als meine Eltern wünschten, den betreffenden Lehrer zu sprechen und bat dringend, davon abzusehen, da er eine Entgleisung des emotional Labilen befürchtete, die meinen Eltern noch als Provokation des doch so national gesinnten Herrn ausgelegt werden könnte. Darauf erklärte meine Mutter, daß sie mich nicht auf einer Schule ließe, wo mit den Schülern so umgesprungen werden könne. Zwei Tage danach kam der Klassenlehrer als "Sühneprinz" im Auftrag des Schulkollegiums zu meinen Eltern und bat sie, von ihrem Vorhaben Abstand zu nehmen Der Skandal an der Schule sei schon gross genug, und man werde alles dransetzen, mir den weiteren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen und mich vor allen Nachteilen zu bewahren. Auch ein uns politisch nahestehender Naturwissenschaftler, der, 1937 zwangspensioniert, nach dem Kriege als Professor an die TU berufen wurde, besuchte meine Eltern und teilte ihnen mit, daß das ganze Kollegium auf unserer Seite stehe und der gewisse Dr.Müller isoliert sei, was er wohl auch merke. Ich sollte damals zum Kaiserin-Augusta-Gymnasium wechseln, eine Schule mit gutem Ruf in Charlottenburg Meine Eltern wollten nichts übers Knie brechen, da sie wußten, wie wohl ich mich ja am Kant-Gymnasium fühlte. Bei den Herbstzeugnissen, war es beinahe peinlich, wie ich hochgewertet wurde, und als nächstes Bonbon wurde mir in Anerkennung meiner Leistungen das Schulgeld erlassen.

Zur Tarnung eintreten

Nun zurück zur HJ: Dieser Lehrer hatte sich also mit denen einiges geleistet, die nicht in der HJ waren. Vier Elternpaare von Schülern, die in der gleichen Situation waren, meine Eltern und die anderen aus der kirchlich-konservativen Richtung, trafen sich und berieten, was zu machen sei. Sie kamen zu dem Schluß, da ein direkter Widerstand sinnlos sei und sie alle ihre Antihaltung, die sich in konspirativer Hilfe für Verfolgte ausdrückte, seien es Linke oder Juden, kirchlich Verfolgte oder andere, wir sollten zur Tarnung eintreten und ihnen damit den Rücken freihalten für ihre Aktivitäten. (Bodin, Lossau, Todt, Brenske, Buff) Im Beusselkietz lernten wir in einem Milieu, das vor 33 sicher an Stelle der HJ der KJ als Quartier gedient hatte, die Nachrichten-HJ kennen. Wir hatten den Eindruck, daß es möglicherweise sogar dieselben Personen sein könnten. Nach kurzer Zeit stellten wir fest, daß wir bei dieser unmöglichen Truppe nicht bleiben konnten und in Spandau bei der allgemeinen HJ besser aufgehoben seien. Das beruhte darauf, daß die Führer meist aus unserer Schule stammten und uns nichts taten, da sie meist nicht zu den schulisch Starken gehörten, die im Schulalltag immer wieder unsere Hilfe brauchten. So wurstelten wir uns durch und gaben Herrn Dr.Müller keinen Grund mehr, sich über uns aufzuregen. Übrigens scheint diese Methode in anderen Elternhäusern auch benutzt worden zu sein, um nicht aufzufallen.

