Gedenkstättenfahrt 2004: Berliner SPD in Buchenwald

Gedenkstättenfahrt 2004: Berliner SPD in Buchenwald

Die im Jahr 2004 nur eintägige Fahrt führte am 16. Oktober ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald. Auf der Hinfahrt besuchte die Gruppe in Eisenach den "Goldenen Löwen" (heute August-Bebel-Gesellschaft), wo am 8. August 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) gegründet wurde. Ein kurzer Vortrag und die Besichtigung der Bebel-Ausstellung gab Gelegenheit, mehr über diese historische Stätte zu erfahren. Im ehemaligen KZ Buchenwald legte der SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzende Michael Müller einen Kranz nieder.

Berliner SPD in Buchenwald


"Der Eindruck, den dieser Ort und seine Geschichte bei uns hinterlässt, ist so intensiv, so beklemmend und zerstörerisch, dass viele von uns ihn lange nicht werden abschütteln können.“ Das sagte der SPD-Landesvorsitzende Michael Müller in seiner Gedenkrede im ehemaligen KZ Buchenwald am 16. Oktober.
Rund 170 Berlinerinnen und Berliner, viele SPD-Mitglieder, aber auch einige Nicht-Mitglieder, hatten an der diesjährigen Gedenkstättenfahrt nach Buchenwald teilgenommen. Begrüßt wurden sie in Buchenwald durch Rikola-Gunnar Lüttgenau, Leiter der Gedenkstätte und stellvertretender Stiftungsdirektor. „Es ist ein aus der Welt gefallener Ort, auch wenn er von Menschenhand geschaffen wurde, und so sieht er auch aus – öd, karg und leer“, sagte Lüttgenau. „Und doch ist er mehr, er ist auch ein Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, nicht nur weil er mit der Geschichte so vieler verbunden ist – auch über 100 Mandatsträger der SPD in Landtagen und im Reichstag waren hier inhaftiert – sondern weil hier etwas Grundsätzliches in Frage gestellt wurde: Wie der Mensch zum Menschen ist. Das müssen wir uns immer fragen, nicht für die Vergangenheit, sondern für uns, für die Zukunft.“ Lüttgenau wies darauf hin, dass Buchenwald für 56.000 Häftlinge des KZ und später auch noch für 8 000 Häftlinge des sowjetischen Speziallagers zu einem Friedhof wurde.

Die Teilnehmer der Gedenkstättenfahrt legten an der Gedenkplatte, die im Boden eingelassen auf 37 Grad Körpertemperatur erwärmt wird, einen Kranz nieder. „Jeder von uns, der sich dem Leiden der Opfer nicht verschließen kann und will, ist aufgefordert, sich gesellschaftlich zu engagieren“, so Michael Müller in seiner Rede. „Krieg, Rassismus und jeder anderen Art von Menschenverachtung mit oder ohne ideologischem Hintergrund muss entschieden entgegen getreten werden.“



