Offener Brief an Peer Steinbrück

Offener Brief an Peer Steinbrück zum Auftritt am 20. Mai 2012 bei Günther Jauch

Lieber Peer,

am Dienstag, den 22. Mai 2012 erscheint ein neues Buch: „Europa braucht den Euro nicht“ heißt das neue Kind von Thilo Sarrazin. Natürlich mit einem bedeutungsschwangeren Untertitel „Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat“. 

 

Aber das weißt Du sicher schon. Du planst schließlich mit dem genannten Bestseller-Autor am Sonntag bei Günther Jauch vor die Kamera zu treten. Ein bisschen Werbung für ein neues Buch schadet dem Autor sicher auch nicht. Aber der Autor soll hier gar nicht Thema unseres Briefes an Dich sein. Dafür hat er sich schon selbst mit seinen rassistischen Äußerungen ins Abseits manövriert. Jede Zeile an, für oder über ihn wäre doch Verschwendung kostbarer Lebenszeit.

 

Nein, es geht um Dich, lieber Peer. Wir machen uns Sorgen!

 

Wir machen uns sorgen, weil Du jemandem ein Podium, eine gewisse Legitimation und den Platz neben einem Kanzler-Kandidaten-Kandidaten der Sozialdemokratie gibst. Und wir befürchten, dass es Deiner Kandidatur nun wirklich gar nicht gut tun wird.

 

Die Grundwerte unserer Partei müssen wir Dir nicht vortragen. Die Sozialdemokratie ist die Bewegung der Ein- und Aufstiege in unserer Gesellschaft: Für uns spielt es keine Rolle, woher jemand kommt, woran er glaubt, wie alt er ist oder wie reich seine Eltern sind, welches Geschlecht er hat und welches er liebt. Dein Gesprächspartner hat die Glaubwürdigkeit der Sozialdemokratie diesbezüglich bis auf den Grund erschüttert. Millionen von Menschen mit Migrationshintergrund wurden mit dem sachfremden Inhalt gedemütigt. Ein öffentliches Streitgespräch, lieber Peer, gibt ihm eine medial wirksame Plattform, auf der er diesmal wahrscheinlich die „faulen Südeuropäer“ beschimpfen oder sich als „Volksversteher“ und einziger Retter gegen die politische Kaste stellen wird.

 

Wir bitten Dich, lieber Peer, der Versuchung, den medialen Raum für Deine Wahlwerbung zu nutzen, zu widerstehen. Du kannst mehr und bist auf solche Auftritte nicht angewiesen. Wir fordern Dich daher auf, das öffentliche Streitgespräch mit Tilo Sarrazin in der Sendung von Günter Jauch am 20. Mai 2012 abzusagen.

 

Für die Zeit, die Du Dir damit sparen würdest, würden wir Dir gerne einen Besuch in unserer Arbeitsgemeinschaft ans Herz legen. Wir würden mit Dir dann gerne über Dein Buch „Zug um Zug“ reden. „Für eine Debatte über die politischen, sozialen und finanziellen Integrationskosten, die aus dieser massiven Zuwanderung von Menschen mit überwiegend geringen oder gar keinen Bildungsabschlüssen erwachsen, findet man kaum eine „entmilitarisierte“ Zone“. Diese „entmilitarisierte“ Zone, die Du forderst, würden wir Dir gerne präsentieren.

 

Im Falle Deines Auftritts fällt uns nur ein Satz Deines Vorgängers als Ministerpräsident in NRW ein, der glücklicherweise selbst wusste – ganz im Gegensatz zu Deinem Gesprächspartner – wann er sich nicht mehr auf der Wertebasis der Sozialdemokratie bewegte. „Deshalb wäge und wähle genau, wer Verantwortung für das Land zu vergeben hat, wem er sie anvertrauen kann - und wem nicht“. Das gilt wohl auch für den / die SPD KanzlerkandidatIn.

 
 
Mit solidarischen Grüßen,
 

Aziz Bozkurt, Serpil Kücük, Serge Embacher, Charikleia Mastora, Marianne Lillie-Schirrmacher

(Geschäftsführender Landesvorstand der AG Migration und Vielfalt in der Berliner SPD)

 
 

PS: Lieber Peer, wir kennen Dich als Menschen, der die Scharfzüngigkeit schätzt. Wir schätzen Dich nicht gering, wenn auch wir auf das Stilmittel zurückgreifen. Die Debatten sind manchmal so ermüdend, dass sie ein Lächeln beim Schreiben notwendig machen.