Gedenkstättenfahrt 2002: Berliner SPD in Stutthof

Gedenkstättenfahrt 2002 nach Stutthof

SPD-Gruppe legt in Stutthof einen Kranz nieder.
 

Auf der Gedenkstättenfahrt der Berliner SPD vom 2. bis 4. November 2002 nach Stutthof und Danzig hat der SPD-Landesvorsitzende Peter Strieder zur Wachsamkeit gegenüber allen Tendenzen aufgerufen, die die Menschenwürde aufgrund von Herkunft, Rasse, Glauben oder Überzeugung in Frage stellen. Strieder erinnerte im ehemaligen KZ Stutthof an die Opfer, die an diesem Ort der systematischen Vernichtung zu Tode kamen. "Wir verneigen uns in Scham vor den Opfern des Faschismus. Und wir verneigen uns vor unseren Gastgebern, die sich mit uns erinnern und uns an diesem Ort so freundlich als ihre Gäste empfangen." Rund 230 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind in fünf Bussen nach Stutthof gefahren. Insgesamt haben an den bisher 14 Gedenkstättenfahrten seit 1985 mehr als 5000 Berlinerinnen und Berliner teilgenommen.

 

Gedenkstättenfahrt 2002: Rede von Peter Strieder

Peter Strieder spricht
 

Rede des SPD-Landesvorsitzenden Peter Strieder in der Gedenkstätte Stutthof am 3. November 2002
(es gilt das gesprochene Wort)

Sehr verehrte Frau Kledzik,
sehr geehrter Herr Ledzion,
sehr geehrte Damen und Herren
liebe Genossinnen und Genossen,

zum 14. Mal besucht eine Delegation der Berliner SPD gemeinsam mit Interessierten ein ehemaliges Konzentrationslager. Jede Fahrt ist eine Reise in die Abgründe unserer Geschichte. Jede dieser Reisen hat uns das unermessliche Leid vor Augen geführt, das Menschen von Menschen in deutschem Namen zugefügt wurde.

Wir stehen an einem Ort der systematischen Vernichtung. 65.000 tausend Menschen, aus Danzig und den umliegenden Regionen, später aus allen Ländern, die Nazi-Deutschland mit Krieg und Vernichtung überzogen hat, sind hier getötet worden. Unter ihnen über 28.000 Mitglieder der einst großen jüdischen Gemeinde in Polen. Fast so unfassbar wie die nackten Zahlen, ist die Tatsache, dass Menschen überlebt haben. Das Lager Stutthof – einen Tag nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen am 2. September 1939 errichtet – war bis zum Kriegsende im Mai 1945 grausiger Bestandteil der so genannten „Lösung der Ostfrage“. Es war damit nicht nur das erste Lager auf dem gebiet des heutigen Polens, sondern auch das am längsten existierende. Die Idee dazu existierte bei den Nazis der Freien Stadt Danzig bereits lange vor dem Überfall Nazideutschlands auf Polen. Seit 1936 beobachtete und belauerte die Danziger Polizei die Repräsentanten der polnischen Gesellschaft in der Stadt. Es wurden regelrechte Karteien angelegt, nach denen am Tag des Angriffs auf Polen bereits 1.500 Mitglieder polnischer Organisationen verhaftet wurden.

In Trauer und verständnislosem Schweigen stehen wir heute hier und gedenken der Opfer von Stutthof und anderer Vernichtungslager der Nazidiktatur.

Wir verneigen uns in Scham vor den Opfern des Faschismus. Und wir verneigen uns vor unseren Gastgebern, die sich mit uns erinnern und uns an diesem Ort so freundlich als ihre Gäste empfangen.

Die Arbeit der Erinnerung ist die Voraussetzung für Versöhnung und Verständigung. Als deutsche Sozialdemokraten setzen wir uns dafür ein, dass von Deutschland nie wieder Krieg und Vernichtung ausgeht. Die Erinnerung daran wollen und müssen wir wach halten und kommenden Generationen weitergeben.

Wenn wir Deutsche in ein ehemaliges Konzentrationslager kommen, dann bewegen uns Gefühle, die nur schwer in Worte zu fassen sind. Die direkte Konfrontation mit den Verbrechen der Deutschen aus der Generation unserer Eltern und Großeltern ist für uns alle eine emotionale Grenzerfahrung. Unsere Beklemmung ist das späte Echo auf die Grausamkeit und die Mordlust der Täter und das tausendfache Leiden der Opfer. Man möchte schweigen, in sich gehen, sich zurücknehmen und den zu Tode gequälten und gepeinigten Menschen in Ruhe gedenken. Diese Trauerarbeit muss jeder für sich leisten.

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Paul Celans Worte aus der Todesfuge haben in kaum einem anderen Land diese schreckliche Bedeutung wie hier in Polen. Das von den Nazis auf den Begriff „Lebensraum im Osten“ gebrachte Kriegsziel verdeutlichte schon früh, worum es der nationalsozialistischen Polenpolitik ging: Die systematische Beseitigung der polnischen Bevölkerung, vor allem der jüdischen. Im Lager Stutthof sind bis 1942 hauptsächlich Menschen aus Danzig und Westpreußen gefangen gehalten und getötet worden, die das kulturelle, gesellschaftliche und religiöse Leben repräsentierten. Es waren Intellektuelle, Geistliche, Journalisten und Wissenschaftler. Hier, im so genannten „Gau Danzig-Westpreußen“ wurde sogar die polnische Sprache verboten.