Die Rede von Michael Müller in der Gedenkstätte Buchenwald am 16. Oktober

Sehr geehrter Herr Lüttgenau, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Genossinnen und Genossen,
der Besuch dieser erzeugt Bestürzung und Trauer. Wir wissen, dass alles, was heute noch vom Konzentrationslager Buchenwald zu sehen ist, nur einen schwachen Eindruck von dem vermitteln kann, was sich vor 60 Jahren hier abgespielt hat.
Viele engagierte Demokraten der Republik, die nur ein paar Kilometer weiter als Weimarer Republik gegründet worden ist, sind für ihre Überzeugung hier in Buchenwald ermordet worden.
Die schrecklich lange Liste, der hier zu Tode gekommenen Menschen ist international.
Unter den 56.000 Toten waren Juden die größte Gruppe. Aus ganz Europa sind Menschen hierhin verschleppt und ermordet worden. Zu allen diesen Opfern gab es Täter. Meistens waren es Deutsche. Hier in Buchenwald starb niemand zufällig.
Kein Tod war ein Unfall. Es gab kein Leben, das nicht hätte gerettet werden können.
Die Unvorstellbarkeit dessen, was hier geschehen ist, beschäftigt nicht erst uns Nachkommen. Auch die amerikanischen Befreier des Lagers erfassten im April 1945 nur langsam, welche Hölle das SS-System hier organisiert hatte.
General Eisenhower, dem Oberbefehl der amerikanischen Truppen in Europa und späteren US-Präsident, wurde erst vollständig bewusst, welche Gräuel sich tatsächlich hinter den Berichten über die deutschen Konzentrationslager verbarg, als er das befreite Konzentrationslager Buchenwald sah. Sämtliche Berichte, schrieb Eisenhower an den amerikanischen Oberbefehlshaber Marshall, die bisher in die Öffentlichkeit gedrungen waren, kämen nicht annähernd an die Wirklichkeit heran.
Eisenhower sorgte dafür, dass Journalisten und Kongressmitglieder aus den USA sowie Volksvertreter aus England noch Mitte 1945 die befreiten Konzentrationslager sahen. Es waren auch amerikanische Militärs, die nur wenige Tage nach der Befreiung des Lagers Buchenwald 1000 Bewohner Weimars zwangen, sich anzuschauen, was sieben lange Jahre lang vor ihrer Haustür geschehen ist.
Doch mit dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 11. April 1945 war Leid und Unmenschlichkeit an diesen Ort nicht beendet.
Nach der Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen übernahm das sowjetische Militär das Gelände und errichtete das „Speziallager Nr. 2“.
Dieser Teil der Geschichte wurde in der DDR systematisch verschwiegen. Auch das macht betroffen und wütend.
Von den Nationalsozialisten als Mordstätte gegründet, von den Amerikanern 1945 befreit, von der Roten Armee weiterbetrieben, in der DDR als „nationale Mahn- und Gedenkstätte“ und antifaschistische Legitimation instrumentalisiert, hat man erst heutzutage einen vollständigen Blick auf die mehr als wechselvolle Geschichte dieses Ortes.
Der Eindruck, den dieser Ort und seine Geschichte bei uns hinterlässt, ist so intensiv, so beklemmend und zerstörerisch, dass viele von uns ihn lange nicht werden abschütteln können.
Jeder von uns, der sich dem Leiden der Opfer nicht verschließen kann und will, ist deshalb aufgefordert, sich gesellschaftlich zu engagieren. Krieg, Rassismus und jeder anderen Art von Menschenverachtung mit oder ohne ideologischem Hintergrund muss entschieden entgegen getreten werden.
Unter dem Eindruck dieses Ortes muss jedem klar sein: Dazu gibt uns unsere freiheitliche Gesellschaftsordnung nicht nur die Möglichkeit und das Recht, sie verpflichtet uns auch dazu.
Buchenwald ist ein Ort, der uns verstehen lässt, dass es nicht reicht, als guter Demokrat das nationalsozialistische System zu verabscheuen und jedem rassistischen und nationalsozialistischen Gedankengut offensiv zu begegnen.
Buchenwald ist auch ein Ort, der uns klar macht, dass jedes Regime mit totalitärem Herrschaftsanspruch gefährlich ist. Der deutsche Nationalsozialismus hat den millionenfachen Mord an den Juden nicht nur geschehen lassen, sondern ihn offensiv und öffentlich betrieben.
Die Verbrechen die Deutsche zwischen 1933 und 1945 an Millionen von Menschen begangen haben, lassen sich nicht mit anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufrechnen.
Auch wenn es für die Opfer nicht von Bedeutung sein kann, welche politische Gewalt zu ihrem Tod führt: Wir sollten nicht den Fehler machen den nationalsozialistische Terror mit den Grausamkeiten Stalins gleichzusetzen.
Aber wir können festhalten, dass es kein demokratischer Rechtsstaat war, der verfügt hat, in einem ehemaligen Konzentrationslager ein Internierungslager zu betreiben. Weder die DDR noch die Sowjetunion waren demokratische Staaten. Ihr Umgang mit diesem Ort führt uns das deutlich vor Augen.
Sehr geehrter Herr Lüttgenau, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Genossinnen und Genossen,
die Aufgabe der Gedenkstätte Buchenwald ist nirgendwo treffender beschrieben als in einem kurzen Text des „Vereins zur Förderung der Erinnerung an das KZ Buchenwald“.
Dort heißt es: „Die Geschichte, die sich an diesem Ort verkörpert, fordert dazu auf, die Unselbstständigkeit des Guten zu erkennen. Freiheit, Gerechtigkeit, Toleranz und Menschenwürde sind nur dann wirklich, wenn Menschen sich für diese Werte einsetzen und Verantwortung für ihre Verwirklichung übernehmen.“
Diesem Auftrag an jede und jeden von uns, die Gesellschaft in der wir leben wollen zu gestalten und vor jeder Art von Totalitarismus zu verteidigen, möchte ich mich anschließen.
Lassen Sie uns als Symbol für unsere Verbundenheit mit den Opfern von Krieg und Diktatur nun eine Minute in stillem Gedenken verharren.

