"Vorwärts": Zur Geschichte einer Parteizeitung

"Vorwärts": Zur Geschichte einer Parteizeitung

Vorwärts 1876
 

Vorwärts 1876 - Titelseite als PDF-Datei (PDF-Dokument, 286.8 KB)

Mit der Gründung der Vorläufer der Sozialdemokratischen Partei entstanden auch die ersten Parteizeitungen. Sprachrohr des 1863 von Ferdinand Lassalle gegründeten "Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins" war seit dem 15. Dezember 1864 der in Berlin erscheinende "Social-Demokrat". Er befand sich im Besitz der beiden Redakteure Johann Baptist von Hofstetten und Johann Baptist von Schweitzer. Sie verpflichteten sich gegenüber dem ADAV "die ganze politische und soziale Richtung ihres Blattes derjenigen des Vereins anzupassen". 1871 übernahm der ADAV das Organ unter dem Titel "Neuer Social-Demokrat".

In Leipzig erschien der "Volksstaat", am 2. Oktober 1869 aus dem "Demokratischen Wochenblatt" hervorgegangen. Wochenblatt-Herausgeber Wilhelm Liebknecht übernahm die Redaktionsleitung. Das "Volksblatt" war Organ der von Bebel und Liebknecht 1869 in Eisenach gegründeten "Sozial-demokratischen Arbeiterpartei".

1875 vereinigten sich die beiden Parteien in Gotha zur "Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands", die beiden Zeitungen vollzogen erst im darauf folgenden Jahr die Vereinigung. Vom 1. Oktober 1876 an war der "Vorwärts" das "einzige offizielle Parteiorgan" der vereinigten Partei. Es erschien dreimal in der Woche, gedruckt wurde es in Leipzig. Die Verfasser des Gothaer Programms Wilhelm Liebknecht und Wilhem Hasenclever übernehmen die Redaktionsleitung.

"In Berlin war schon im Sommer 1875 das Fundament für das dort seit 1891 ebenfalls unter dem Titel VORWÄRTS bekannte Zentralorgan gelegt worden: die "Berliner Freie Presse" wurde seit dem 1. Januar 1876 im genossenschaftlich organisierten Selbstverlag der Berliner Parteiorganisation veröffentlicht und nach dem Verbot unter dem Sozialistengesetz ab 1884 als "Berliner Volksblatt" fortgesetzt, das ab 1. Januar 1891 wieder unter dem Namen VORWÄRTS die Funktion des alten Zentralorgans übernahm." (Carlo Schmid in seinem Festvortrag zum 90. Geburtstag des Vorwärts")

In der Kreuzberger Lindenstraße war 1933 der letzte Sitz der Redaktion, bevor die Zeitung von den Nazis verboten wurde. Die letzte Ausgabe erschien am 28. Februar, dem Tag nach dem Reichstagsbrand. Mit immer verlängerten Verboten wurde das Erscheinen der sozialdemokratischen Zeitung verhindert, am 10. Mai 1933 wurde das Vermögen der SPD von den Nazis beschlagnahmt.

1997 zog die Vorwärts-Redaktion von Bonn nach Berlin - ganz in die Nähe der alten Vorkriegs-Redaktionsräume.  U. Horb

 

"Meinungsfreiheit hat bei uns Hausmacht"

Titelblatt des Carlo-Schmid-Vortrags
 

1966 feierte der "Vorwärts" sein 90jähriges Bestehen - die Festrede hielt Dr. Carlo Schmid. Sein Rückblick trug den Titel  "Meinungsfreiheit hat bei uns Hausmacht" (PDF-Dokument, 1004.1 KB) (PDF-Datei)

 
Sprachrohr der Sozialdemokratie

90 Jahre „Vorwärts“

90 Jahre sind im Leben einer Zeitung eine lange Zeit. Vor allem dann, wenn es sich dabei um publizistisches Unternehmen von eigener Prägung handelt. Der „Vorwärts“, der als Zentralorgan der Sozialdemokratie Deutschlands am 1.Oktober 1876 erstmalig erschien, stellte in der Pressegeschichte insofern eine Besonderheit dar, als er buchstäblich von Arbeitergroschen aufgebaut wurde. Was das im Einzelnen bedeutet, kann nur der ermessen, dem der Sinn für solidarisches Engagement noch nicht verloren gegangen ist.