Hitler selbst sprach auf einer Geheimkonferenz mit den Spitzen der Wehrmacht eine Woche vor dem Überfall auf Polen aus, was die Nazis wirklich wollten: Ihnen ging es beim Überfall auf Polen am 1. September 1939 um die „Vernichtung Polens“ und die „Beseitigung seiner lebendigen Kraft“. Die physische Vernichtung der polnischen Bevölkerung hat Hitler dabei nicht nur in Kauf genommen, sondern ausdrücklich zum Ziel gehabt. Die deutsche Wehrmacht hatte ihren Auftrag „rücksichtslos“ durchzuführen und sich „gegen alle Erwägungen des Mitleids hart zu machen“. Entgegen der in Deutschland lange vorherrschenden Ansicht hat sich die Wehrmacht besonders in Polen und den östlich angrenzenden Ländern zahlreicher Kriegsverbrechen schuldig gemacht. Zwischen 1939 und 1945 sind 1/5 der polnischen Bevölkerung umgekommen. Alle Überlebende dieser Zeit haben Deutschland und die Deutschen als brutale Besatzer kennen gelernt.

Stutthof ist ein Ort, an denen niemand der Erinnerung entgehen kann. Das Wissen um die Verbrechen der Nationalsozialisten und das Bekenntnis, dass wir als deutsche Sozialdemokraten uns in der Verantwortung sehen, eine totalitäre und rassistische Diktatur nie wieder in Deutschland zuzulassen, ist die Basis für Versöhnung und Verständigung mit den polnischen Nachbarn.

Als politische Partei haben wir mehr als Trauerarbeit zu leisten. Es bleibt die Last der historischen Verantwortung, die uns niemand nehmen kann. Gerade für uns Deutsche gilt die Erkenntnis: ”Nur wer weiß, wo er herkommt, weiß auch, wo er hin will.”

Dieser Grundsatz hat den deutsch-polnischen Beziehungen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dem Ende des kalten Krieges und der Wiedervereinigung eine neue Dynamik gegeben. Deutschland hat sich seit Anfang der neunziger Jahren aktiv um die Überwindung der europäischen Teilung bemüht. Die beiden aus polnischer Sicht wichtigsten Punkte – die Lösung der Frage der Zwangsarbeiterentschädigung und die Unterstützung Deutschlands beim polnischen EU-Beitritt – verwirklichte die rot-grüne Bundesregierung. Indem wir Polen, wie zum Beispiel Frankreich, als wichtigen, gleichberechtigten Nachbarn und Partner akzeptieren, ziehen wir die Lehre aus der Vergangenheit. „Zweite Chance“ hat der amerikanische Historiker und Friedenspreisträger Fritz Stern die Gelegenheit Deutschlands genannt, konstruktiv, partnerschaftlich und demokratisch den Weg der Länder zu unterstützen, die unter Hitlerdeutschland am meisten gelitten haben.

Wir wollen und müssen diese „zweite Chance“ nutzen und dem Nachbarland Polen ein verlässlicher Partner sein. Berlin, einst Machtzentrum des nationalsozialistischen Deutschlands und heute Hauptstadt der Bundesrepublik, hat hier eine besondere Verantwortung.

Unsere Verantwortung ist es, jeden Versuch, das Menschsein, die Menschenwürde von Herkunft, Rasse, Glauben oder Überzeugung abhängig zu machen, offensiv abzulehnen. Wenn wir den Anfängen wehren wollen, müssen wir unablässig wachsam sein. Wenn unser Zögern auch nur von Einem als Tolerierung ihrer Taten interpretiert wird, dann haben wir einen schlimmen Fehler begangen.

Wahr bleibt: Eine aufgeklärte, tolerante und freie Gesellschaft ist nicht selbstverständlich. Sie muss Tag für Tag erkämpft werden. Menschen sind fehlbar und verführbar. Auch deshalb müssen wir mit aller Kraft die Erinnerung an den Holocaust wach halten. Und dazu brauchen wir das Engagement des Einzelnen für die tolerante, für die offene und die friedliche Gesellschaft. Und deshalb möchte ich all jenen unseren Dank sagen, die mit ihrem Engagement über die Jahrzehnte hier in Stutthof, aber auch in den anderen ehemaligen Konzentrationslagern mit ihrer Arbeit die Erinnerung wach halten.

„Unser Schicksal sei für Euch eine Warnung, keine Legende“, so steht es am Sockel des Mahnmals hier in Stutthof. Das Schicksal der 110.000 Menschen, die zwischen September 1939 und Mai 1945 hier gefangen waren und umkamen, darf nicht in Vergessenheit geraten. Wir verneigen uns und gedenken der Opfer.

 
Kreuz in der Gedenkstätte Stutthof

Kreuz in der Gedenkstätte Stutthof

 
 
Peter Strieder und Wolfgang Völz im Gespräch

Peter Strieder und Wolfgang Völz im Gespräch

 
 
Turm in der KZ-Gedenkstätte Stutthof

Turm in der KZ-Gedenkstätte Stutthof

 
 
Peter Strieder, Annette Fugmann-Heesing, Walter Momper

Peter Strieder, Annette Fugmann-Heesing, Walter Momper