Gedenkstättenfahrt 2003: Berliner SPD in Groß-Rosen

Gedenkstättenfahrt: Berliner SPD in Groß-Rosen

Kranzniederlegung in Groß-Rosen 2003
 

 

Am zweiten Novemberwochenende ist die Berliner SPD zum 15. Mal zu einer Gedenkstättenfahrt aufgebrochen. 230 Teilnehmer wollten an eines der dunkelsten Kapitel unsere Geschichte erinnern und der Toten gedenken, die während der Zeit des Nationalsozialismus umgekommen sind. Polen ist sicher das Land, dessen Bevölkerung während des zweiten Weltkrieges am meisten gelitten hat. Welche Wunden dort geschlagen worden sind, konnten die Teilnehmer der Gedenkstättenfahrt im ehemaligen Konzentrationslager Groß-Rosen erfahren.

Auf dem einstigen Lagergelände stehen nur noch wenige Baracken. Trotzdem ist an diesem Ort noch immer körperlich zu spüren, welche menschlichen Abgründe den Alltag des Lagers bestimmt haben. Die katastrophalen Lebensbedingungen, aber vor allem die unmenschlichem Arbeitsbedingungen in den Steinbrüchen in unmittelbarer Nähe des Lagers, waren Teil einer entmenschlichten Todesmaschinerie. Nicht in der Ausbeutung der Arbeitskraft, sondern in der Vernichtung der Gefangenen durch Arbeit lag der perverse Sinn dieses Lagers. Der SPD-Landesvorsitzende Peter Strieder beschrieb in seiner Rede zum Gedenken an die Toten nicht nur die Trauer und Scham, die noch heute von dem Gräueltaten ausgehen, die auf diesem Gelände geschehen sind.

Er verwies auch auf die aktuelle Debatte, die sich an dem Vorschlag des Bundesverbandes der Vertriebenen entzündet hat, die ein Zentrum gegen Vertreibung fordern. Dazu sagte Strieder: „Es macht mich zornig, dass immer noch Repräsentanten der Deutschen Schuld relativieren und die Opfer zu Tätern machen wollen. Sie sind nicht nur Propagandisten der Geschichtsverfälschung. Ihre Haltung ist mitleidlos und unbarmherzig. Sie relativiert deutsche Schuld. Sie ist antisemitisch. Deshalb ist diese Haltung gefährlich“

Dr. Andrzej Ochlewski, der das Konzentrationslager Groß Rosen überlebt hat, sprach von der „unvergleichbaren Unmoral“, die den Terror in Groß Rosen und den anderen Konzentrationslagern zugrunde lag. Dem Mediziner, der die Berliner Teilnehmer der Gedenkstättenfahrten herzlich begrüßte und die Fragen einzelner Teilnehmer geduldig beantwortete, waren die Jahre in den Konzentrationslagern nicht auf dem ersten Blick anzumerken. Wenn er dann im persönlichen Gespräch auf einzelne Erlebnisse einging, wurde schnell deutlich, dass sich hinter dieser allgemeinen Aussage sehr traumatische Erfahrungen verbergen. Die ihm in den Arm tätowierten Nr. aus den Konzentrationslagern, Majdanek, Groß Rosen und Flossenbürg konnte er immer noch auf Anhieb nennen. Dass neben der unvorstellbaren Grausamkeit auch eine Portion Absurdität das Lagerleben bestimmte, schilderte Ochlewski anhand seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager Flossenbürg. Selbst die Auflösung der Lager wurde mit einem den Deutschen nachgesagten Hang zur Gründlichkeit exekutiert, der die Teilnehmer erschauern ließ. Am 8 Mai 1945, dem Tag der Kapitulation des Deutschen Reiches wurde er als einer der wenigen, die die Konzentrationslager und den Todesmarsch überlebt hatten, mit einem formalen Verwaltungsvorgang entlassen. Das dazugehörige Formular trug Stempel und Unterschrift. Die gleiche Gründlichkeit, mit der der Massenmord in Osteuropa organisiert und durchgeführt wurde, sorgte ganz am Ende noch für eine bürokratisch einwandfreie Entlassung der wenigen Überlebenden der Todesmaschinerie der Nationalsozialisten.
Nach gut vier Stunden an einem grauen, kalten Novembertag im ehemaligen Konzentrationslager Groß Rosen stiegen die sichtlich beeindruckten Teilnehmer in die Busse. Sie werden Freunden und Verwandten von Groß Rosen und Herrn Ochlewski berichtet haben.
Hannes Hönemann

 

 

 

Gedenkstättenfahrt 2003: Rede von Peter Strieder

Groß-Rosen 2003: Peter Strieder im Gespräch

Gedenkstättenfahrt 2003: Peter Strieder. Foto: Hönemann

 

Der SPD-Landesvorsitzende Peter Strieder hat auf der Gedenkstättenfahrt der Berliner SPD im ehemaligen Konzentrationslager Groß-Rosen der Opfer der Nazi-Diktatur gedacht. In seiner Rede am 9. November fand er auch deutliche Worte für den Umgang der CDU mit Geschichtsverfälschung und Relativismus. Seine Rede in Auszügen:

„(…) Wenn wir als Deutsche in ein ehemaliges Konzentrationslager kommen, dann bewegen uns Gefühle, die nur schwer in Worte zu fassen sind. An diesem Ort, angesichts der hier begangenen, in Deutschland geplanten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, im Bewusstsein des millionenfachen Leids wird deutlich, wie wichtig erinnern ist, wie notwendig das Aufstehen gegen Entmenschlichung ist und wie gerechtfertigt unsere Empörung bei Verharmlosung und Geschichtsverfälschung ist.

Es macht mich zornig, dass immer noch Repräsentanten der Deutschen Schuld relativieren und die Opfer zu Tätern machen wollen. Sie sind nicht nur Propagandisten der Geschichtsverfälschung. Ihre Haltung ist mitleidlos und unbarmherzig. Sie relativiert deutsche Schuld. Sie ist antisemitisch. Deshalb ist diese Haltung gefährlich.

(…)
Jeder Versuch, die Geschichte umzuschreiben ist ein Anschlag auf Versöhnung, auf Verständigung, auf die europäische Einigung. (…) Nur wer bereit ist, Vertreibung und ethnische Säuberungen im 20. und 21. Jahrhundert im europäischen Maßstab zu diskutieren, kann für sich in Anspruch nehmen, einen Beitrag für mehr Menschlichkeit und gegen Gewalt leisten zu wollen.

Heute ist der 9. November ein wahrhaft deutsches Datum.
Am 9. November 1918 wurde die deutsche Republik proklamiert. Nur fünf Jahre später, am 9. November 1923, unternahm Adolf Hitler seinen misslungenen Putschversuch.

Am 9. November 1938 setzten die Nazis das Fanal zur Verfolgung und Ermordung der Juden in der Reichspogromnacht. Unzählige Synagogen und Gebetshäuser wurden in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte geplündert und 100 000 Juden verhaftet.

Am 9. November 1989 war die friedliche Revolution in der DDR erfolgreich.
Der 9. November ist ein Datum, das die Deutschen immer daran erinnert, dass Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit zerbrechliche Werte sind, die immer wieder verteidigt und erstritten werden müssen. Deshalb erinnern und gedenken wir!“

 
Teilnehmerinnen der Gedenkstättenfahrt 2003

SPD-Gedenkstättenfahrt 2003 nach Groß-Rosen. Foto: Hönemann