Im Winter 35/36 erlitt ich beim Spielturnen nachmittags in der Turnhalle, der ehemaligen St.-Johannis-Kirche, beim Ansprung auf ein Tiefreck eine Gehirnerschütterung, als ich die Stange verfehlte und mit dem Kopf gegen die Reckstange schlug; nach kurzer Zeit wachte ich aus meiner Bewußtlosigkeit mit einer retrograden Amnesie auf. Mit absoluter Bettruhe und verdunkeltem Zimmer war ich bis Weihnachten wieder auf den Beinen. Im Frühjahr 1936, während in Garmisch-Partenkirchen die Winterolympiade stattfand, machten wir eine Schulfahrt ins Riesengebirge zum Jugendkammhaus; dort lernte ich erstmals im Gebirge Abfahren, und bei herrlichem Winterwetter verlebten wir dort zwei schöne Wochen. Im Sommer 1936 war ein Sommerlager der HJ angesetzt. Mit Hinweis auf meinen Unfall wollten meine Eltern meine Teilnahme verhindern. Darauf wurde mir ausnahmsweise die Fahrt mit der Eisenbahn gestattet an Stelle des offenen Lastwagens. Dieses Lager war an der Nordspitze Usedoms gelegen bei Carlshagen-Trassenheide nördlich Zinnowitz. Wir zelteten in einem Gebiet, wo Pflöcke für große Gebäude eingeschlagen waren. Was wir nicht wissen konnten, hier sollte das Raketenzentrum Peenemünde entstehen. Die Eltern eines meiner engsten Jugendfreunde, der auch am Lager teilnahm, verlebten ihren Urlaub auch in Zinnowitz, um sich um ihren Sohn kümmern zu können. So wurde auch ich mitbetreut, wenn wir sie abends im Hotel besuchten. Unter den Ausflügen war auch eine Überfahrt nach Rügen, bei der wir unter dem stürmischen Wetter alle zu leiden hatten. Als bemerkenswert ist mir in Erinnerung: ein an Angina erkrankter Hitlerjunge wurde eines Tages abgeholt mit einem eleganten Mercedes-Coupe (3,21) mit Chauffeur; er lud den bleichen Knaben ein und brachte ihn zurück nach Berlin. Es stellte sich heraus, daß er der Sohn von Magda, der Stiefsohn von Josef Goebbels war, Harald Quandt, der spätere Industriemanager. Nach der Rückkehr vom Lager erlebten wir die Olympiade in Berlin, über die bekannt ist, wie sich das demokratische Ausland blenden ließ von der hervorragenden Organisation, sodass sogar die französische Mannschaft beim Einzug dem "Führer" den "Deutschen Gruß" entbot. Später haben es viele nicht mehr wahrhaben wollen, wie sie sich haben mißbrauchen lassen für die NS-Propaganda. Jesse Owens wurde bejubelt, obwohl er als Schwarzer ja einer minderen Rasse angehörte; aber Hitler, der sonst jeden Sieger empfing, ging ihm aus dem Wege, weil er ihm ja sonst viermal hätte die Hand drücken müssen. In Spandau in der Hauptpost konnte ich damals in einer der öffentlichen Fernsehstuben erstmals eine Übertragung aus dem Stadion live erleben. Ich sah den Speerwurferfolg von Gerhard Stöck, den ich später als Sportdezernenten in Hamburg kennenlernte. Der Schock des Jahres kam für mich Ende November, als wir die Mitteilung erhielten, wir müßten schon im Frühjahr 1937 als Unterprimaner das Abitur machen (Hitler brauchte für seine Aufrüstung 2 Schuljahrgänge). Ich hatte durchaus keine Lust, auf ein Schuljahr zu verzichten, da wir ja wussten, daß das letzte Jahr immer das schönste ist, wenn man nicht mehr neuen Stoff zu bewältigen hat.