Rede von Rikola-Gunnar Lüttgenau, stellvertretender Stiftungsdirektor:

Herr Müller, Herr Momper, meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich darf Sie sehr herzlich in Buchenwald willkommen heißen.
Ich weiß, in so manchen Ohren klingt das mehr als seltsam „In Buchenwald willkommen geheißen“ zu werden.
Selbst bei Ihnen, auch wenn sie bereits bei einer der vorherigen Fahrten des Landesverbandes, was ihnen ja zu einer guten Tradition geworden ist, zugegen waren, vielleicht sogar auch in Buchenwald.
Und wie soll man sich auch fühlen an einem Friedhof, der Buchenwald ja auch ist, für die 56 000 des KZ und später, verwirrenderweise, auch noch für 8 000 des sowjetischen Speziallagers. , Es ist ein aus der Welt gefallener Ort, auch wenn er von Menschenhand geschaffen wurde, und so sieht er auch aus – öd, karg und leer.
Und doch ist er mehr, er ist auch ein Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, nicht nur weil er mit der Geschichte so vieler verbunden ist – auch über 100 Mandatsträger der SPD in Landtagen und im Reichstag waren hier inhaftiert – sondern weil hier etwas Grundsätzliches in Frage gestellt wurde: Wie der Mensch zum Menschen ist. Das müssen wir uns immer fragen, nicht für die Vergangenheit, sondern für uns, für die Zukunft. Und deswegen ist es gut, dass sie hier sind, dass ich sie in Buchenwald willkommen heißen kann. Wunsch: Film – Gedenken - Begleitung
Herr Müller, Herr Momper,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
an Tote gedenken, wie wir es heute tun, das gab es nicht in einem KZ. Da gab es keine Totengebete, keine Totenwache, kein Totengeläut. Nichts dergleichen. Nur das Knarren der hölzernen Leichenkarren, auf denen jeden Abend die Toten von den Baracken zum Krematorium gebracht wurden. Sie haben gerade Rolf Kralovitz darüber berichten gehört, wie unnatürlich natürlich der Tod im KZ war.
Hier an dieser Stelle, an der wir heute stehen, konnte am 19. April 1945, also eine Woche nach der Befreiung, das erste Gedenken an alle Toten des KZ Buchenwald stattfinden. Noch in den Werkstätten des Lagers bauten die befreiten Häftlinge einen hölzernen Obelisken, den sie hier errichteten. (Seinen Standort erkennen Sie hier an den vier Markierungen.) und hier kamen sie alle zusammen, um allen Toten, ohne Unterschied, zu gedenken. Und um den Schwur von Buchenwald zu sprechen.
Das KZ Buchenwald wurde nicht geschaffen, um eine demokratische Opposition zu bekämpfen. 1937 gab es die nicht mehr. Es wurde geschaffen, weil die Nationalsozialisten die Vision einer rassisch und biologisch gesunden deutschen Volksgemeinschaft hatten. Und Obdachlose, Schwule, Sintis, Vorbestrafte und auch renitente politische Gegner, die gehörten nicht dazu. Sie kamen alle ins KZ, in diese neue Ausgeburt des Möglichen. Ja, bisher hatte es ein KZ wie Dachau, Sachsenhausen oder Buchenwald nicht gegeben, aber die Nazis bewiesen, dass sie möglich waren. Jetzt mit den Mitteln der Bürokratie, der Arbeitsteilung, den Mitteln der Moderne. Sie waren es, die die Möglichkeiten der Moderne in ihrem Schlechtesten ausloteten.
Sie erklärten Menschen zu Nichtmenschen, um sich alles erlauben zu können. Und sie erlaubten es sich. Und so war es erst am 19. April 1945 an dieser Stelle wieder möglich, die Toten im nachhinein zu ehren, sie, die hier in Buchenwald aus der Welt gestoßenen, zumindest symbolisch wieder in die Menschengemeinschaft hereinzuholen.
Wir heute Lebenden stehen häufig etwas hilf- und ratlos an solchen Orten. Und ich sage, zum Glück, denn es gibt keine Möglichkeit für uns, das Geschehene ungeschehen zu machen und zu den Toten kann man sich auch nicht legen. Und so steht hier, an dieser Stelle, auch kein festes, kein sicheres, kein hoch aufragendes Denkmal, das scheinbare Gewißheiten verkündet. Hier liegt nur eine Platte, die uns daran erinnert, dass hier die Überlebenden ihrer Toten gedachten, und die Toten auf diese Art wieder - und auch sich selber - als Menschen manifestierten.
Wie wir das tun ... das obliegt uns selbst und das ist vielleicht die schwerste Aufgabe, die uns heute Lebenden überkommen ist und der wir nicht fliehen sollten. Aber wie wir es auch tun, eins eint uns alle. Alle Toten, alle Überlebenden und auch uns heute. Wir sind – ganz einfach - Menschen. Und deshalb birgt dieses Gedenkzeichen, so unscheinbar es auf den ersten Blick auch wirken mag, diese Gemeinsamkeit in sich. Und zwar auch real, denn es ist auf 37 Grad menschlicher Körpertemperatur erwärmt. Sie können es fühlen, wenn sie es möchten.
Und doch nimmt – zum Glück möchte ich wiederum sagen – diese Wärme auf diesem Appellplatz uns nichts von unserer Verantwortung, uns selbst zum Menschen unter Menschen auszubilden. Auch im Gedenken an die Toten von Buchenwald.

Rikola-Gunnar Lüttgenau
Stellv. Stiftungsdirektor