Arons. Leo

Geschichte: Personen A-K

Leo Arons

Gedenktafel für Leo Arons
 

geboren 15.2.1860

gestorben 10.10.1919


Arons entstammte dem wohlhabenden Bildungsbürgertum, wurde SPD-Mitglied und dafür vom preußischen Staat 1900 mit seiner Entfernung von der Universität (Lex Arons) bestraft.
1933 wurde sein Grab im Gewerkschaftshaus von den Nazis zerstört

Auf Initiative des Physikers, Sozialdemokraten und Gewerkschafters Leo Arons wurde 1900 das erste Gewerkschaftshaus in Berlin am Engeldamm erbaut, nicht zuletzt dank einer kräftigen Finanzspritze des vermögenden Arons. In dem Haus waren neben einer Arbeiterbildungseinrichtung ein Krankenhaus, Übernachtungsmöglichkeiten sowie eine Gaststätte untergebracht. Der Bezirk Mitte enthüllte am 6.9.2002 an diesem Ort eine Gedenktafel, die mit Unterstützung des DGB-Bundesvorstands geschaffen wurde.


Text der Gedenktafel: "Dieses Haus wurde von 1899 bis 1900 als eines / der ersten Gewerkschaftshäuser Deutschlands / gebaut - mit großzügiger Unterstützung von / (Foto) / Leo Martin Arons / 15.2.1860 bis 10.10.1919 Er war Physiker, Sozial-/demokrat und Förderer der freien Gewerkschaften, / lehrte als Privatdozent an der Berliner Universität / und erfand die Quecksilberdampflampe. Wegen / seiner Zugehörigkeit zur Sozialdemokratischen / Partei entzog ihm der preußische Staat 1900 die / Lehrerlaubnis. In einem Hof dieses Hauses erhielt er / seine Grabstätte. Mit der Besetzung des Hauses am / 2. Mai 1933 durch die Nationalsozialisten begann die / Zerschlagung der freien Gewerkschaftsbewegung. / Das Grab wurde zerstört." Foto: Hübner/Hanns-A. Schwarz


Enthüllung der Gedenktafel für Leo Arons, am 6. September 2002

Rede von Dieter Scholz, Vorsitzender des DGB, Bezirk Berlin-Brandenburg

Sehr geehrter Herr Bürgermeister, liebe Gäste,

welchen Sinn machen heute noch Gedenktafeln? Sollen sie das schlechte Gewissen der Nachgeborenen beruhigen? Sollen sie das Geschichtsbewusstsein stärken in dieser schnellebigen Zeit? Sollen sie erinnern an die Töchter und Söhne der Stadt, die sich um Berlin verdient gemacht haben und Vorbildliches geschaffen haben? Ich denke, von allem ein Bisschen. „Das Gedächtnis der Stadt“ heißt ein beeindruckender Band über Gedenktafeln in Berlin.

Ein stimmiger Begriff. Wir brauchen Erinnerungen, Gedenken und Denk-Male, die uns aufrütteln und uns vor Augen führen, welche Persönlichkeiten diese Stadt geprägt haben mit ihrem Engagement und ihrem Willen, etwas für die Gesellschaft zu tun. Einer von ihnen hieß Leo Arons. Seiner wollen wir uns erinnern, weil er einen Beitrag leistete, um das Miteinander sozialer zu gestalten.

Ein Vorbild, das leider in Vergessenheit geriet. Die historische Würdigung hat der Kollege Schwarz wie immer in prägnanter Art vorgenommen.

Deshalb nur wenige Anmerkungen zu diesem deutschen Juden, Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Was mich am meisten beeindruckt hat: Er ließ sich nicht unterkriegen. Auch nicht von den schlimmen Nachwirkungen des Bismarckschen

Sozialistengesetzes, mit dem die SPD mundtot gemacht werden sollte. Berufsverbot war eine der Folgen. Gewerkschaftliches Engagement rückte im Wilhelminschen Obrigkeitsstaat in die Nähe der Majestätsbeleidigung. Berufsverbot, ein Begriff, der nicht nur 68ern noch in Erinnerung ist.

Was mir darüber hinaus Respekt abnötigt: Leo Arons war vermögend und trotzdem verstand er Reichtum als soziale Verpflichtung.

Keine Selbstverständlichkeit, auch damals nicht. Deshalb ja auch sein Engagement für das Gewerkschaftshaus. Da können sich die Top-Manager heute, deren Gehälter trotz schlechter Wirtschaftslage üppig steigen, eine Scheibe abschneiden. Sofern sie einen Funken Scham empfinden sollten, was im Casino-Kapitalismus wohl nicht allzu häufig vorkommt.

