Martin Gutzeit: Die Idee der SDP

Martin Gutzeit
 

Die Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) hat einen jahrelangen Vorlauf. SDP-Mitbegründer Martin Gutzeit berichtet im Interview mit der BERLINER STIMME über die Zeit vor 1989. 


BS: Als die Mauer gebaut wurde, waren Sie neun Jahre alt. Nimmt man da einen Staat wie die DDR nicht als ganz normal hin? Wie entsteht kritisches Denken?
Martin Gutzeit: Den Mauerbau habe ich sehr bewusst miterlebt. Wir lebten in der Nähe von Cottbus, mein Vater war dort Pfarrer. Gegenüber wohnte der Bäcker. Mit seinen Jungs habe ich immer gespielt. Im Sommer 61 haben sie sich abgesetzt. Den Bäcker hatten sie 1957 wegen eines politischen Witzes für anderthalb Jahre  in den Knast gesteckt. Kurz vor dem Mauerbau sind wir mit der U-Bahn durch West-Berlin gefahren, wir hatten Verwandtschaft in Prenzlauer Berg. Später haben wir erfahren, dass auch sie in den Westen wollten und schon Stück für Stück ihre Sachen hinübergeschafft hatten. Es gab die Kollektivierung der Landwirtschaft, auch da sind viele in den Westen gegangen Ich habe die Widersprüche sehr unmittelbar erfahren. 
BS: Hat man nicht versucht, auch auf den Pfarrersohn politisch Einfluss zu nehmen?
Gutzeit: Das war damals in unserer Gegend noch Volkskirche. Insofern wusste die SED, dass sie da null Chancen hat. Zur Jugendweihe sind aus der Gemeinde meines Vaters vier Jugendliche gegangen, drei davon wollten zur Erweiterten Oberschule gehen. Ich wollte auch eine Berufsausbildung mit Abitur machen, die habe ich natürlich nicht bekommen und habe dann mein Abitur an der Abendschule gemacht, schon während der Lehre als Elektromonteur in Cottbus. Da ich dann Totalverweigerer beim Wehrdienst war, war aber ein normales Studium nicht drin.
BS: Also auch kein „Bausoldat“? Gab es da eine Regelung für?
Gutzeit: Nun, für Totalverweigerung   gab es normalerweise anderthalb bis zwei Jahre. Aber man hat mich nicht geholt.  Ich habe dann so eine Art privaten Ersatzdienst in einem Heim gemacht und Alte und Behinderte gepflegt. Ab 1972 habe ich Theologie am Sprachenkonvikt studiert, das war eine staatlich nicht anerkannte kirchliche Hochschule in Berlin.  1974 lerne ich schon Markus Meckel kennen.
BS: Welche politischen Einflüsse gab es? Wirkte sich der Prager Frühling aus?
Gutzeit: 1968 war ich 16, ich kann mich erinnern, dass mich dieser Einmarsch sehr beschäftigt und auch sehr erbost hat. Markus Meckel ist ja damals deswegen von der EOS geflogen und war dann auf einem kirchlichen Gymnasium in Hermannswerder. In den siebziger Jahren haben wir versucht zu verstehen, in welchem Staat und welcher Gesellschaft wir leben.  Wir haben uns intensiv mit Philosophie beschäftigt, mit dem Anspruch, der erhoben wurde, eine sozialistische Gesellschaft zu sein.
BS: Die Idee müsste doch einem jungen Menschen gar nicht so schlecht erscheinen?
Martin Gutzeit: Wir haben natürlich die Art des Umgangs mit uns frühzeitig erlebt, wir haben auch den Drill erlebt. Dass durch diese Art Lösung, die man uns bot, die Widersprüche der modernen Gesellschaft gelöst werden, konnten wir wirklich nicht sehen.
BS: Freie Diskussion darüber war nur unter dem Dach der Kirche möglich?