Vor der Berufswahl

Nun kam auf uns die Frage zu, was ich nach dem so plötzlich verordneten Schulende machen solle. Üblicherweise absolvierten wir nach der Schule den Arbeitsdienst oder auch noch den Wehrdienst, um dann studieren zu können. Bei freiwilliger Meldung konnte man sich auch den Truppenteil aussuchen. Meine Mutter war gegen einen sofortigen Arbeits- oder Wehrdienst. Sie hatte die feste Überzeugung, zwei Jahre später hätten wir Krieg, und dann wäre ich gerade fertig ausgebildet. Ohne das Münchener Abkommen, das Hitler gar nicht in den Kram paßte in seinem Zeitplan, wäre der Krieg schon 38 sehr wahrscheinlich gewesen. Da ich erst 17 Jahre war, hatte ich bis zur Dienstpflicht noch drei Jahre. Was sollte nun geschehen, um die Zeit sinnvoll zu nutzen? Ein Studium der Jurisprudenz, wie ich es einmal gewollt hatte, um in den diplomatischen Dienst eintreten zu können, kam unter Hitler nicht mehr in Frage. Meine Mutter schwärmte für Medizin; aber ich hatte Angst vor allem dem Unangenehmen, was man da mitmachen müsste. So hatte ich Angst, Blut und Operationen, Leichen und Verletzungen ansehen zu müssen. So überlegte ich schon, ob ich Sprachen lernen oder Schreibmaschine und Stenographie als Handfertigkeiten, die man überall gebrauchen konnte und die mit politischer Tätigkeit nichts zu tun haben, mir aneignen sollte. Da kam meine Mutter auf eine Idee, die sich als vernünftig herausstellen sollte: Wir suchten ihren Jugendfreund Hans Zörner, der als Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre an der landwirtschaftlichen Fakultät der Berliner Universität arbeitete. Die Landwirtschaft erschien uns als politisch unbedenkliches Fach. Herr Zörner meinte, die Landwirtschaft in der klassischen Form werde sich ändern, da hier mehr und mehr betriebswirtschaftliche Kenntnisse und eine Art Managertum gefordert seien. Und das sei auch für einen Städter durchaus ein befriedigendes Berufsziel. Mit dieser Erkenntnis wandten sich meine Eltern an den ältesten Bruder meines Vaters auf dem Familienhof um Rat, da vor dem Studium eine zwei- bis dreijährige Lehre vorgeschrieben war. Er ließ seinen Hof als Lehrbetrieb anerkennen, und für den 1.4.37 war mein Dienstantritt vorgesehen.

Mein Abitur fand am 16.3.37 statt mit sehr gutem Ergebnis, und dabei habe ich in Erinnerung, dass der Lehrer, mit dem ich zwei Jahre zuvor die Kontroverse gehabt hatte, sich beinahe vordrängte, um mir als erster zu gratulieren, obwohl ich bei ihm nie Unterricht gehabt hatte und der erste Handschlag dem Direktor und dem Klassenlehrer vorbehalten waren. Das vorzeitige Abitur hatte auch den Vorteil, daß wir von der HJ beurlaubt wurden, und das ermöglichte mir ein Verschwinden aus der Kartei. Als ich aufs Land kam, erklärte ich dort (inzwischen war die Pflichtmitgliedschaft Gesetz geworden), ich sei weiter in Spandau Mitglied, und in Spandau verwies ich auf meinen Umzug aufs Land.

Als ich nämlich später mit dem Studium beginnen wollte, mußte ich mir eine Unbedenklichkeitsbescheinigung bei der HJ abholen. Obwohl keine Unterlagen mehr vorhanden waren, bekam ich die Bescheinigung, die für die Anmeldung bei der Uni genau so wichtig war wie es in der DDR die Bescheinigungen der FDJ sind.

Landwirtschaft statt alter Sprachen

Als meine Lehrer vor dem Abitur hörten, daß ich als Berufsziel statt Jura die Landwirtschaft angab, hielten sie das für unmöglich, da ich doch eher als Lehrer für alte Sprachen geeignet sei. Sie wussten ja nicht, welche politischen Gründe ich dafür hatte. Man musste sich damals, wenn man sich nicht kompromittieren oder gar korrumpieren lassen wollte, mit seiner Lebensplanung genau nach der jeweiligen günstigen Situation richten, wie ich es ja dann später auch machte. Am 1.4.37 trat ich meinen Dienst als Landwirtschaftslehrling an; dabei kam für mich als gewisse Komplikation hinzu, daß nicht mein Onkel, der erfahrene reife Mann, sondern mein Vetter der Lehrherr war, ein damals sehr forscher junger Landwirt, der mit guten Kenntnissen aber wenig pädagogischem Geschick den 12 Jahre jüngeren Stadtjungen zum Landwirt umfunktionieren wollte. Es war für mich nicht schwer, morgens so früh aufzustehen; aber die Materie war mir doch sehr fremd. Und zudem sollte ich bei der Arbeit zur Frühjahrsbestellung voll mitmachen und die anderen Arbeiter noch beaufsichtigen. Diese waren natürlich mit der Landarbeit von Jugend auf verwachsen und kannten alle Tricks, sich die Arbeit zu erleichtern und ihre Kräfte rationell einzusetzen. Wenn ich mich nicht psychologisch geschickt verhalten hätte, hätten sie sich einen Spaß daraus machen können, mich gehörig "auflaufen" zu lassen. Meine Bitte, mir das von meinem Vetter nur kurz wie selbstverständlich Erklärte doch mal genauer darzustellen, schien ihnen zu schmeicheln, daß ein Städter mit Abitur von ihnen etwas lernen wollte. So kamen wir gut miteinander aus. Sie hatten auch Mitleid mit dem armen Stadtjungen, der so schwere Arbeit bisher nicht gekannt hatte.

