1960: Schikanen in Friedrichshain

1960: Schikanen in Friedrichshain

Berliner Stimme vom August 1960
 

Der alliierte Status der Stadt sicherte Berlins Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten nach der Zwangsvereinigung 1946 das Recht, auch in den östlichen Bezirken eigene Kreisorganisationen aufrecht zu erhalten. Mit einer Gedenktafel am Haus Krossener Straße 22 wird seit Oktober 2013 an das dort bis 1961 befindliche SPD-Kreisbüro erinnert. zur Einweihung der Gedenktafel rief der SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß diese Zeit in Erinnerung:

"Acht Berliner Ost-SPD-Bezirke gab es bis August 1961. Über 5000 Genossinnen und Genossen waren es bis zu diesem Zeitpunkt, die trotz Repressalien und Einschüchterungsversuchen ihr Parteibuch nicht beim nächstbesten SED-Kader abgaben, sondern mit Mut und einigem Stolz bis zuletzt Sozialdemokraten blieben. Willy Brandt nannte Ost-Berlin eine „demokratische Insel im Sowjetmeer“. Rund 600 von Ihnen beriefen sich nach 1989/90 auf diese frühere Mitgliedschaft.
Mit einigem Misstrauen wurde seitens der Sowjets die Arbeit der SPD nach 1946 betrachtet. Umso tiefer musste dieses sitzen als die SPD am 20. Oktober in allen Bezirken stärkste Partei wurde. Alle Ost-Bezirke hatten sozialdemokratische Bezirksbürgermeister. Zwei von Ihnen spürten allerdings schnell heftigen Gegenwind. Der Bezirksbürgermeister von Friedrichshain Wilhelm Mardus und die Bezirksbürgermeisterin von Prenzlauer Berg, Ella Kay, wurden von sowj. Besatzungsmacht entlassen.
Siegried Heimann, auf den ich mich in diesem Vortrag häufiger beziehe, drückte die Entwicklung treffend so aus: „Aus politischen Gegnern wurden im Jahre 1948 endgültig politische Feinde.“
Je stärker der Druck auf die GenossInnen wurde, desto mehr nahm die Bedeutung der Kreisbüros und engagierten SozialdemokratInnen zu. Immer stärker wurde man zu einer Solidargemeinschaft und die Büros zur ersten Anlaufstelle. Schon damals kämpfte man gegen Überalterung, weshalb die wenigen hauptamtlichen Kreismitarbeiter wichtige Zentren der bezirklichen Parteiarbeit waren.
Diese Parteiarbeit wurde zunehmend durch die Schikanen der SED erschwert.So wurde es zunehmend schwerer Genehmigungen für Parteiveranstaltungen selbst nur für Mitglieder zu erhalten. Dennoch führten die Ost-Berliner Kreise bis zu 400 Veranstaltungen im Jahr durch – eine beeindruckend Zahl, denkt man zudem an die Lebensumstände der Menschen damals, die weitaus schwieriger waren als heute.
Wurden Redner für Parteiversammlungen gewonnen, die in den Westsektoren lebten so wurde diesen ein Auftreten entweder ganz verboten oder Redemanuskripte wurden vorab zensiert. Wer eine Parteiversammlung anmeldete musste nicht selten zum Rapport auf die Kommandantur.
Dort geschah dann entweder das was wir erwarten würden: Einschüchterungen, Beschimpfungen – oder –ganz im Sinne der „Umarmungsstrategie“ – es wurden Lebensmittelpakete verschenkt.
Diese Umarmungsstrategie hatte mehrere Ausprägungen und Kurt Neubauer parierte ihr auf besonders intelligente und hintersinnige Art und Weise. Auf den Vorschlag hin eine gemeinsame Großveranstaltung mit der SED abzuhalten sagte er zu und benannte die Redner der SPD Friedrichhain:
Genosse Werner Rüdiger (z.Zt. in der Haftanstalt Waldheim) und Genossin Gertrud Prusseit (Aufenthalt z.Zt. unbekannt). Damit dieser herausragenden Veranstaltung möglichst viele Menschen beiwohnen konnten, schlug Kurt die Sporthalle am Strausberger Platz vor.
Unnötig zu ergänzen, dass diese Veranstaltung nicht stattfand.
Auf Landesebene handhabte man das mit Verweis auf die Dutzende Sozialdemokraten in sowjetischer Haft rigoroser und versagte jeglichen Kontakt."

 

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