Martin Gutzeit: Es war ja nicht nur ein Dach. Wir waren doch Teil dieser Kirche, das war unsere Welt.  Am Sprachenkonvikt  waren wir in der Studentenvertretung, haben sogar mal einen Streik organisiert. Das heißt, wir haben unsere „Übung“ auch in dieser Hinsicht gemacht. Es war kein Wunder, dass nachher in der ersten frei gewählten Volkskammer gleich mehrere Dozenten, Assistenten und Studenten vom Sprachenkonvikt waren.
BS: Wann spielten Umwelt- und Friedensbewegung eine Rolle?
Martin Gutzeit: Solche Fragen spielten in den siebziger Jahren schon eine Rolle. Im Studium haben wir uns mit Umweltfragen befasst, mit unserer Verantwortung. 1978/79 trafen wir uns in Naumburg mit Studenten der Kirchlichen Hochschule aus West-Berlin und haben Abrüstungsverhandlungen gespielt. Das war nicht DDR-pur, das war eine andere Welt. Wir haben an den geistigen Auseinandersetzungen zwischen Ost und West teilgenommen.  Seit 1984 trafen wir uns in einem philosophisch-theologischen Studienkreis bei Peter Hilsberg, dem Vater von Stephan Hilsberg, Richard Schröder war dabei.
BS: Hatte man da schon das Gefühl, man steht unter Beobachtung?
Martin Gutzeit: Ja natürlich. Ich bin damit aufgewachsen. Ich hab das auch selbst erlebt. Und man wusste auch, was es kostet, wenn wir zum Beispiel Reiner Kunzes „Wunderbare Jahre“ abgetippt und weitergegeben haben. 
BS: Nun lebte man in der real existierenden DDR mit dem Machtfaktor Sowjetunion. Ein Ende der DDR war nicht abzusehen.
Martin Gutzeit: Da macht man sich natürlich seine Gedanken über Handlungsspielräume. In den siebziger Jahren, da konnte man bestimmte Dinge lesen, bereden und zu verstehen versuchen. Das war aber eher konspirativ. In den achtziger Jahren haben wir in den Gemeinden gearbeitet, Seminare gemacht, das ist dann schon offener gewesen. Da hatten wir Handlungsmöglichkeiten, Infrastruktur. Als Pfarrer hatte ich ein Pfarrhaus, auch ein Abzugsgerät. Mit Markus Meckel hatte ich mir auch nach dem Ende des Studiums noch ein ganzes Jahr private Philosophiestudien verordnet. Mit Michael Theunissen von der FU haben wir Kontakt aufgenommen. 81 war Meckel schon als Vikar in Mecklenburg, da haben wir zwei Tage bei ihm in Vipperow gesessen und Hegel studiert. Es war die Zeit, als die Gewerkschaftsbewegung in Polen viele Anhänger gewann. Und wir haben Mitte der achtziger Jahre auch darüber nachgedacht, ob man unsere Form von Opposition vielleicht neu erfinden muss.
BS: Aber da steckten keine konkreten organisatorischen Überlegungen dahinter?
Martin Gutzeit: Wir haben über Möglichkeiten diskutiert, kamen aber zu keinem anderen Konsens als unsere Vernetzung zu verstärken. Wir haben damals die mecklenburgischen Friedensseminare organisiert. Solche handfesten Überlegungen wie eine Parteigründung spielten bei den handelnden Personen keine Rolle. In einem System wie der DDR ist die politische Macht verfassungsmäßig bei der SED verortet gewesen. Die wussten, sie haben das Recht politisch zu handeln, wir nicht. In diesem Sinne wurde man in der DDR permanent politisch entmündigt, konnte keine Verantwortung übernehmen. Der Begriff der Verantwortung war für mich sehr wichtig. 
BS: Man hätte, um etwas zu verändern, in eine Partei eintreten können.
Martin Gutzeit: Also die Blockflöten spielten für uns gar keine Rolle. Und bei der SED muss man sehen: Sicher gab es da Leute, mit denen man reden konnte.  Aber sobald da irgendjemand einen falschen Gedanken hatte, haben sie den doch gleich zur Schnecke gemacht. Da ist mit Sicherheit kein Klima von Dialog gewesen. Wer ein offenes Wort wagte, musste sofort damit rechnen, dass er die Grundlagen seiner bürgerlichen Existenz verlor.