So viele, auch heute noch aktuelle Gewerkschaftsthemen ranken sich um Arons Idee: Ein Gewerkschaftshaus ins Leben zu rufen, in dem vom Krankenhaus über die Arbeiterbildungsschule bis zur Kneipe alles unter einem Dach ist. Den Genossenschaftsgedanken mit Leben zu erfüllen. Und schließlich auf die Tariftreue beim Bauen zu achten.

Der Vorbildcharakter Arons, sein selbstloses Eintreten für soziale Gerechtigkeit sollten uns Ansporn sein. In einer Zeit, in der die Shell-Studie über die Jugend von heute berichtet, sie setze am liebsten auf ihre Ellenbogen. Und Solidarität sei ihr angeblich ein Fremdwort.

In einer Zeit, in der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern unterstellt wird, sie seien alle potentielle Schmarotzer, während gleichzeitig sich Millionäre vor dem Fiskus arm rechnen und geschätzte 1000 Milliarden € in Steueroasen bunkern.

In einer Zeit, in der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer brav ihre Steuern zahlen, während aus den Unternehmensverbänden pausenlos der Ruf nach Steuererleichterungen für die Wirtschaft schallt. Dabei befindet sich ihre Steuerbelastung auf historischem Tief. In einer Zeit, in der allein in Berlin 260 soziale Einrichtungen von der Berliner Tafel mit kostenlosem Essen versorgt wird, darunter 10 Grundschulen. Armut hat in der Metropole ein Gesicht. Und es hängt von uns ab, inwieweit sie auch unsere Zukunft mitbestimmt. Privater Reichtum und öffentliche Armut prägen das Bild der Stadt wie schon lange nicht mehr. Und deshalb erscheint es mir gerade heute so wichtig, an den Menschenfreund Leo Arons zu erinnern und seine Tugenden zu würdigen.

Sein Vorbild wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken, sein Beispiel soll Berlin Mut machen. Die Stadt soll merken, es gab in noch härteren Zeiten Zeitgenossen, die sich für andere einsetzten. Die nicht gleichgültig waren gegenüber Not und Elend.

Und die sich für ihre Heimatstadt engagierten, obwohl diese sie aus dem Amt trieb und politisch verfolgte. Dazu gehörte eine Menge Zivilcourage. Wir wollen Leo Arons dafür mit einer Gedenktafel ehren, die uns aufrütteln und zur Nachahmung anregen soll !


Gedenktafelenthüllung: Rede von Hanns-A. Schwarz

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Zeller, sehr geehrter Herr Hobrack, sehr geehrter Herr Spiller, lieber Kollege Dieter Scholz, sehr geehrte Familie Arons, sehr geehrte Damen und Herren

Kurz vor Ostern des Jahres 1900 fand in dem Haus, vor dem wir uns heute versammelt haben, eine Großveranstaltung mit über 1500 Gästen statt.
Es war die Eröffnung des Berliner Gewerkschaftshauses, eines der ersten in Deutschland, und Leo Arons war der erste Redner.
Er übergab das Haus den Berliner freien Gewerkschaften als "Stätte, von der neue Kämpfe und Siege ausgehen werden", wie es in einem zeitgenössischen Bericht hieß.
Weitere Redner auf der Veranstaltung waren der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete des 3. Wahlkreises, in dem das Gewerkschaftshaus lag, und schließlich ein Vertreter der Berliner Gewerkschaftskommission, einer Vorgängerin des heutigen Landesbezirks Berlin-Brandenburg des Deutschen Gewerkschaftsbundes.
Wir hatten damals also eine ähnliche Konstellation wie heute.

Leo Arons hatte entscheidend zur Realisierung des Gewerkschaftshaus-Projekts beigetragen. Carl Legien, der Vorsitzende der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, schrieb, nur Arons sei es zu verdanken, "daß es der Berliner Arbeiterschaft ermöglicht wurde, eine Heimstatt zu erhalten."

Mit eigenen Mitteln und seinen privaten und politischen Kontakten zum sozialliberalen Bürgertum hatte Arons ein kleines Wunder bewirkt, das darin bestand, daß die Berliner freien Gewerkschaften mit einem Eigenkapital von nur 14.000 Mark ein Vorhaben in der Größenordnung von 1,5 Millionen auf die Beine stellen konnten.

