Vom "Sozialdemokrat" zur "Berliner Stimme"

Vom "Sozialdemokrat" zur "Berliner Stimme"

Walther G. Oschilewski hat 1976 in der Berliner Stimme einen Artikel zur Entwicklung der Berliner Presse veröffentlicht, in dem er auch die Geschichte der sozialdemokratischen Medien in der Nachkriegszeit darstellt. Wir veröffentlichen Auszüge aus diesem Text.

Die Sowjets teilten zu
Walther G. Oschilewski: Berliner Presselandschaft nach dem Krieg

 „Der Sozialdemokrat“
„Berliner Stadtblatt“

In Verfolg der Zwangsvereinigung von KPD und SPD, der sich der überwiegend größte Teil der Berliner Sozialdemokraten widersetzte, wurde das Erscheinen der beiden unter sowjetischer Kontrolle erscheinenden Parteizeitungen „Das Volk“ (SPD) und „Deutsche Volkszeitung“ (KPD) eingestellt. Als offizielles Organ der neuen Einheitspartei erschien seit dem 28.April 1946 das „Neue Deutschland“. Angesichts des Umstandes, dass die Berliner Sozialdemokraten keine Zeitung mehr besaßen und im Hinblick auf den bevorstehenden Wahlkampf für das erste freie Stadtparlament und die Bezirksverordnetenversammlungen Groß-Berlins genehmigte die Britische Militärregierung der Sozialdemokratischen Partei die Herausgabe einer Tageszeitung, die ab 3.Juni 1946 unter dem Titel „Der Sozialdemokrat“ erschien.   Die damalige Lizenz ging an die SPD-Beauftragten Alfons Schöpflin, Hildegard Wegscheider und Franz Tausch. Schöpflin und Erich Schmidt übernahmen die Verlagsleitung. Chefredakteur war zunächst der langjährige Wirtschaftsredakteur des alten „Vorwärts“ Gustav Klingelhöfer; sein Stellvertreter für kurze Zeit Gerhard Grindel. Als Klingelhöfer 1946 das Amt eines Stadtrates und Leiters der Abteilung Wirtschaft des Magistrats von Groß-Berlin übernahm, trat Klaus Peter Schulz an seine Stelle. Schulz war zweifellos ein vorzüglicher Schreiber und seinerzeit standfester Sozialdemokrat; die Redaktionsarbeit lag ihm weniger. Friedrich Weigelt, von Haus aus Lehrer, später Oberschulrat und Regierungsdirektor, stand ihm als sein Stellvertreter zur Seite. Anfang der fünfziger Jahre ging Schulz nach seinem Ausscheiden nach Westdeutschland, war von 1952 bis 1956 Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg und politischer Kommentator verschiedener westdeutscher Sender, 1959 kam er nach Berlin zurück, gehörte von 1963 bis 1965 dem Abgeordnetenhaus Berlin an und übernahm 1963 die Leitung des Berlin-Studio der Deutschen Welle. Schulz ist auch mit einer Reihe exzellenter Bücher hervorgetreten. Sein Nachfolger am „Sozialdemokrat“ war der Sudetendeutsche Franz Tausch-Treml (1946 bis 1950), einst Redakteur in Landskron und in der Londoner Emigration Mitglied des Exilvorstandes der sudetendeutschen Sozialdemokratischen Partei.

Zur Redaktion gehörten u. a. Herta Zerna als Stellvertretende Chefredakteurin (1947 bis 1951); nach ihrem Abschied vom Tages-Journalismus schrieb sie eine Reihe liebenswerter Kurzromane und Gedichtreihen mit berlinischem bzw. märkischem Kolorit ( u. a. „Rieke Jury“, „Es lag in Rheinsberg“, „Lieder aus der Laubenkolonie“), Richard Schwartz als Lokalchef (1946 bis 1951) Ludwig Diederich, ein bekannter Gewerkschaftsjournalist, später langjähriger Sozial-Attáche bei der Botschaft der BRD in Brüssel; ferner waren Otto Reimer (später RIAS und SFB), Günter Marquardt (später SFB), Eduard Zachmann, Heinz Krüger, Paul Zylka im politischem Ressort beheimatet. Die Wirtschaft betreute Heinz Zank; Erwin Tenschert war in der Lokalredaktion tätig.