Der große Volkstribun Wilhelm Liebknecht war neben Wilhelm Hasenclever der eigentliche Hauptredakteur des Blattes, das, wie alle anderen sozialdemokratischen Presseorgane, Opfer des berüchtigten Sozialistengesetzes. Aber schon im Winter 1883/84 trat die Berliner Arbeiterschaft mit einer neuen, aus eigenen Kräften etablierten Zeitung auf den Plan. Seit 1884 erschien hier in unserer Stadt das „Berliner Volksblatt“, das ab 1. Januar 1891 unter dem Haupttitel „Vorwärts“ als offizielles Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands fortgesetzt wurde. Es ging damals um die erste Mitbeteiligung der Partei an den Berliner Kommunalwahlen, wenn man von dem schüchternen Versuch im Jahre 1877 absieht. Zwölf Kandidaten brachte die einzige politische Organisation der Berliner Arbeiterschaft ins Rennen. Trotz übler Machinationen des Berliner Magistrats, der in einigen Bezirken die auf die sozialdemokratischen Kandidaten entfallenden Stimmen bei der Stichwahl für ungültig erklärt hatte, wurde ein voller Sieg errungen. Zum ersten Male zogen im Winter 1883/84 fünf Sozialdemokraten – Ewald, Goercki, Herold, Tutzauer und Paul Singer, der später nahezu dreißig Jahre neben August Bebel amtierende Vorsitzende der Gesammtpartei, in das „Rote Haus“ ein. Chefredakteur war wiederum Wilhelm Liebknecht.

Das „Berliner Volksblatt“ begann in Gründungsjahr 1884 mit einer Auflage von 2400 Exemplaren, 1891 waren es 26000 und 1906 – nach dreißigjährigem Bestehen – 100000 Bezieher. Die Geschichte des „Vorwärts“ ist reich an Zwischenfällen, die zumeist in der Natur seiner unglücklichen Doppelstellung lagen. Er sollte das Sprachrohr der politischen Entscheidungen des Parteivorstandes und zugleich ein Berliner Lokalblatt. Hinzu kam, dass die Berliner Partei oft in der politischen unterschiedliche Auffassungen gegenüber dem zentralen Parteivorstandes vertrat; wohl bemühte sich Wilhelm Liebknecht, wie auch der ebenso unvergessene Friedrich Stampfer, den verschiedenen Strömungen innerhalb der Sozialdemokratie gerecht zu werden. Aber zu jedermann Zufriedenheit konnte das nicht glücken.

Auch über das permanente Problem einer zeitgemäßen Ausgestaltung des Blattes, um in der Nachrichtengebung und Aktualität konkurrenzfähig zu sein, kam es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen. Dr. Bruno Schönlank sen. War der erste Reformator der Parteipresse. Es ist interessant, dass in der Frage der Modernisierung der Sozialdemokratischen Presse schon vor 70 Jahren die gleichen Fragen anstanden, die auch heute noch nicht gelöst sind.

In der turbulenten Zeit der unvollendet gebliebenen Weimarer Republik, in der der Berliner „Vorwärts“ täglich in zwei Ausgaben erschien, hat er im Negativen wie im Positiven an vielen welt-, volks- und gesellschaftspolitischen Entscheidungen starken Anteil. Das lag nicht zuletzt an der journalistischen Mitwirkung seiner hervorragenden Redakteure, die auch im gesellschaftlichpolitischen Leben eine Rolle spielten. Man denke nur an ‚Wilhelm Schönlank sen. , an Heinrich Ströbel, Heinrich Cunow, Hermann Wendel, Kurt Eisner, Dr. Georg Gradnauer, Dr. Rudolf Hilferding, Dr. Siegfried Nestriepke bis hin zu Friedrich Stampfer, Viktor Schiff, Erich Kuttner, Dr. Curt Geyer, Dr. John Schikowski, Gustav Klingelhöver, Ernst Reuter, und Paul Löbe. Und nicht zuletzt sei auch der Jüngeren gedacht: an Fritz Karstädt und Rudolf Brendemühl.

Der von den Nazis angestiftete Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28.Februar 1933 beschloss das Ende der stärksten Bastion der sozialen Demokratie. Als Organ des Exilparteivorstandes war der in Karlsbad-Prag und später in‚ Paris von 1933 bis 140 erscheinende „Neue Vorwärts“ das weiterhin beachtet Kampfblatt gegen den Nazismus, der für die in Deutschland verbliebenen Widerständler in seinen eingeschmuggelten Exemplaren als Informationsquelle unersetzlich war.

Nach dem Zusammenbruch des Hitlersystems musste neu begonnen werden. Seit 1948 erscheint das repräsentativste Sprachrohr der deutschen Sozialdemokratie zunächst als „Neuer Vorwärts“, seit etlichen Jahren wieder als „Vorwärts“ wöchentlich. Heute von Jesco von Puttkammer geleitet und von Walter Petersen verlegerisch betreut, dient der „Vorwärts“ unter der Herausgeberschaft von Willy Brandt, Herbert Wehner, Alfred Nau und Fritz Heine der ständigen Durchleuchtung aller gesellschaftspolitischen Erscheinung unseres Vaterlandes und der Welt. Mag auch der endgültige publizistische Stil dieses Wochenblattes noch nicht gefunden sein- das Bemühen zeigt sich; er sollte nach der qualitativen Seite noch umfassend. WALTHER G. OSCHILEWSKI

(Aus der BERLINER STIMME vom 08.10.1966)

 

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