BS: Wie hält man das über die Jahre aus, keinen wirklichen Einfluss zu haben?
Martin Gutzeit:  Wir haben die Zeit genutzt. Wenn wir dies nicht getan hätten, um uns inhaltlich zu verorten, hätten wir später nicht so offen handeln können. Es war ja klar: Das Land lebte von der Substanz. Wer in den achtziger Jahren offenen Auges durch die DDR ging, der sah: Die packen es nicht.  Mit Gorbatschow entstanden dann andere Optionen. Es war klar, dass die Welt nicht mehr so bleiben würde, wie sie war. Im Juni 1988 habe ich mit Markus Meckel ein Papier für einen „Verein zur Förderung der Mitarbeit am gesellschaftlichen und politischen Leben in der DDR“ entwickelt. Ich kam dann für mich aus verschiedenen Gründen im Herbst 1988 zur Entscheidung: Ein Verein reicht nicht, wir müssen eine Partei gründen. Man muss eine Handlungsoption haben.
BS: Die Richtung stand dabei fest?
Martin Gutzeit: Die Sozialdemokratie mit ihrer Geschichte und ihren Grundsätzen war mir schon nah. Und sie bot mit der Sozialistischen Internationale einen weiteren Ansatz. Es wäre zudem für die SED nicht einfach gewesen, erneut Sozialdemokraten verhaften zu lassen und vor Gericht zu stellen. Und man konnte mit klaren Strukturen der Zersetzungsstrategie des Ministeriums für Staatssicherheit entgegenwirken: Wer mitmachen wollte, musste sich an die Prinzipien halten.
BS: Wie lief der Kontakt zu Markus Meckel?
Gutzeit: Von Juni 1988 bis Januar 1989 habe ich Markus Meckel  nicht gesehen.  Seit 86 war ich Assistent am Sprachenkonvikt bei Richard Schröder, Markus Meckel ist 1988 nach Magdeburg gezogen. Im Januar 89 haben wir über die Frage der Parteigründung gesprochen und uns im Februar erneut getroffen. Markus Meckel hat die Gründung einer Partei als Handlungsoption schon im Februar das erste Mal öffentlich erwähnt. Ich habe mich dann an ein Papier gesetzt. Ab Ende April hatte ich einen Computer, aber noch keinen Drucker. Bevor ich mich im Juli dann mit Markus Meckel wieder getroffen habe, musste ich das Papier mit der Schreibmaschine vom Bildschirm abtippen.
BS: Gab es Kontakte zu anderen Oppositionsgruppen?
Gutzeit: Ja, ich wusste, wo sich etwas tat. Ich bin auch im Juni zu Bärbel Bohley gegangen und habe ihr gesagt, wir wollen eine sozialdemokratische Partei gründen.  Aber ihre Antwort war nur: Mit Macht will ich nichts zu tun haben. Markus Meckel hat sich im Juni dann bei Rechtsanwalt Schnur...
 BS: ... der später als Stasi-Mitarbeiter enttarnt wurde...
Gutzeit: ...erkundigt, wie es um die rechtlichen Bedingungen für eine Parteigründung steht. Die Stasi wusste also frühzeitig Bescheid. Meckel hatte zudem im Juli auf einem Seminar, an dem auch Ibrahim Böhme teilnahm, das Papier gezeigt. Am 1. August hatte die Stasi von Böhme einen Bericht darüber. Da stand drin, dass keine Kenntnis darüber besteht, wer außer Markus Meckel und Martin Gutzeit noch daran beteiligt ist, was natürlich für die Stasi Mist ist, weil sie nicht weiß, welche Kreise das bereits gezogen hat. In der Nacht vom 23. auf den 24. Juli haben Markus Meckel und ich unseren Aufruf fertig gemacht. Am 21. August haben die Initiatoren der des Demokratischen Aufbruchs getagt, die haben sich aber gegen unser Konzept entschieden, weil sie ein breiteres Bündnis anstrebten. 