Es wäre jedoch nicht richtig, Arons auf die Rolle eines Mäzens zu beschränken.

Vor allem zusammen mit Johann Sassenbach, einem der drei Geschäftsführer des Hauses, kümmerte er sich um die Umsetzung des Projekts.
Viele Jahre lang fungierte er nicht nur als Aufsichtsratsvorsitzender der Gewerkschaftshausgesellschaft, sondern beteiligte sich auch an der praktischen Kulturarbeit des Hauses, an Kunstausstellungen für Arbeiter und an den jährlichen Ausstellungen über Kinder- und Jugendliteratur. Besonders am Herzen lag ihm die Herberge für Wandergesellen im hinteren Flügel des Hauses.

Ende Januar 1900, wenige Wochen vor der eingangs erwähnten Veranstaltung, hatte das preußische Staatsministerium dem Privatdozenten Leo Arons die Lehrerlaubnis an der Berliner Universität entzogen, ein Vorgang, den Karl Kautsky, einer der führenden Sozialdemokraten der damaligen Zeit, stellvertretend für Viele als "Denkmal der Kulturschande" bezeichnete.

Der 1860 als Sohn einer angesehenen jüdischen Bankiersfamilie geborene Leo Arons hatte Chemie und Physik studiert und nach dem Ende des Studiums die wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen.

Er beschäftigte sich mit Experimentalphysik, insbesondere mit Fragen der elektrischen Leitfähigkeit und der elektromagnetischen Wellen.
1892 konstruierte er die sogenannte Quecksilberdampflampe, die nach Albert Einstein eine "erhebliche praktische und wissenschaftliche Bedeutung" erlangte. Allerdings ermöglichte erst die Weiterentwicklung durch eine amerikanische Firma eine breitere Anwendung.
Die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft - besser bekannt unter dem Kürzel AEG - brachte dann 1907 mit der "Dr. Arons-Quecksilberdampflampe" einen Beleuchtungskörper in den Handel, der auch im gewerblichen Bereich eingesetzt werden konnte.
In seiner letzten größeren naturwissenschaftlichen Arbeit entwickelte Arons ein Instrument zur objektiven Farbbestimmung, den sogenannten Farbenweiser.

Bereits während seines Studiums hatte sich Arons sozial und sozialpolitisch engagiert. Über die Bodenreformbewegung fand er den Weg zur Sozialdemokratie. Diese Partei war damals noch nicht in der Gesellschaft angekommen und galt als "nicht politikfähig", wie man heute sagt. Ihre Mitglieder waren vielerlei staatlichen Schikanen und Repressionen ausgesetzt.

Anfang der neunziger Jahre trat er der Sozialdemokratischen Partei bei, allerdings erst nach "reiflichem Nachdenken und schweren inneren Kämpfen", wie er bekannte. Schwierigkeiten bereitete ihm vor allem der von der Partei propagierte Klassenkampf.
Seine Erfahrungen mit dem freisinnigen Bürgertum, dem nach seinem Urteil "jedes tiefere soziale Interesse" abging, führten ihn schließlich doch in die Reihen der Sozialdemokratie.
Das Erfurter Programm von 1891 erleichterte ihm den Entschluß, da es sich, wie Arons mehrfach betonte, zum gesetzlichen Weg der gesellschaftlichen Veränderung bekannte.
Den politischen Weg zur Sozialdemokratie waren vor Arons bereits andere Angehörige des Bürgertums - vor allem solche jüdischer Herkunft - gegangen, viele folgten nach. Ich möchte hier nur Ferdinand Lassalle, Paul Singer, Heinrich Braun und Hugo Heimann nennen.

In der Partei schrieb Arons gelegentlich Beiträge für die Parteipresse und trat in mäßigem Umfang als Redner und als Agitator auf.
Im Mittelpunkt seiner politischen und publizistischen Aktivitäten stand die preußische Politik.
Arons trat vor allem für eine Beteiligung an den preußischen Landtagswahlen ein, ein Standpunkt, für den es in der Partei erst eine Mehrheit zu gewinnen galt, und er entwickelte sich mehr und mehr zum Experten für das preußische Dreiklassenwahlrecht.
Zur Wahl 1903 beauftragte ihn der Parteivorstand mit der Ausarbeitung der Wahltaktik, was ihm von Seiten der Vossischen Zeitung den Titel "Generalstabschef der Partei für den Wahlkampf" einbrachte.