Mein Vetter heiratete 1937 die Tochter des Gutsförsters am Ort. Seine Eltern waren nicht ganz damit einverstanden; sie hätten es lieber gesehen, er hätte eine Bauerntochter möglichst mit Vermögen gewählt. Sein Schwarm war eigentlich während der Lehrzeit die Tochter des Gutsbesitzers auf Niederhof; aber das ging aus einem Grunde, den ich nicht kenne, nicht, und so wurde er zur Abkühlung erst mal nach Jena zum Studium geschickt, wo er bis zur Vorprüfung blieb. Er war, obwohl ungedient, natürlich beim "Jungstahlhelm" und dann "Stahlhelm", wo er wie die Lehrer an meiner Schule in die SA, hier die Reiter-SA, überführt wurde. Er hatte einen mittleren Rang als Trupp- oder Obertruppführer. Da er natürlich mit der Schreibarbeit nicht so vertraut war, konnte ich mich an der Schreibmaschine nützlich machen, wenn er für den Reitersturm was zu erledigen hatte (Vorbereitung für Reitturniere). Alle vier Wochen bekam ich Urlaub übers Wochenende und konnte mit dem Fahrrad über Linum, Börnicke, Schönwalde nach Hause fahren. Heute läuft dort die Autobahn nach Hamburg. Damals konnte man auf einem Acker, der meinem Onkel gehörte, schon die Holzpflöcke für die Trasse sehen. Heute läuft sie allerdings etwas nördlicher. Zur Situation auf dem Hof ist noch zu sagen, daß mein Onkel der Besitzer war, und mein Vetter als sein Betriebsführer diente. Während mein Vetter sich mehr um den Pferdestall und die Außenarbeit kümmerte, hatte mein Onkel mehr für den Kuhstall übrig und die Rinderzucht. So war die Arbeit unter den beiden hervorragenden Fachleuten gut aufgeteilt. Mit der neu angeheirateten Kusine kam ich gut aus. Bei den Festen (1.Mai, Erntefest) lernte ich die Abneigung gegen den Alkohol überwinden, wenn ich mich auch sehr zurückhielt. Das Rauchen und zwar Pfeife lernte ich sogar schätzen, vor allem im Winter, wenn man sich auf dem Acker daran die Finger wärmen konnte. Ausserdem wurde die Pfeife für mich zu einem Gegenstand, der Behaglichkeit verbreitete, und lange bin ich ein Pfeifen- und Zigarrenraucher gewesen. Man ist dabei auch davor bewahrt, Lunge zu rauchen.

