Gedenkrede von Michael Müller

Geschichte: Personen A-K

Gedenkrede von Michael Müller

Die Stadt Berlin hat am 17. September 2015 Abschied von dem am 19. August im Alter von 93 Jahren verstorben Sozialdemokraten und Berliner Ehrenbürger Egon Bahr genommen. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller würdigte Bahr als einen "der großen Sozialdemokraten". "Er war eine feste Größe und ein fester Ansprechpartner innerhalb der sozialdemokratischen Familie", so Müller.

Die Rede von Michael Müller im Wortlaut:

„Liebe Familienangehörige, sehr geehrte Damen und Herren,

Friedrich Schorlemmer hat zum Abschied von Egon Bahr einen wunderbaren Satz gesagt:

Dass ein 93-Jähriger mitten aus dem Leben gerissen wurde, ist wirklich etwas Besonderes. Bis in die letzten Tage seines Lebens war Egon da. Hellwach. Politisch am Puls der Zeit. Seinem Lebensthema ‚Frieden und Aussöhnung in Europa‘ treu, mit einem durch und durch sozialdemokratischen Kompass.

So wie ich ihn seit meiner Zeit als junger Abgeordneter kenne: als kluger und humorvoller Ratgeber.

Als ich Partei- und Fraktionsvorsitzender wurde, rief er, der gerade von Bonn nach Berlin umgezogen war, an: Er wolle sich bei mir vorstellen und mich kennenlernen. Das war für mich eine sehr besondere Erfahrung. Und so habe ich ihn bis zuletzt erlebt: Bescheiden, unkompliziert und zuvorkommend, immer mit einem offenen Ohr und voller Tatendrang.

Wir hatten uns gerade noch für eine Dialog-Veranstaltung im November verabredet, bei der er unser Gast im Rathaus sein sollte. Ja: ‚Mitten aus dem Leben gerissen‘: So empfinden viele von uns diesen Verlust. Und es ist eine große Lücke, die Egons Tod in unserer Mitte reißt.

Egon Bahr war Berlins Ehrenbürger. Berlin, seine Heimatstadt, hat ihn am Tag seines 80. Geburtstags, am 18. März 2002, für seine Verdienste um die Stadt geehrt. Wer Egon kennt, ahnt, wie wichtig ihm diese Anerkennung war, nach all den Schmähungen und Anfeindungen, die er über sich hat ergehen lassen müssen.

Und dass Berlin um seine Verdienste um die Einheit weiß:

Das hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass er, wie es Gerd Appenzeller in seinem Nachruf im Tagesspiegel schrieb, diese Stadt bis zu seinen letzten Stunden genossen hat.
In vielen Berliner Familien, auch in meiner eigenen, ist die Erinnerung an das, was Egon Bahr und Klaus Schütz an der Seite von Willy Brandt nach dem Bau der Mauer am 13. August 1961 für die Berlinerinnen und Berliner erreicht haben, noch sehr lebendig.

Plötzlich auseinandergerissen zu werden. Verwandte und Freunde im anderen Teil der Stadt nicht mehr besuchen zu können. Und dann, über zwei Jahre später, an Weihnachten 1963 die Nachricht zu bekommen, dass es nun doch geht: mit einem Passierschein. Und dass es in den Folgejahren noch viele weitere menschliche Erleichterungen gab.

Ja, an den Schmerz der Trennung und an die Freude über die ersten Begegnungen erinnern sich die Berlinerinnen und Berliner noch sehr lebhaft. Und sie wissen: Sie haben die schrittweisen Verbesserungen Willy Brandts neuer Ost- und Entspannungspolitik zu verdanken. Und ihrem Architekten: Egon Bahr.

Wer, wie viele unter uns, das Glück hatte, Egon Bahr persönlich zu begegnen, erlebte einen Mann, der tief geprägt war von den Irrwegen des 20. Jahrhunderts, auch seinen eigenen. Und der daraus seine Lehren zog und – gerade auch gegenüber uns Jüngeren – dafür warb. Oder besser: Uns mit klugen Argumenten überzeugte – davon, dass es sich lohnt, auch um kleine Fortschritte zu ringen, wenn es den Menschen in ihrem Alltag hilft.
Davon, dass Frieden ein hohes Gut ist, wenn nicht sogar das höchste. Und davon, dass es wichtig ist, sich für ein friedliches und gerechtes Zusammenleben zu engagieren – weltweit, in Europa, aber auch in unserer Gesellschaft. Egon lebte dieses Engagement vor.

Dass einer wie Egon Bahr hochpolitisch wurde, konnte nicht ausbleiben.
Der Vater: ein Nazi-Gegner, der für seine jüdisch-stämmige Ehefrau den Lehrerberuf aufgeben musste. Aber Hitlers frühe Erfolge erfüllten den heranwachsenden Egon – wie so viele in seiner Generation – mit Stolz und machten ihn zum Kriegsfreiwilligen.