BS: Zur selben Zeit sind immer mehr Menschen aus der DDR abgewandert
Gutzeit: Dieses Phänomen hatten wir seit den siebziger Jahren.  Von meinem Studienjahr ist bestimmt ein Drittel rübergegangen. Aber es ist richtig: die fehlten uns auch in Opposition.
BS: Wie kam der Gründungskreis für die SDP zusammen?
Gutzeit: Am 25./26. August haben wir unseren Aufruf bei einem Menschenrechtsseminar in der Golgatha-Gemeinde vorgestellt. Am 25. hat Arndt Noack, den wir auch schon seit den siebziger Jahren kannten, den Aufruf mit unterschrieben, am 26. Ibrahim Böhme und Pfarrer Becker aus Halle.  Unseren kirchlichen Vorgesetzten haben Markus Meckel, Arndt Noack,  und ich angekündigt, dass wir das nicht als Kirchenmitarbeiter sondern als Staatsbürger betreiben wollten. Daraufhin antwortete mein Vorgesetzter: Na gut, wir haben ja auch Pfarrer, die in der CDU sind.  Am 18. September haben wir uns im Sprachenkonvikt getroffen, da waren u.a. auch Konrad Elmer und Angelika Barbe mit dabei. Ein weiteres Treffen, bei dem wir über die Grundsätze gesprochen haben, war am 25. Und wir wollten die Gründung auf alle Fälle sicherstellen: Wenn jemand von den Unterzeichnern verhaftet werden würde, dann sollte es jemand im Hintergrund geben, der einspringen konnte.  Inzwischen meldeten sich auch immer mehr Interessenten.
BS: Warum SDP und nicht gleich SPD ?
Gutzeit: Es sollte bewusst nicht die SPD in Ost-Berlin wiederbelebt werden, was ja auf Grund alliierten Rechts möglich gewesen wäre. Unser Anspruch war, eine Partei für die ganze DDR zu gründen. Deshalb SDP, deshalb auch Schwante und nicht Berlin für die Gründung. 
BS: Wie wurde das Programm diskutiert?
Gutzeit: Wir standen vor ganz anderen Herausforderungen. Hier ging es darum, die Grundlagen für eine offene Gesellschaft und einen demokratischen Rechtsstaat zu schaffen. Das waren eher Verfassungsgrundsätze als ein konkretes Programm. Diese Art von Monopolstruktur wie die DDR sie hatte, war ausgesprochen anti-emanzipatorisch. In einer strafrechtlichen Einschätzung des MfS von damals wird deutlich: Unser Vorhaben zielte auf die Machtbasis der „Einheitspartei“ SED. Markus hat in Schwante einen programmatischen Vortrag gehalten, über den wir dort gesprochen haben. Konrad Elmer hatte den Auftrag, ein Statut vorzulegen. Ich selbst habe die Vorlage für die zehn programmatischen Paragraphen des Statuts gemacht.
BS: Welche Vorsichtsmaßnahmen wurden getroffen?
Gutzeit:  Es gab zwei Exemplare einer Gründungsurkunde vom 2. Oktober mit den 11 Unterschriften der an diesem Tag Anwesenden, die an sicheren Stellen deponiert wurden und notfalls veröffentlicht werden sollten, wenn unser Treffen am 7. verhindert werden sollte. Niemand sollte sich in der Nacht vor der Gründungsversammlung in seiner Wohnung aufhalten. Damit der Treffpunkt in Schwante nicht vorher bekannt wurde, habe ich verschiedene Leute unterwegs mit dem Auto abgeholt.  Morgens hatte ich in verschiedenen Kaufhallen nach und nach Lebensmittel für 40 Personen eingekauft.
                          

Interview: Ulrich Horb

aus: Berliner Stimme 19, 26. September 2009