Jeder Uniformierte wurde gebraucht

Als herausragende Erlebnisse in meiner Zeit auf dem Lande kann ich einen Scheunenbrand in der Nachbarschaft melden, den der Bauer selbst angelegt hatte, um mit der Entschädigung seine Schulden zu bezahlen. Er wurde überführt und verurteilt. Als er nach zwei Jahren Haft wieder nach Hause kam, wurde er von der Dorfgemeinschaft ohne Ressentiments wieder aufgenommen. Dann starb die Schwiegermutter meines Vetters an Krebs; ich bedauerte ihren Tod, da sie für meine Situation immer viel Verständnis gezeigt hatte. Es ist noch zu erwähnen, daß durch das Leben auf dem Lande die Probleme, die mich von der Medizin abgeschreckt hatten, als natürlich und zum Leben zugehörig anzusehen waren, so daß ich mich nun auch nicht mehr vor der Medizin fürchtete und sie als Berufswunsch durchaus mit ins Kalkül zog. Aber erst mußte die Lehre abgeschlossen werden. Im März 1939 bei klirrender Kälte machte ich mich mit dem Rad nach Klein-Ziethen auf. Dort wurden wir nett in Empfang genommen, und die Prüfung begann. In der Theorie hatte ich natürlich keine Probleme; nach dem guten Mittagessen kam das Praktische, und hier hatte ich das Glück, dass wegen des hart gefrorenen Bodens das Fach "Pflügen" ausfiel. Ich hätte nicht sehen mögen, wie ich einen Pflug richtig eingestellt und dann eine gerade Furche zustandegebracht hätte. Das andere ging gut, und noch vor Einbruch der Dunkelheit konnte ich mich zu Hause in Dechtow als "landwirtschaftlicher Gehilfe" begrüßen und feiern lassen. Meine Einberufung zum Reichsarbeitsdienst war schon eine Weile da, und ich machte vorher noch ein paar Tage Urlaub bei den Eltern in Spandau. Was den RAD betraf, so hatte ich bei dem Wohnsitz auf dem Hofe eine Einberufung in die Nähe bekommen, da man ja damit rechnete, daß ich zur Erntehilfe angefordert würde, wie es mit den Bauernjungen geschah. So wurde ich nach Paulinenaue einberufen und kam nicht wie die anderen Berliner nach Ostpreussen oder Niederschlesien. Das Barackenlager im Luch war mit Unterführern aus Oberschlesien besetzt, die sich nicht durch einen hohen IQ auszeichneten, aber im Schikanieren durchaus ihren Mann standen, wenn es sich um Abiturienten und Studenten handelte. Im feuchten Frühjahr beim Drainagebau im Luch und den ungenügenden sanitären und schlechten Wohnverhältnissen blieben fieberhafte Infekte und vor allem Anginen nicht aus. Mir ging es einerseits noch schlechter dadurch, daß ich nach vier Wochen eine Lungenentzündung bekam. Da ich jedoch eine toxische Nasenblutung erlitt und im Schwall Blut hustete, war "Polen offen". Man fürchtete einen Blutsturz aus der Lunge und schaffte mich eilends ins Kreiskrankenhaus Nauen. Der Chefarzt hatte selbst seinen Sohn in unserem Lager, und so wurden wir besonders gut behandelt und so lange wie möglich, dort behalten. Mir war so gar eine Entlassung aus dem Arbeitsdienst angekündigt worden. Da aber auf dem Terminkalender der Obersten Führung nach Oesterreich, München und Prag ein weiteres Abenteuer stand, brauchte man jeden einsatzfähigen Uniformierten, und statt mit dem Spaten fingen wir nach meiner Rückkehr ins Lager an, mit dem Gewehr zu exerzieren.

Die Verkündung des Hitler-Stalin-Paktes traf uns wie eine Keule, natürlich vor allem die, die nach der bisherigen Propaganda nie mit einem Komplott der beiden Politgangster gerechnet hatten. und so kam es, daß wir in der Nacht vom 25. auf den 26.August geweckt wurden und beim feldmarschmässigen Appell hörten, dass wir ab sofort Angehörige der deutschen Wehrmacht, kenntlich an einer entsprechenden Armbinde, seien. Ab sofort hatten wir eine Feldpost-Nr. als Adresse und durften über unseren Aufenthalt nichts schreiben. Wir marschierten -zum Bahnhof Paulinenaue und wurden in einen Personenzug verladen. Der Zug fuhr in Richtung Berlin und hielt dann auf dem Spandauer Güterbahnhof in Höhe meiner elterlichen Wohnung, die auf der anderen Seite hinter dem Bahndamm lag. Am Nachmittag setzten wir uns weiter in Richtung Osten in Bewegung. Über Frankfurt/Oder kamen wir nach Reppen in eine Unterkunft. Da wir unseren Standort nicht angeben durften, schickte ich eine Ansichtskarte von dort mit Feldpost-Nr. So wußten meine Eltern Bescheid.