Zugleich hielt das Leben in der Diktatur eine Lektion bereit: ‚Weil meine Großmutter Jüdin war, würde es das Ende meiner Familie und mein eigenes sein, falls wir den Krieg gewinnen.‘ So hat er es rückblickend beschrieben. Die jüdische Herkunft ließ seine Militärlaufbahn schnell enden.

Nach dem Krieg war die politische Laufbahn keineswegs vorgezeichnet. Zunächst wurde Egon Bahr politischer Journalist. Er schrieb für die Berliner Zeitung, die Allgemeine Zeitung, den Tagesspiegel. Und in den 50er Jahren hieß es dann einmal die Woche im Rias: ‚Und jetzt spricht Egon Bahr aus Bonn.‘ Einfache und klare Kommentare zum Geschehen im Osten, mit denen er den Menschen im geteilten Berlin aus der Seele sprach: Das war sein Markenzeichen.
Als Journalist war man eben nicht einfach Vertreter der schreibenden Zunft oder des Rundfunks, sondern auch halber Politiker. Erst recht Egon Bahr.

Den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 erlebte er als journalistischer Zeitzeuge. Den Schock des Mauerbaus bereits als Senatspressechef. Er war nicht nur Sprecher des Senats, sondern auch der erste Chef des Presse- und Informationsamtes, das es seit der Zeit Egon Bahrs gibt.

Am 13. August 1961 befand sich Egon Bahr an der Seite Willy Brandts auf Wahlkampftour in Westdeutschland. Nachts gegen drei Uhr wurde Egon Bahr in seinem Hotel in Nürnberg durch einen Telefonanruf aus Berlin geweckt. Der damalige Chef der Senatskanzlei, Dietrich Spangenberg, bat ihn, sofort nach Berlin zu kommen – ‚die sperren den Ostsektor ab‘, sagte er.

Der Mauerbau war ein Schock für die Berlinerinnen und Berliner. Und für Egon Bahr und Willy Brandt der Anstoß für eine grundlegend neue Politik.
In der westdeutschen Öffentlichkeit hätte man gerne eine harte Reaktion Amerikas gesehen. Die blieb zur allgemeinen Enttäuschung aus. Der Westen schien wie gelähmt.

Aber Egon Bahr und Willy Brandt deuteten die Zeichen aus Washington richtig. Moskau, so folgerte Präsident Kennedy, habe seinen Anspruch auf ganz Berlin aufgegeben. Und nur ein Krieg, den die Amerikaner nicht führen wollten, hätte die Mauer beseitigen können.

Der dialektisch geschulte Realpolitiker Egon Bahr zog daraus den epochalen Schluss: ‚den Status quo anerkennen, um ihn zu verändern.‘

Aber er ließ keinen Zweifel: Es war eine bittere Realität, die anerkannt werden musste.
Das war die Geburtsstunde der neuen Ostpolitik und der Formel ‚Wandel durch Annäherung.‘ Einer Politik, die ausdrücklich in grundsätzlicher Übereinstimmung mit einem Politikwechsel Washingtons einherging, die nicht länger auf Konfrontation, sondern auf Verhandlungen und friedliche Koexistenz setzte.

Das Verhältnis zwischen Brandt und Kennedy war bekanntlich sehr kompliziert. Aber Kennedys Berlin-Besuch am 26. Juni 1963 empfanden Egon Bahr und Willy Brandt als Ermutigung für eine neue Politik gegenüber dem Osten. Beide wussten: Wer Amerika an seiner Seite hatte, war innenpolitisch weniger angreifbar. Drei Wochen später, am 15. Juli 1963, hielt Egon Bahr seine berühmte Rede vor der Evangelischen Akademie in Tutzing.

Es war eine dramatische Zeit. Egon Bahr hat sie in seinen Erinnerungen eindrucksvoll beschrieben – und viele von uns erinnern sich an die Anekdoten, die er immer auf Lager hatte.
Man spürte in seinen Erzählungen, wie viel Mut es brauchte, neue Wege in der Ostpolitik zu beschreiten. Nicht nur, um den Sturm des politischen Gegners zu überstehen. Die Schmähungen als ‚Vaterlandsverräter‘: Wie tief mögen sie den überzeugten Patrioten getroffen haben, der immer an der deutschen Einheit festhielt?

Egon Bahr verstand es, mit den Vertretern der Diktaturen, für die menschliche Erleichterungen nur Verhandlungsmasse waren, taktisch kühl, aber verbindlich im Ton zu verhandeln, um etwas für die Menschen zu erreichen. In dieser Kunst war Egon Bahr Meister.

Und so geschieht es leicht, dass eine andere Seite dieses großen Mannes übersehen wird: Seine Zugewandtheit, seine große Freundlichkeit Menschen gegenüber – Eigenschaften, die uns alle so sehr für ihn eingenommen haben. Und weswegen wir ihn so schmerzlich vermissen.

Ohne die Bonner Ostpolitik wären der Fall der Berliner Mauer und damit die deutsche Wiedervereinigung vor 25 Jahren nicht möglich gewesen. Das ist inzwischen unstrittig.

