Barbara Loth:

Barbara Loth: Für das Engagement begeistern

Barbara Loth
 

Es gibt viele Gründe, sich politisch zu engagieren. Und viele Möglichkeiten, etwas zu verändern. Im Interview sagt Barbara Loth, Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration, Frauen und stellvertretende Landesvorsitzende der Berliner SPD, was sie persönlich bewegt.

Wie finden Sie die Kampagne zur Geschlechtergerechtigkeit der Berliner SPD?
Die Kampagne finde ich sehr gut! Sie ist die erste ihrer Art innerhalb der SPD, auffällig und humorvoll. In unseren SPD-Foren,  AGs und Kreisen wurde sie zum Teil leidenschaftlich diskutiert. Ich würde mich freuen, wenn die Materialien auf breite Akzeptanz in und außerhalb unserer Partei treffen. Ich glaube, der Kern der Kampagne kommt an: Die SPD will mehr Frauen für ein politisches Engagement begeistern.

Warum sind Frauen in der SPD richtig, um ihre politischen Forderungen durchzusetzen?

Die SPD steht als immerhin älteste Partei Deutschlands klar für soziale Gerechtigkeit – unabhängig von Alter, Herkunft und eben auch Geschlecht. Diese Kernkompetenz wird uns in Umfragen und Gesprächen immer wieder bestätigt. Auch wenn wir schon auf 150 Jahre zurückblicken, sind wir modern.
Gerade deswegen haben wir es uns auch zur Aufgabe gemacht, das Thema Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern stärker zu beleuchten. Wir wollen, dass auf allen Ebenen Frauen und Männer gleichgestellt sind. In der politischen Arbeit ist dabei jede neue, aber vor allem auch die weibliche Perspektive von Nutzen. Mit mehr Frauen in der SPD bieten sich uns neue Kräfte und entstehen neue Ideen. Frauen sind in der SPD immer unverzichtbar gewesen und werden immer herzlich willkommen sein sich zu engagieren und laut vernehmbar einzubringen.

Was ist für Sie eine Zicke, ein Biest oder eine Diva ?
Für mich lässt sich eine Zicke nichts gefallen und keinesfalls beirren. Das Biest kennt keine Kompromisse, wenn es darum geht, die eigene Meinung einzubringen. Sie hat ihren eigenen Willen, der nicht zu brechen ist. Eine Diva weiß, was sie will und was nicht. Sie begnügt sich nicht mit weniger. Hier haben wir auf die Rückseite unserer Postkarte den ganz treffenden Satz geschrieben: „Lass Dir nichts erzählen. In der SPD kennen wir uns aus mit Diven. Meistens sind es Männer.“

Sind Sie schon einmal zur Zicke, Diva oder zum Biest geworden?
Wenn ich in meiner politischen Tätigkeit etwas durchsetze, dann kann ich auch schon mal zur Zicke werden. Denn ich kenne meine Ziele und lasse mich nicht von ihnen abbringen. Zum Biest kann ich werden, wenn ich Ungerechtigkeiten und Missstände erkenne und sie beseitigen will. Denn in diesen Belangen kenne ich keine Kompromisse. Eine Diva bin ich durchaus auch dann, wenn unseren politischen Forderungen kein Glaube oder keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ehrlich gesagt, ich glaube ein wenig von alldem macht doch jede Frau aus.

Was motiviert Sie, sich politisch zu engagieren?
Ich engagiere mich politisch, weil ich nicht stillschweigend zuzusehen will, wenn einige bevorzugt und andere fallengelassen werden. Auch wenn wir in Deutschland auf ein gutes und funktionierendes Sozialsystem bauen können, fehlt es immer noch zu vielen Menschen z.B. an Aufstiegschancen, Weiterentwicklungsmöglichkeiten und manchmal auch am Nötigsten. Ich will etwas verändern und kann das in und mit der SPD seitdem jeden Tag aufs Neue tun.

Was kann zur Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit getan werden?
Wir müssen uns noch intensiver mit den verschiedenen Lebenssituationen von Frauen befassen und hier auf eine absolute Gleichberechtigung hinwirken. Generell müssen Frauen denselben Respekt erfahren und dieselben Möglichkeiten haben ihr Leben selbstbestimmt zu leben wie Männer. Wir sind schon auf einem guten Weg, aber noch längst nicht am Ziel.

Wo besteht der deutlichste Handlungsbedarf ihrer Meinung nach?
Drei Felder stechen hier hervor: Arbeitswelt –  Kinderbetreuung –  Zukunftschancen. Viele Frauen arbeiten in Minijobs oder in Teilzeit. Das reicht für das Nötigste, aber es reicht nicht für große Sprünge oder gar Luxus. Nebenher ziehen sie Kinder groß und viele von ihnen kommen aus der „Teilzeit-Falle“ nach der Familiengründung nicht wieder heraus. Und zu bedenken gilt: Wer sein Leben lang wenig verdient – auch wenn sie oder er hart für sein Geld gearbeitet hat – kann im Alter nur auf eine geringe Altersvorsorge bauen. Altersarmut ist da in vielen Fällen vorprogrammiert. Das Rententhema ist also auch für Frauen ein wichtiges. Hier kann die Debatte ruhig noch mehr weiblichen Input vertragen.
Frauen muss es trotz der Erziehung von Kindern möglich sein, ihren Lebensunterhalt eigenständig zu verdienen. Hier ist natürlich in erster Linie der Partner oder die Partnerin gefragt, aber dann kommt es auch ganz wesentlich auf die Gesellschaft an. Es ist Aufgabe der Politik Kinderbetreuungsangebote zur Verfügung zu stellen. Und es ist Aufgabe der Unternehmen, eine kinder- und familienfreundliche Atmosphäre zu schaffen. Kinder dürfen kein Karrierehemmnis sein. Im Gegenteil, wer beides wuppt, zeigt doch wie leistungsfähig sie auf verschiedenen Ebenen ist. In den Chefetagen deutscher Unternehmen sind noch immer deutlich mehr Männer als Frauen. Es darf aber nicht um das Geschlecht gehen, sondern allein um die Fähigkeiten. Frauen verdienen zudem sehr oft für dieselbe Arbeit weniger als Männer. Die Arbeit von Frauen verdient aber dieselbe Anerkennung und denselben Respekt wie die von Männern!

Welchen Schwierigkeiten stehen Frauen heutzutage gegenüber?

Einige habe ich schon aufgezählt, aber was mich persönlich besonders umtreibt, ist, dass sich Frauen oft zwischen Karriere und Familie entscheiden müssen. Wir wollen beides ermöglichen - ohne Verzichte. Eine erfolgreiche Karriere und eine Familie darf kein Privileg von Wenigen sein, sondern soll eine von vielen mögliche Lebensplanungen sein, die wir Frauen ermöglichen wollen.

 

Barbara Loth (55) ist Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration, Frauen, stellvertretende Landesvorsitzende der Berliner SPD und Vorsitzende der AG Geschlechtergerechtigkeit. Bis 2006 war sie Richterin am Arbeitsgericht und bis 2011 Bezirksstadträtin für Wirtschaft, Verkehr und Gesundheit in Steglitz-Zehlendorf. Barbara Loth hat selbst zwei Kinder und lebt in Berlin Steglitz-Zehlendorf.

 

Interview: A. Erdmann