Nach einer Nacht in Reppen wurden wir am nächsten Abend zu Fuss nach Züllichau in Marsch gesetzt und dort wieder in einen Zug verladen. Diesmal ging es bis Ratibor in Oberschlesien. Von dort fuhren wir weiter nach Hoschialkowitz im Hultschiner Ländchen. Dort hielten wir uns drei Tage in einer Schule auf und erfuhren am 1.9. vormittags, "daß seit 4 Uhr 45 zurückgeschossen werde". Am Nachmittag wurden wir weiter nach Mährisch-Ostrau an den Stadtrand gebracht und lagerten an einer Landstraße. Gegen Abend sahen wir uns entgegenkommende Autos mit gefangenen polnischen Offizieren und Soldaten. Gegen 22 Uhr wurden wir auf Lastwagen nach Teschen irn Olsagebiet gebracht und dort gegen Mitternacht in einer modernen Schule untergebracht. Wir waren als ehemalige Arbeitsdienstler für Aufräumungs- und Reparaturarbeiten an den Straßen gedacht; da durch den schnellen Vormarsch nur wenig oder gar nichts zerstört wurde, was hätte ausgebessert werden müssen, hatten wir praktisch nichts zu tun. In Teschen war die Brücke gesprengt, die den polnischen vom tschechischen Stadtteil trennte, aber durch eine Pionierbrücke ersetzt. Hier konnte man die Politik eines Hitler genau erkennen: 1938 war das Gebiet von den Polen beansprucht und ihnen als unseren Freunden von Hitler überlassen worden. Nun wurde es den Polen als unseren Feinden wieder weggenommen und dem unserer Obhut unterstehenden Protektorat Böhmen-Mähren wieder zugeschlagen. Alles innerhalb nur eines Jahres! In unser Schule fand ich in der Bibliothek ein interessantes Dokument, gerade in Hinblick auf die heutigen Diskussionen, in der die DDR die Orts- und Flussnamen der Ostgebiete immer in der Landessprache bringt, unabhängig davon wie die deutschen Bezeichnungen lauteten, um nur nicht etwa als revanchistisch zu erscheinen. Hier in dem polnischen Schulatlas waren die Städte in Deutschland und darüber hinaus alle mit polnischen Bezeichnungen versehen. Das sollte doch nicht etwa bedeuten, dass die Polen damit Gebietsansprüche z.B. auf Kiel, Leipzig oder München geltend machen wollten. Deshalb besteht für uns kein Anlass, anders zu verfahren. Wir brauchen uns mit der polnischen Aussprache nicht die Zunge zu brechen, wie es jetzt manche auch mit den Eigennamen tun.

Ostwärts in Marsch gesetzt

Zurück nach Teschen: wir nutzten unsere 5-Mark-Scheine, die wir als erste Löhnung erhalten hatten und die nun hier gültige Währung darstellten, zu Einkäufen von Schreibmaterial oder Lebensmitteln. Es gab ja hier vieles ohne Marken. Nach einigen Tagen wurden wir weiter ostwärts in Marsch gesetzt, da der Vormarsch recht schnell voranging. Der nächste Stop war Bielitz-Biala. Was uns inzwischen stark betroffen gemacht hatte, war, daß mit Hilfe dienstwilliger deutschstämmiger oder polnischer Zivilisten die Juden in den Orten zusammengetrieben wurden, um Aufräumungsarbeiten zu leisten. Als sich einer weigerte, unter unwürdigen Umständen eine Toilette zu reinigen, wurde er kurzerhand erschossen. Der Soldat aus unserer Einheit merkte sehr bald, dass die Truppe so etwas missbilligte, obwohl es sicher im Einklang mit der offiziellen Propaganda stand. So etwas ist dann auch nie wieder bei uns passiert. 'Eines Tages wurde ich dem Vorkommando zugeteilt, das auf Fahrrädern die nächste Unterkunft zu suchen und vorzubereiten hatte. In der Abenddämmerung fuhren wir zu acht mit einem Unterführer durch die Landschaft mit belgischen Karabinern ohne Munition. Wir hätten die Waffen auch gar nicht benutzen können, wenn es nötig geworden wäre, weil wir mit ihnen nicht umgehen konnten, sondern sie nur zum Exerzieren benutzt hatten. Daß wir nicht Widerstandskämpfern zum Opfer fielen, muß daran gelegen haben, daß sie vor uns damals Respekt hatten oder es noch keinen organisierten Untergrund gab. Wir fielen am Ziel todmüde in die Betten. Soweit erinnerlich, wurden auch keine Wachen aufgestellt. Mittlerweile waren wir Mitte September, und eines Morgens durften wir antreten und mit einem dreifachen "Sieg Heil" auf die lieben Freunde und Waffenbrüder aus der Sowjetunion deren Einmarsch in Ostpolen feiern, womit dem bösen polnischen Staat endgültig der Garaus gemacht wurde. Es war der 17.9.39, und man sollte dieses Datum genau so wenig vergessen wie den 23.8.39 mit dem Vertragsabschluss. Diese Termine sind für das Baltikum einschliesslich Finnland, Polen und das Moldaugebiet bedeutsamer als der immer wieder beschworene 1.9.39. Das war nur ein Zufall, da es am 25.8. noch an der nötigen Begründung für den Überfall gefehlt hatte.