Und doch gibt es auch eine tragische Seite: Im Bestreben, den Machthabern im Osten Verbesserungen für die Menschen abzuhandeln, verlor die Ostpolitik zuweilen genau diese Menschen ein wenig aus den Augen.

Das Aufkommen der Gewerkschaft Solidarnosc in Polen, die Oppositionsbewegung in der DDR: Sie blieben blinde Flecken. Egon Bahr hat das selbstkritisch angemerkt.
Er zeigte damit die Größe, die seiner Lebensleistung entspricht.

Ist ‚Wandel durch Annäherung‘ ein Projekt der Vergangenheit? Wer Egon Bahr in den letzten Jahren erlebt hat – wach, auf der Höhe der Zeit, streitbar –, der konnte sich vom Gegenteil überzeugen.

Gerne zitierte er Willy Brandts Wort ‚Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts‘. Dieser Maxime fühlte er sich verpflichtet, gerade auch bezogen auf die internationalen Konfliktherde unserer Zeit. Und das bedeutete für ihn: Mit jenen im Gespräch bleiben und verhandeln, die auf Krieg und Konfrontation setzten.
Das hat ihm viel Kritik eingebracht. Aber haben die Kritiker eigentlich genau hingehört?
Nicht nur auf das, was dieser große Mann sagte, sondern auch auf das, was sein Leben erzählte?

Egon Bahrs Verdienste zu würdigen heißt auch, an seine Partner und Stützen zu denken, die ihm halfen, die dicken Bretter der Diplomatie zu bohren. Stellvertretend für viele andere nenne ich Henry Kissinger: der Freund und enge Vertraute, der auf amerikanischer Seite maßgeblich die Weichen stellte, ein neues Zeitalter der friedlichen Koexistenz zu begründen.
Hier in Berlin, im November 1964, lernten Sie sich kennen. Egon Bahr erinnerte sich an ‚einen kleinen Professor aus Harvard, der gerade aus Vietnam kam … und berichtete, dass Amerika sich um fast jeden Preis aus Vietnam lösen müsse‘.

Ich freue mich, lieber Henry Kissinger, dass Sie gleich zu uns sprechen werden.

Sigmar Gabriel, Du hast es selbst auch öffentlich gesagt: Egon Bahr war Dir ein wichtiger Freund und Ratgeber.
So ging es manch jüngeren Sozialdemokraten, wie auch mir, die plötzlich in der politischen Verantwortung standen und auf die Loyalität und Klugheit Egon Bahrs vertrauen konnten.

Egon Bahr war nicht nur einer der großen Sozialdemokraten, den wir heute würdigen. Er war eine feste Größe und ein fester Ansprechpartner innerhalb der sozialdemokratischen Familie, auch innerhalb des Willy-Brandt-Hauses, wo er in der 4. Etage sein Büro und seine treuen Mitarbeiter hatte, wo er Journalisten und Kamerateams empfangen hat, wo er seine Bücher schrieb. Und, natürlich gehörten noch zwei Dinge dazu: Kaffee und Zigaretten…

Berliner Ehrenbürger, ‚Architekt der Ostpolitik‘, Patriot, großer Sozialdemokrat: Es gibt viele Möglichkeiten, den Politiker Egon Bahr und seine vielfältigen Verdienste zu beschreiben.

Vor allem aber der Mensch Egon Bahr mit all seiner Zugewandtheit, seiner Menschlichkeit und freundschaftlichen Verbindlichkeit wird uns, wird auch mir persönlich sehr fehlen. Seine Ideen aber wirken weiter.

Liebe Familie, Freunde und Weggefährten von Egon Bahr, schließen möchte ich mit einem Wort zu einer für Egon Bahr sehr wichtigen Facette seines Lebens – seiner Liebe zur Musik. Vielen von Ihnen wird es wie mir gegangen sein. Man traf ihn regelmäßig in der Oper. Er genoss die Kultur in unserer Stadt in vollen Zügen.

Als Egon Bahr 2013 den Heinrich-Albertz-Friedenspreis verliehen bekam, durfte er sich für die Preisverleihung Musik wünschen. Selbst leidenschaftlicher Klavierspieler, wünschte er sich unter anderem von Edward Grieg die Suite ‚Aus Holbergs Zeit‘.
An jenem 13. Dezember 2013 spielte für ihn die ukrainische Pianistin Yulyia Drogalova. Ich freue mich, dass sie auch heute zu Ehren von Egon Bahr Grieg und Schostakowitsch spielen wird.
Und während wir die Musik hören, gehen unsere Gedanken noch einmal zurück zu all den Begegnungen mit diesem wunderbaren Menschen.
Wir erinnern uns an den Rat, den er uns gegeben hat: in knappen Worten, klar und klug.
Und an diese besondere Aura, die er ausstrahlte, mit seiner Mischung aus außenpolitischer Kompetenz und locker-verschmitzem Humor.

Danke, Egon!”