Seine sozialdemokratischen Aktivitäten führten Arons fast zwangsläufig in Konflikt mit dem preußischen Staat.
1893 begann der "Fall Arons" - durch ihn ist Leo Arons vor allem in die Geschichte eingegangen. Dieser Fall zog sich mit all seinen Facetten über acht Jahre hin und löste in der Öffentlichkeit heftige Diskussionen und Proteste aus.

Worum ging es dabei?

Das preußische Staatsministerium drängte die Philosophische Fakultät der Berliner Universität, Arons wegen seiner Zugehörigkeit zur sozialdemokratischen Partei die Lehrerlaubnis zu entziehen.

Die Philosophische Fakultät, zu der führende Köpfe des deutschen Geisteslebens wie Wilhelm Dilthey, Gustav Schmoller, Heinrich von Treitschke, Theodor Mommsen, Hans Delbrück und Max Planck gehörten, weigerte sich mehrmals, dem staatlichen Verlangen nachzukommen, - nicht zuletzt, um ihre Autonomie gegenüber staatlichen Eingriffen zu verteidigen.
Schließlich sicherte sich das preußische Staatsministerium in Sachen Disziplinargewalt das letzte Wort auch bei den Privatdozenten, indem es 1898 vom preußische Landtag ein entsprechendes Gesetz verabschieden ließ, die sogenannte Lex Arons. Das Ergebnis habe ich vorhin genannt.

Arons war als vermögender Mann zwar finanziell unabhängig, dennoch bedeutete die Entfernung von der Berliner Universität einen tiefen Einschnitt in sein Leben.
Hoffnungen auf die Fortsetzung seiner Laufbahn als Naturwissenschaftler und Hochschullehrer im Ausland zerschlugen sich.
Auf Drängen seiner Parteifreunde ging er nun in die "offizielle" Politik.

Von 1904 bis 1914 gehörte er der Berliner Stadtverordnetenversammlung an.
Er war der erste Kandidat für einen sozialdemokratischen Stadtratsposten, doch freisinniges Bürgertum und der preußische Staat waren damals nicht bereit, die Sozialdemokratie auch nur ansatzweise an der Macht zu beteiligen.

Leo Arons vertrat einen praktisch-pragmatischen Sozialismus und stand dem revisionistischen Flügel der Partei nahe.
"Umwälzend wirkt nur das Positive" lautete seine Devise. Die besten Beispiele für eine solche positive Arbeit sah er in den Gewerkschaftshäusern und den Konsumgenossenschaften. Seit Mitte der neunziger Jahre versuchte er, bürgerlich-sozialliberale und sozialdemokratische Reformer in regelmäßiger, lockerer Runde zusammenzuführen, dem sogenannten Schmalzstullenklub.

Ab 1908 mußte sich Leo Arons wegen der Verschlechterung seines Gesundheitszustandes - er litt an einer Herzkrankheit - teilweise, ab 1914 ganz aus dem aktiven politischen Leben zurückziehen.
Nach der Novemberrevolution 1918 rehabilitierte ihn die preußische, jetzt sozialdemokratische Staatsregierung und die Berliner Universität führte Arons wieder als Privatdozenten.

Leo Arons starb am 10. Oktober 1919. Anderthalb Jahre vor seinem Tod hatte er gegenüber dem Leiter des Berliner Arbeitersekretariats die Bitte geäußert, "meiner Aschenurne ein Plätzchen in dem mir so lieben Gewerkschaftshaus" zu gewähren. Die Gewerkschafter entsprachen seinem Wunsch und setzten die Urne mit polizeilicher Ausnahmegenehmigung in einem kleinen Hofgarten bei. Die Berliner Gewerkschaftskommission ließ die Begräbnisstätte einfrieden und mit einer Gedenktafel versehen.

Wie Ihnen sicher bekannt ist, besetzten die Nationalsozialisten in einer reichsweiten Aktion am 2. Mai 1933 die Häuser der freien Gewerkschaften. Diese sogenannte Gleichschaltungsaktion leitete die Zerschlagung und Auflösung nicht nur der freien, sondern auch der christlichen und liberalen Gewerkschaften ein. Arons Grabstätte wurde zerstört. Über den Verbleib der Urne ist nichts bekannt und konnte auch nichts in Erfahrung gebracht werden.

Eine Gedenktafel für Leo Arons an diesem ehemaligen Berliner Gewerkschaftshaus ist angebracht - und sie war, gerade an dieser Stelle, überfällig. Vielen Dank!