Diese idiotischen RAD-Führer hatten keine Ahnung, was das für die Zukunft Europas und die Grenzziehung einmal zu bedeuten haben werde. Da ich mit einigen Kameraden offen reden konnte, weil ich die politische Einstellung ihrer Eltern (bis 1933 SPD-Mitglieder und danach weiterer Kontakt bei gleicher Gesinnung) kannte, hatte ich schon in Teschen, als wir gehört hatten, dass das Ultimatum Englands am 3.9., 12 Uhr ablief und wir uns dann im Waschraum begegneten, gesagt: " Nun ist sicher, dass wir den Krieg so gut wie verloren haben!" Hitler hatte dabei wohl ähnliche Gedanken gehabt, wie man hinterher hörte, da er nicht daran geglaubt hatte, daß Demokratien ihr Wort halten. Wir haben derartige Fehleinschätzungen durch Diktaturen nach dem Krieg auch erlebt, als die östliche Seite nicht glaubte, dass die Westmächte Berlin bei der Blockade beistehen würden. Dabei war mir klar, dass damals die USA schon Hitler richtig als unzuverlässig bzgl. abgeschlossener Verträge einschätzten, dem man nur durch Androhung von Gewalt imponieren konnte. Siehe später Kennedy in Kuba 1962. In den nun folgenden Jahren des militärischen Erfolges war es für mich eine fürchterliche Situation, daß alle jubelten und nicht verstehen konnten, wenn jemand skeptisch war, wenn er an die späteren Folgen dachte und was sie für uns bedeuten würden. Da haben dann viele der Begeisterten erklärt, das konnten sie ja nicht wissen und das hätten sie auch nicht gewollt (vor allem nach Stalingrad und nach der vollen Entfesselung des Luftkrieges über unseren Städten). Insofern hatte ich erstmals nach dem Kriege Stolz und Freude empfinden können, als wir in den Auseinandersetzungen nach dem Kriege ohne Waffen aber mit dem Recht auf unserer Seite in politischer Solidarität unsere Erfolge für die Freiheit Berlins errangen und damit das Bild von den bösen Deutschen etwas korrigieren konnten. Dass das heute für führende Sozialdemokraten auch der älteren Generation (Brandt: Rechtspositionen =Formelkram, neue Form der Entspannung auch mit Aufgabe von Rechtspositionen, Verhandlung mit der SED Ehmke, Bahr, Eppler) nicht mehr gelten soll, hat zur Folge, dass die nachfolgende Generation, die die Erfahrung nicht hat, sich allzu leicht in Illusionen hineinsteigert. (Perestrojka, Glasnost). Interessant dabei ist sicher zu prüfen, aus welchen Elternhäusern die heute alles besser Wissenden kommen; manchmal hat man den Eindruck, daß da auch ausser Geltungsbedürfnis ein schlechtes Gewissen mitspielt, das auf der Tatsache beruht, daß die Eltern totalitären Ansichten nicht entgegenstanden, sondern bis zum schlimmen Ende mitgemacht haben. Das hat mit Sippenhaft nichts zu tun, aber mit politischer Kultur. Das abstoßendste Beispiel ist die Tochter des Obernazis Speer, die heute als Vizepräsidentin des Berliner Abg.-Hauses eine unangemessene Rolle in der Berliner Öffentlichkeit spielt und uns dann noch belehrt, daß unser Verlangen nach Wiedervereinigung nicht zeitgemäß sei, wo ihr Vater, der von den größenwahnsinnigen Plänen eines Hitler für Berlin seine grossen Vorteile gehabt hat, mit dazu beitrug, dass wir in diese Berliner Situation gekommen sind, die bis heute besteht.

