Den Blick in die Zukunft gerichtet

Geschichte: Personen A-K

Den Blick in die Zukunft gerichtet

Würdigung zum 90. Todestag von August Bebel am 13. August 2003 - von Gerhard Schröder

Am 13. August 1913 starb August Bebel, im Alter von 73 Jahren in der Schweiz. Er hat die frühe Geschichte der deutschen Sozialdemokratie geprägt wie kein anderer. Aus armen sozialen Verhältnissen stammend, hatte er sich eine Position aufgebaut, die ihn zur Hoffnung der mittellosen Arbeiter, der Schwachen und Unterprivilegierten werden ließ: Er war die Vaterfigur der damaligen Sozialdemokratie, und manche nannten ihn gar den "Arbeiterkaiser".

August Bebel verkörperte in der Zeit der „Anti-Sozialisten-Gesetze" die Opferbereitschaft und zugleich die Siegeszuversicht der frühen Arbeiterbewegung, die er mit der Forderung nach "Freiheit und Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt", begeisterte. Dafür trat er mit der ihm eigenen Eindringlichkeit ein - als umjubelter Redner bei Massenversammlungen, wie auch fast ein halbes Jahrhundert lang als Abgeordneter des Reichstages. August Bebel verstand sich selbst als Angehöriger der Arbeiterschaft , er teilte deren Sorgen und Hoffnungen und setzte sie in politisches Handeln um.

Er kämpfte konsequent für das als richtig Erkannte, war furchtlos im Umgang mit der Obrigkeit, und folgte nur seinen Idealen. Von großem Veränderungswillen getrieben, ergriff er jede Gelegenheit, sich für die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen einzusetzen. Neben diesen herausragenden charakterlichen Eigenschaften, ist es aber vor allem seine politische Weitsicht , die August Bebel auch heute noch ein Vorbild sein lässt:

Im Gegensatz zu den Konservativen und auch vielen Parteigenossen erkannte Bebel klarsichtig und weit vorausschauend die Bedeutung des Zusammenhangs von Klassengesellschaft, Diskriminierung und Unterdrückung der Frauen. Ganz abgesehen von der auch für Frauen geltenden Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit sah er damals schon den emanzipatorischen Wert der Frauenerwerbstätigkeit und strebte daher eine umfassende soziale und politische Befreiung der Frauen an: "Es gibt keine soziale Befreiung der Menschheit ohne die soziale Unabhängigkeit und Gleichstellung der Geschlechter." Bebels Zukunftsentwurf war nicht zufällig als Zukunftsentwurf für Frauen geschrieben. Sein Buch "Die Frau und der Sozialismus" wurde zur Hoffnungsquelle von Millionen. Er wirkte ferner darauf hin, dass die SPD 1891 als erste und lange Zeit einzige Partei das Wahlrecht auch für Frauen forderte und durchsetzte.

Ebenso verkörperte August Bebel den unbedingten Willen der Sozialdemokratie zu Frieden und Völkerverständigung. Den Militarismus des Kaiserreichs geißelte er innerhalb und außerhalb des Reichstages mit scharfen Worten und kündigte bei Haushaltsverhandlungen an: "Diesem System keinen Mann und keinen Groschen!" Jahrzehntelang warnte er vor einem europäischen Bürgerkrieg. Annexionen wie die Elsass-Lothringens 1871 verurteilte er unerbittlich, nationale Selbstbestimmung forderte er z.B. auch für Polen. Die Menschenrechte waren für Bebel unteilbar, sie besaßen für ihn Geltung in allen Teilen der Welt. Bei allem Internationalismus war ihm die Verteidigung des eigenen Vaterlandes gegen Angriffe von außen aber eine Selbstverständlichkeit.

August Bebels leidenschaftlichem Einsatz ist es hauptsächlich zu verdanken, dass die deutsche Sozialdemokratie eine der bedeutendsten Freiheitsbewegungen geworden ist. Er hat dabei immer auf den umfassenden, komplexen Charakter von Freiheit hingewiesen, auf den untrennbaren Zusammenhang von politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Freiheit.

August Bebel hat es stets verstanden, die auseinander strebenden Richtungen, ja Flügel seiner Partei zusammen zu halten - oft genug mit scharf formulierter Rede, letztlich aber immer wieder auch mit Worten und Gesten der Versöhnung. Er verließ sich dabei nicht dauerhaft auf alte Erfolgsrezepte, sondern versuchte auf neue Probleme in einer sich auch damals verändernden Welt neue Antworten zu finden.

(aus: Berliner Stimme 14/2003 vom 15. August 2003)