„Der Berliner Sozialdemokrat“

Als parteioffiziöse Tageszeitung konnte sich der „Sozialdemokrat“ (und der „Berliner Sozialdemokrat“, wie sich die kleine Weile nannte), wirtschaftlich nicht behaupten. Schon der Titel war ein Anachronismus, obwohl man sich redlich bemühte, über den parteipolitischen Zaun zu schauen. Die Zeit für prononcierte Parteizeitungen war längst vorbei; es würde sie - wahrscheinlich mit Erfolg - weiter gegeben haben, wenn man sich für eine variablere, elastischere, qualitätsbewusstere Haltung hätte entscheiden können. So konnte den „Berliner Sozialdemokraten“ (zu Lizenzträgern kamen Erich Deutsch, Franz Neumann, Kurt Mattick hinzu) auch eine so hervorragende politische und journalistische Potenz wie Willy Brandt, der für ein Jahr (1950/51) die Chefredaktion übernahm, auch durch die Unbenennung in „Das Berliner Stadtblatt“ nichts mehr retten. Der Landesvorstand der Berliner Sozialdemokratischen Partei entschied sich für die Aufgabe ihrer täglich erscheinenden Tageszeitung (Frühjahr 1951) und begründete als kontinuierliche Fortsetzung des Parteiorgans eine „Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur“ mit dem Titel „Berliner Stimme“, die seit Oktober 1951 erscheint.

 

„Berliner Stimme“, seit 1946 (bzw. 1951)

Herausgeber der „Berliner Stimme“ ist der Landesverband Berlin der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Firmenträger der Verlag Kompass-Buchhandlung G. m. b. h.  den von 1951-1973 Friedrich Piefke mit Umsicht leitete. Kurt Mattick (seit 1953 Bundestagsabgeordneter) und Fritz Bühl waren die Ersten Chefredakteure (Bühl von 1951 bis 1963), seit seinem Ausscheiden amtiert er als Bezirksstadtrat für Bau- und Wohnungswesen und stellvertretender Bürgermeister von Berlin – Spandau. Ihm folgte Herwig Friedag (1959 bis 1963), ehemals Redakteur beim „Abend“ und jetzt (1976, Anm. der Internetredaktion) beim SFB (Zeitfunk). Von 1963 bis 1970 leitete Roelf Heyen das Blatt; er gehörte von 1969 bis zu seinem Tode (1975) dem Deutschen Bundestag an. Im September 1970 wurde Jürgen Brinckmeier Chefredakteur. Als er im Frühjahr 1973 die Geschäftsführung der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin übernahm, trat - nach einem kurzem Interregnum – Brigitte Seebacher an seine Stelle. Die Kulturredaktion betreute „nebenamtlich“ von 1951 bis 1970 Walther G. Oschilewski.

In den letzten Jahren wurde die „Berliner Stimme“ zu einem Informations- und Diskussionsorgan weiter ausgebaut. Durch ständige Gastbeiträge unabhängiger Berliner und westdeutscher Kommentatoren, durch die Mitarbeit der sich ständig erneuernden Parteibasis, durch Erörterung akuter Fragestellungen und die stärkere Artikulation der verschiedenen Strömungen innerhalb der SPD, die man oft ungenau mit „Rechts“ und „Links“ schematisiert, hat das Wochenblatt an Lebendigkeit, an Aussagewert und Fixierung von Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit ungemein gewonnen.

 Aus der „Berliner Stimme“ vom 6. März 1976
 

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