Zurück nach Polen

Zurück nach Polen: wie wanderten ostwärts bis nach Tarnow in der Nähe von Krakau, z.T. bis 30 km pro Tag. Da ich keine Zigaretten rauchte, konnte ich in den Marschpausen oft Kameraden mit einer ganzen oder sogar einer halben Zigarette neue Kraft verleihen, wenn sie ein paar Züge tun konnten. Inzwischen war der Polenfeldzug fast zu Ende, und wir waren hier gar nicht zum Einsatz gekommen. Eines Tages wurden wir verladen und fuhren wieder westwärts. Da kamen wir auch durch eine Stadt, die "Oswiecim" hieß und über deren Bedeutung in den nächsten Jahren wir noch keine Ahnung hatten. Es handelte sich um Auschwitz, ein Name, der eine so furchtbare Bedeutung bekommen sollte. Über Breslau ging es dann nach Cottbus, und wir dachten schon an Heimkehr nach Berlin. Da machte der Zug eine Schwenkung Richtung Mitteldeutschland, und wir landeten in Karlsruhe. Dort begrüßte uns die Bevölkerung auf dem Bahnhof mit Blumen und Obst, und der Transport führte zum Westwall in den Bienwald, gegenüber von Hagenau im Elsaß. Bei sehr nassem und kühlem Wetter halfen wir hier beim Anlegen von Straßen. Meinen 20. Geburtstag feierte ich allein mit einer Flasche Rotwein und machte mir Gedanken um meine Zukunft. Eine knappe Woche später holte mich überraschend ein Vorgesetzter (Oberfeldmeister) von der Arbeitsstelle ab, und da er mit dem Fahrrad kam, mußte ich als Beifahrer auf der Stange Platz nehmen. Mein Entlassungsbefehl zum Medizin-Studium war eingetroffen. Die von Neid nicht freien Glückwünsche der Kameraden begleiteten mich und noch einen Berliner Kameraden, der für das elterliche Geschäft reklamiert worden war. Wir fuhren mit einem Bahntransport zurück und hatten noch eine Übernachtung beim Inf.-Reg.68 in Brandenburg. Am nächsten Abend kamen wir am Anhalter Bhf. an und mussten erstmals durch das verdunkelte Berlin laufen und fahren. Wir landeten beim Reg Gen.Göring in Reinickendorf und erlebten den Unterschied zwischen der alten Infanterie-Kaserne in Brandenburg und dem dagegen luxuriösen Kasernement der Luftwaffe (jetzt Quartier Napoleon). Am nächsten Morgen bekamen wir unsere Papiere, und ich fuhr mit dem Bus nach Hause, wo ich freudig empfangen wurde. Die Uniform wanderte zurück zur RAD-Leitung in der Lankwitzer Leonorenstr., und ich war Zivilist. Jetzt hieß es, von dem Semester, d.h. damals waren es Trimester, noch möglichst viel mitzubekommen. Die Kurse waren schon zu weit vorangeschritten; aber ich konnte noch die Vorlesungen besuchen. Die Mitarbeit in den überfüllten Hörsälen mußte ich erst lernen. Dabei half mir ein Spandauer Schulkamerad, der wohl auf Grund seiner politischen Beziehungen (Vater war Schulrat in Spandau) früher zum Studium zurückgeholt worden war. Es war für mich ein besonderes Gefühl, mich jetzt dem zivilen Studium hingeben und lernen zu dürfen und das alles in einer bis auf die Verdunkelung normalen Stadt. Im neuen Trimester belegte ich die ersten Kurse. Da kam schon zum 1.3.40 der Einberufungsbefehl zu den Luftnachrichten nach Kladow, wohin ich mich freiwillig für die Dienstpflicht einmal gemeldet hatte. Mein Semester und die Kurse gingen mir nicht verloren, da ich ja zur Wehrmacht eingezogen wurde.